+
Wenn die richtigen Stürmer nicht stürmen können, muss halt der falsche Stürmer stürmen: Daichi Kamada (links) macht das ganz gut.

Eintracht Frankfurt

Eintracht Frankfurt: Adi Hütter mit hohem Anspruch

  • schließen

Der Frankfurter Trainer warnt nach dem Arbeitssieg gegen Lüttich vor überzogenen Erwartungen und stellt lieber die jüngsten Erfolge heraus.

Nach dem gleichwohl mühseligen wie wichtigen Erfolg in der Europa League gegen Standard Lüttich sagte Adi Hütter, dass er sich „sehr wohl“ über dieses 2:1 freue. Adi Hütter, der Eintracht-Trainer, sah aber gar nicht so aus, als würde er sich freuen. Kein Lächeln, kein Funkeln in den Augen, keine Ausgelassenheit. Mit versteinerter Miene und grimmigem Blick streute er seine Botschaft unter die Zuhörer, und man muss kein Interpretationskünstler sein, um zu erahnen, dass da einer bemüht war, die Relationen richtig zu ordnen und keine Disbalance zwischen Anspruch und Wirklichkeit aufkommen zu lassen. „Wir müssen aufpassen, wenn wir uns über unsere Siege nicht mehr freuen“, sagte der Österreicher, und es schien, als sei er tatsächlich angesäuert.

Ist es in Frankfurt tatsächlich so weit, dass die breite Öffentlichkeit einen Sieg auf internationalem Parkett gegen den Tabellenzweiten aus Belgien nicht mehr richtig zu schätzen und einzuschätzen weiß? Das sicher nicht, aber klar ist auch, dass eine zähe Veranstaltung wie jene am Donnerstagabend die nach oben offene Begeisterungsskala in Frankfurt nicht übermäßig ausschlagen lässt. Dazu war die Vorstellung zu holprig. Die Wechselwirkung zwischen Mannschaft und Fans, die diese magischen Frankfurter Nächte heraufbeschwört, beruht aber in erster Linie auf einer Vorleistung des Teams auf dem Rasen. „Das war nicht das Feuerwerk, das wir uns erhofft hatten“, räumte Verteidiger und Torschütze Martin Hinteregger (siehe nebenstehenden Bericht) ein.

Eintracht Frankfurt: Pflicht erfüllt

Andererseits ist es so, dass die Hessen ihre Pflicht erfüllt haben, und es ist für ein Ensemble, wie es die Eintracht beisammen hat, nur schwerlich möglich, Glanzlichter wie jenes gegen Leverkusen beliebig zu reproduzieren. Zumal Standard eine unangenehm zu bearbeitende Truppe auf das äußerst rutschige Geläuf im Stadtwald geschickt hatte. Die Belgier verteidigten massiv und konsequent, stellten die Räume geschickt zu. „Man darf nicht vergessen, dass Lüttich keine Nullachtfünfzehn-Mannschaft hat, sondern gerade international sehr erfahren ist“, sagte Hinteregger. Der eine Gegentreffer könnte der Eintracht unter Umständen sogar noch wehtun, weil in der Europa League der direkte Vergleich zählt und dieser bei einem 1:0-Sieg der Belgier im Rückspiel für Standard sprechen würde.

Eintracht gegen Lüttich: Fans attackierten Polizei

Adi Hütter befasst sich damit nicht, eher mit dem großen Ganzen, und da hielt er auch am Tag danach ein fast schon flammendes Plädoyer für eine realistischere Einschätzung des Status quo. „Wir haben“, hob er also an, „drei Spieler verloren, die zusammen 57 Tore geschossen haben“. Und trotzdem habe seine Mannschaft mit „anderem Personal“ die Erwartungen bisher erfüllen, vielleicht sogar übertreffen können. Die Eintracht, zählte der Coach auf, ist nun seit sechs Spielen ungeschlagen, im DFB-Pokal dabei, hat die internationale Ochsentour überstanden, sich für die Gruppenphase der Europa League qualifiziert und dort zwei von drei Partien gewonnen, sechs Punkte macht Tabellenplatz zwei. Auch in der Bundesliga ist das Team gut unterwegs, liegt mit 14 Punkten nach acht Partien nur zwei Zähler hinter Spitzenreiter Borussia Mönchengladbach, dem die Eintracht am Sonntagabend (18 Uhr) am Niederrhein auf den Zahn fühlen wird. Hütter ärgert sich noch immer über die zwei verlorenen Punkte gegen Bremen, „sonst wäre das am Sonntag ein richtiges Spitzenspiel“. Ist es so ja auch, gewissermaßen.

Eintracht Frankfurt mit toller europäischer Bilanz

Zumal die Eintracht, und diese Statistik kannte der Trainer wahrscheinlich gar nicht, im europäischen Vergleich, gemessen an den letzten fünf Pflichtspielen, herausragend abschneidet. Mit vier Siegen und einem Unentschieden hat sie sich unter den Topteams in Europa eingenistet, liegt auf Rang sieben, vor ihr rangieren absolute Weltklubs wie Paris Saint-Germain, FC Barcelona, FC Chelsea oder Juventus Turin, hinter den Frankfurtern etwa Manchester City. Hütter, der selbst hohe Ansprüche hat und diese auch an die Mannschaft weitergibt, mahnt an, „mit Kritik sorgfältiger umzugehen“, denn wer glaube, „wir können alle drei Tage ein Feuerwerk abbrennen“, der irre. „Das schaffen wir nicht.“ Aber, schob er nach, und es ist ein großes Aber: „Wir punkten, das ist entscheidend. Und wir punkten auch unter Druck.“

Dejan Joveljic braucht noch Zeit

Die Partie gegen Lüttich hat jedoch auch gezeigt, dass die Eintracht Probleme bekommt, wenn zwei ihrer drei Stürmer (Bas Dost, André Silva) ausfallen und der Gegner tief steht. Das ändert die gesamte Statik des Spiels. Zumal Goncalo Paciencia, und das meinte Hütter achtungsvoll, „in der letzten Saison noch Stürmer Nummer vier war“. Ob der an den Adduktoren verletzte Dost oder Silva am Sonntag spielen können, ist unklar, bei Silva stehen die Chancen wegen seiner gereizten Achillessehne sicher schlechter. Und der junge Dejan Joveljic ist noch keine echte Alternative. „Er braucht Zeit, sich an die Robustheit und das Tempo zu gewöhnen“, urteilte Hütter. „Aber er arbeitet hart an sich. Das gefällt mir.“ Vielleicht muss es in Gladbach ja wieder Daichi Kamada richten, der Aushilfsstürmer. Der Japaner hat gegen Lüttich immerhin beide Tore vorbereitet.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare