Rückblick

Eintracht Frankfurt: Tränen zum Abschied

  • Ingo Durstewitz
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Eintracht Frankfurt verabschiedet verdiente Spieler auf der Bank, blickt auf ein turbulentes Jahr zurück und ist mit dem Erreichten insgesamt sehr einverstanden.

  • Eintracht Frankfurt beendet die Bundesligasaison mit einem Sieg
  • Der Verein nimmt Abschied von vielen Spielern
  • Mit dem Verlauf der Saison ist man bei Eintracht Frankfurt zufrieden 

Nach dem 54. und vorerst letzten Pflichtspiel in dieser Saison war es an der Zeit, Abschied zu nehmen; Abschied von einer zähen, intensiven und ausufernden Saison, fast zwölf Monate lang, und Abschied zu nehmen von verdienten Spielern, allen voran Marco Russ, dem alten Eintracht-Haudegen, der mehr als zwei Jahrzehnte die Knochen für seinen Herzensklub hingehalten hat, bis Samstag, den 27. Juni 2020. Aber auch von Gelson Fernandes, 33, und Jonathan de Guzman, 32. Also trommelte Trainer Adi Hütter seine Mannen nach dem 3:2-Erfolg gegen den SC Paderborn noch auf dem Spielfeld zusammen, was er normalerweise nicht macht und wovon er, wie er selbst sagt, „kein Fan ist“. Der Chefcoach selbst richtete ein paar Worte an die scheidenden Profis, ehe Marco Russ und Gelson Fernandes das Wort ergriffen. „Das Ganze war sehr emotional“, wie Hütter befand, ihm selbst standen die Tränen in den Augen, Gelson Fernandes ebenfalls, Kollege Russ tätschelte ihm den Kopf. „Das nimmt einen mit“, sagte Hütter.

Eintracht Frankfurt: Russ und Fernandes ohne Kurzeinsatz

Ein paar Minuten zuvor hatte es der Österreicher verpasst, den beiden Akteuren, die ihre Karriere beenden, den Abschied von Eintracht Frankfurt und vom aktive Fußballsport zu vergolden. Hütter konnte sich nicht dazu durchringen, ihnen noch ein paar Minuten Spielzeit zu geben. Das wäre eine große Geste und ein Zeichen der Anerkennung gewesen. So beendeten die alten Fahrensmänner ihre Laufbahn nach 421 (Russ) und 520 Pflichtspielen (Fernandes) auf der Ersatzbank. Hütter selbst haderte mit der von ihm getroffenen Entscheidung. „Das ist ein großer Wermutstropfen“, räumte er ein. „Ich wollte die Partie aber unbedingt gewinnen, da wurde ich leider zum Spielverderber. Ich hoffe, sie nehmen es mir nicht böse.“ Auch Sportvorstand Fredi Bobic warb um Verständnis: „Marco war auf der Bank, ich denke, das ist Respekt genug. Die Entscheidung liegt beim Trainer.“

Marco Russ hätte sich über einen Kurzeinsatz gefreut 

Russ, 34, nahm es sportlich. „Ein weinendes Auge ist dabei, ich hätte mich über ein, zwei Minuten gefreut, aber das Spiel stand aber auf der Kippe. Daher bin ich nicht enttäuscht, dass ich nicht eingewechselt wurde.“ Es zeigt aber auch, wie ehrgeizig und unnachgiebig der Trainer Hütter ist und zum anderen, wie weit Russ offenbar schon vom Bundesliganiveau entfernt war. Das räumte der gebürtigen Hanauer unumwunden ein. „Ich habe gemerkt, dass es mir immer schwerer fällt, mitzuhalten. Es macht körperlich keinen Sinn mehr.“ Für den Mann aus dem eigenen Stall beginnt ab sofort ein neuer Lebensabschnitt, er wird ins Analyseteam der Eintracht integriert.

Der Frankfurter Klub blickt auf ein ereignisreiches, turbulentes Jahr zurück, ein Jahr mit einigen Schwankungen und größeren Ausschlägen, am Ende steht das Pokalhalbfinale, das Achtelfinale der Europa League und eine Platzierung im Mittelfeld der Bundesliga zu Buche, Platz neun. Ein Abschneiden, das absolut in Ordnung ist. In der TV-Geld-Tabelle hat die Eintracht einen Rang gut gemacht, liegt nun auf Platz sieben. Das bringt noch mal 2,4 Millionen Euro zusätzlich. „Vor der Saison habe ich gesagt wir wollen einen einstelligen Platz erreichen, das Ziel haben wir erreicht“, sagte Sportchef Bobic.

Eintracht Frankfurt mit zwei Schwächeperioden

Die Platzierung in der Liga hätte gewiss etwas besser sein können, doch zwei Schwächeperioden haben das verhindert. So stehen 13 Siegen 15 Niederlagen gegenüber, 59 Tore hat die Eintracht geschossen, 60 geschluckt. Coach Hütter ist sehr einverstanden mit dem Erreichten, gerade in der Gesamtbetrachtung. In zwei Jahren und 104 Partien hat er die Eintracht in zwei Halbfinals (einmal in der Europa League, jetzt im DFB-Pokal) und einmal ins internationale Geschäft geführt. „Wir hatten 29 internationale Spiele“, in London beim großen FC Chelsea „standen wir mit einem Fuß im Finale“, blickte er zurück. „Wir haben unseren Weg fortgesetzt.“

Die vielen Gegentore und Niederlagen in dieser Saison sind ihm ein Dorn im Auge, das soll in der neuen Runde anders werden. Das Angriffsspiel soll zudem mit mehr Dynamik und Kreativität belebt werden. Obwohl die Verantwortlichen mit den Angreifern André Silva (zwölf Tore), Bas Dost (acht) und Goncalo Paciencia (sieben) zufrieden sind, insgesamt hat das Team nur ein Tor weniger als in der Vorsaison erzielt. „Unsere Stürmer hatten jetzt eine sehr gute Quote. Die drei Büffel haben im ersten Jahr sogar weniger Tore gemacht“, betonte Bobic. Den Vergleich zum Vorjahr hält das aktuelle Trio nicht Stand, da machten Ante Rebic, Sebastien Haller und Luka Jovic insgesamt 41 Bundesliga- und 16 Europa-Leaguetreffer.

Eintracht Frankfurt gegen Paderborn: Ein Spiel wie eine ganze Saison

Die Partie gegen Paderborn war so ein bisschen ein Spiegelbild der ganzen Saison, phasenweise sehr passabel, dann wieder arg fehlerbehaftet. Die Inkonstanz war die einzige Konstante in dieser Spielzeit. Was außerdem auffällt: Die Mannschaft lässt sich von einzelnen Negativerlebnisse (sprich Gegentoren) rasch aus der Bahn werfen. So kam der Absteiger aus Paderborn trotz eines 0:3-Rückstands, für den Sebastian Rode (9.), André Silva (32.) und Bas Dost (52.) gesorgt hatten, noch mal zurück ins Spiel und durch Mohamed Dräger (55.) und Sven Michel (75.) auf 2:3 heran. Sei’s drum.

In vier Wochen trifft sich die Mannschaft wieder zum ersten Training, wenige Tage später steht schon das Rückspiel im Achtelfinale in Basel an. „Das wird eine Wundertüte“, orakelte Sebastian Rode. Große Veränderungen wird es nicht geben, natürlich wird das Aufgebot noch verkleinert und auch Zugänge soll es geben, aber nicht im großen Stil. „Es sind viele Wenns drin“, sagte Fredi Bobic. Unwägbarkeiten also und die Abhängigkeit von Dominoeffekten. Damit kennt er sich ganz gut aus.

Rubriklistenbild: © Patrick Scheiber/Jan Huebner/Pool

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