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Konservativ jubeln: Martin Hinteregger.

Eintracht Frankfurts Kultspieler im Interview

Martin Hinteregger: „Wir werden uns nicht einmauern“

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SGE-Verteidiger Martin Hinteregger über seine Wünsche für 2020, Kritik an seinem Torjubel und die Laufbahn als Eishockeyspieler beim HC Köttern 2.

Wegen einer Erkältung hatte Martin Hinteregger, Verteidiger bei Eintracht Frankfurt, die ersten Tage des USA-Trainingslagers von Eintracht Frankfurt verpasst und sich stattdessen im Teamhotel des Übungscamps erholen müssen. 

Auch das bereits vereinbarte Interview mit der FR musste ein paar Tage warten, ehe sich der SGE-Verteidiger direkt nach seiner Genesung, noch mit leichter Schniefnase, Zeit für das Gespräch nahm – zu eher ungewohnter Uhrzeit nach dem Abendessen. Die späte Freizeit nutzte manch ein Teamkollege dazu, dem Interview im Restaurant des Teamhotels scherzend beizuwohnen.

Herr Hinteregger, Sie mussten anfangs im USA-Trainingslager erkältet noch das Bett hüten. Wie fühlen Sie sich jetzt?

Es geht mittlerweile wieder besser. Man merkt natürlich, dass die anderen Spieler weiter und spritziger sind, aber es sind ja noch ein paar Tage Zeit bis zum ersten Spiel gegen Hoffenheim. Das wird schon.

Zumal Sie ja trotz eines großen Pensums am Ende der Hinrunde im Gegensatz zu manch einem Mitspieler nicht den Eindruck machten, müde zu sein.

Ja, mich persönlich hat es genervt, dass die Pause kam. Ich war von Spiel zu Spiel fitter und besser drauf, deswegen war es auch ein kleiner Rückschlag für mich, als es nach dem Köln-Spiel vorbei war. Ich persönlich hätte gerne weitergespielt.

Wie ist es zu erklären, dass den anderen Kollegen die Puste ausgeht und Sie immer besser werden?

Wenn man persönliche Erfolgserlebnisse hat, macht das einen automatisch fitter, natürlich auch im Kopf. Und der ist das Wichtigste. Wenn der Kopf fit ist, dann kannst du auch über einen längere Zeitraum gute Leistungen bringen. Deswegen wäre es auch zu einfach, nur zu behaupten, dass uns in der Schlussphase der Hinrunde einzig die Kraft gefehlt hat.

Hinteregger: Viererkette keine große Umstellung

Ihr Coach Adi Hütter trainiert in Florida aktuell vermehrt die Viererabwehrkette, zuletzt verteidigten ja immer nur drei Spieler. Ist das eine schwierig Umstellung oder für einen Fußballprofi reiner Alltag?

Ich bin mit der Viererkette groß geworden und habe sie fast mein Leben lang gespielt, auch in der Nationalmannschaft. Das ist für mich also kein Problem, keine allzu große Umstellung.

Timothy Chandler betritt den Restaurantbereich des Teamhotels und kommentiert lächelnd im Vorbeigehen: „Ein Interview um diese Uhrzeit, was ist denn hier los? Ich glaube, ich spinne.“

Muss der Trainer also gar nicht so viel erklären?

Im Prinzip weiß schon jeder, wie es geht. Auch David Abraham hat die Viererkette ja sein Leben lang gespielt...

Chandler hat sich mittlerweile an den Nachbartisch gesetzt und grinst rüber, als Hinteregger weiterspricht.

...Timmy Chandler hat bei der Viererkette halt ein paar Probleme da links draußen auf der Seite. Er rennt einfach immer nach vorne und will nur Tore schießen. (beide lachen) Nein, aber ernsthaft: Es ist überhaupt kein Problem. Klar muss man sich auf seine Mitspieler anfangs ein bisschen mehr einstellen, damit die Abstimmung passt. Aber das wird von Spiel zu Spiel besser funktionieren, sollte der Trainer tatsächlich diese Variante wählen.

Das hieße für Sie als Innenverteidiger aber, dass es nicht mehr so häufig mit nach vorne gehen würde. Da hätten Sie als linker Mann der Dreierreihe schon mehr Freiheiten, oder?

Das würde abnehmen, das stimmt. In einer Dreierkette kann ich links mehr Offensivdrang entwickeln. Doch jetzt ist es wichtiger, dass wir die Defensive stabilisieren. Und meine Tore habe ich ja sowieso nach Standardsituationen gemacht.

Hinteregger: Wir brauchen Kompaktheit

Apropos, sechs Ligatore sind es bisher. Zuletzt hatten Sie in einem anderen Interview gesagt, dass Sie sicher daher mal einen neuen Torjubel ausdenken müssten. Warum?

Nach dem vierten oder fünften Tor haben mich meine Mitspieler darauf aufmerksam gemacht, dass ich immer gleich dumm weglaufe nach den Treffern. (lacht). Aber ich werde jetzt natürlich keinen bestimmten Torjubel einstudieren. Wichtig ist mir, dass ich nach einer Standardsituation einfach jubelnd in die Kurve laufen kann.

Wichtig wäre auch, dass Ihre Mannschaft mal wieder gewinnt. Was ist dafür notwendig?

In einem Wort erklärt: Kompaktheit. Das hat man einfach in den vergangenen Spielen gesehen, dass uns das extrem gefehlt hat. Defensive Stabilität kriegen wir hoffentlich wieder einstudiert über die Trainingseinheiten, defensive Stabilität funktioniert aber auch nur über eine Teamkompaktheit. Dann werden wir auch wieder offensiv zu mehr Torchancen kommen. Standards sollen natürlich auch weiter eine Waffe bleiben, aber für die Zuschauer ist es ja schöner, wenn man sich durchkombiniert und daraus ein Tor erzielt.

Der Trainer lässt gerne offensiv attackieren, geht häufig relativ viel Risiko ein. Ist es für ihn eine Umstellung, defensiver zu denken? Wie schätzen Sie das ein?

Unsere offensiven Prinzipien nach vorne bleiben ja weitestgehend gleich. Wir wollen uns jetzt nicht plötzlich hinten reinstellen und nur das eigene Tor verteidigen, sondern schon nach vorne attackieren – egal bei welcher taktischen Formation. Es geht darum, aus einer Kompaktheit heraus nach vorne zu verteidigen. Das haben wir teils ja auch in der Hinrunde gut gemacht, gegen Leipzig, Leverkusen, Bayern oder Hoffenheim zum Beispiel. In anderen Spielen, wo man dachte, es ginge vielleicht ein bisschen leichter, haben wir es nur manchmal ein bisschen vernachlässigt. Doch wir werden uns sicher nicht hinten einmauern und jedes Spiel zu null spielen, sondern wir wollen Tore schießen, viele Tore schießen und den Zuschauern etwas bieten.

Sebastian Rode zog dieser Tage in Florida ein Fazit, wonach für ihn persönlich das Sportjahr 2019 „unglaublich“ gewesen sei. Dann müsste Ihr Fazit ja sogar noch ein bisschen unglaublicher ausfallen mit all der Fanverehrungen für Sie, oder? Was kann da 2020 überhaupt noch besser werden?

Chandler räuspert sich und grinst wieder rüber, ehe Hinteregger antwortet.

Persönlich sollte es vielleicht nicht ganz so turbulent werden. Ich bin zur Ruhe gekommen und will auf dem Platz für positive Schlagzeilen sorgen.

Welche Ziele haben Sie sich persönlich und welche mit der Eintracht gesetzt?

Wir stehen nur drei Punkte vor dem Abstiegsplatz. Nach oben brauchen wir uns also erst einmal keine großen Ziele zu setzen. Vielleicht, dass wir zum Schluss noch mal angreifen können. Aber in erster Linie ist es mal wichtig, dass wir unten wegkommen. Persönlich habe ich nicht vor, dass ich jetzt weniger Tore schieße als in der Hinrunde. Wobei es natürlich nicht einfach wird, noch mal sechs Treffer zu erzielen – höchstens wenn ich auch die Elfmeter schießen darf (lacht).

Hinteregger hat keine Erklärung für Beliebtheit

Sie sprachen es eben selbst an: Es war für Sie ein turbulentes Jahr mit vielen positiven wie negativen Schlagzeilen. Damit ging auch der Effekt einher, dass sie einen besonderen Status bei vielen Fans erlangt haben, sie außerordentlich beliebt sind. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Nicht richtig, ich suche noch immer nach der Ursache dafür, ich kann es noch immer nicht so genau erklären. Aber dieser Status ist schon etwas, was mich gute Leistungen zeigen lässt, was mich antreibt. Für mich ist das extrem wichtig. Um diesen Schuss Extra-Motivation zu bekommen, da hilft solch eine fantastische Unterstützung natürlich brutal. Wenn es mal andersrum gehen würde, wenn ich also schlecht spielen und alle draufhauen würden, dann träfe mich das sicher auch mehr als andere. So wie jetzt ist es aber sehr beflügelnd. Die Unterstützung ist sicher auch ein Grund dafür, weshalb ich im vergangenen Jahr in der Lage zu den guten Leistungen war.

Sie und ihre Teamkollegen sind insgesamt acht Tage lang in Florida im Trainingslager. Wie beschäftigen Sie sich, wenn mal nicht trainiert wird?

Timothy Chandler erhebt seine Stimme und scherzt: „Immer noch beim Interview, das dauert aber ewig.“ Hinteregger lächelt und spricht dann ruhig weiter.

Natürlich ist man froh, danach den Timmy Chandler mal zwei Tage lang nicht sehen zu müssen (beide lachen), aber im Großen und Ganzen habe ich gelernt, die Zeit in Trainingslagern gut für mich zu nutzen. Erstens geht es natürlich darum, alles zu machen, was trainingstechnisch so möglich ist. Solch ein Areal wie hier in der IMG Akademie gibt es in Europa nicht, das muss man einfach ausnutzen. Und zweitens versuche ich in der freien Zeit extrem, bei meinem Helikopterschein weiterzukommen, die Theorie zu verfestigen.

„Martin“, ruft Chandler durch das Restaurant, „Maaartin“. Hintereggers Blick wandert erst zu Chandler, der wiederum am Österreicher vorbei auf einen ankommenden Mitarbeiter der Eintracht zeigt, auf Martin Spohrer, den Fitnesscoach. „Nicht schlecht, der Witz war klasse“, sagt Hinteregger und lacht. Auch die Gedanken Chandlers sind in diesem Moment nicht schwer zu erahnen – ‚wo der Hinti Recht hat, da hat er Recht‘. Dann setzt Hinteregger seinen Satz über die Ablenkung vom Trainingsalltag fort.

Mir ist es auf jeden Fall wichtig, mich auch mit anderen Dingen zu beschäftigen. Ich kann ja nicht den ganzen Tag an Fußball denken.

Hinteregger: Geheime Leidenschaft Eishockey

Ein paar Meter weiter gäbe es die Gelegenheit zum Golfen. Aber da habt ihr offenbar nicht so viele Spieler in den Reihen, oder?

Ich glaube, Seppl Rode ist zurzeit eigentlich der einzige, aber hier wäre eh keine Zeit für Golf gewesen.

Interessieren Sie sich noch für andere Sportarten als den Fußball?

Eishockey. Das ist mein Sport – zum Spielen und Schauen.

Sie spielen auch selbst?

Ich habe früher gespielt bis ich 18 Jahre alt war, in der letzten Liga Österreichs. Ich war damals schon Profi in Salzburg und habe im Weihnachtsurlaub nebenbei immer ein bisschen Eishockey gespielt beim HC Köttern 2.

Waren Sie auf dem Eis auch Verteidiger?

Nein, rechter Stürmer.

Also müssten Sie ja eigentlich den Torjubel perfekt drauf haben?

Nein, nein, leider nicht. Wir haben jedes Spiel haushoch verloren, wir haben leider keine Tore geschossen.

Interview: Daniel Schmitt

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