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In dieser Saison noch nicht so oft im Einsatz: Timothy Chandler lässt sich seine Laune dennoch nicht verderben.

Timothy Chandler

Eintracht Frankfurts Timothy Chandler: „Mir fällt es schwer, böse zu sein“

  • Ingo Durstewitz
    vonIngo Durstewitz
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Eintracht-Urgestein Timothy Chandler über seinen Ruf als Spaßvogel, kurze Frusterlebnisse auf der Ersatzbank und weshalb ihn die Corona-Pandemie so langsam richtig nervt.

Herr Chandler, um die Eintracht herum herrscht eine gewisse Unruhe. Spüren Sie das?

Unruhe? In welcher Hinsicht?

Naja, der Trainer hat öffentlich seine Aufstellungen gerechtfertigt und erklärt, weshalb er so wenig rotiert. Das macht man ja nicht, wenn alles perfekt läuft.

Außenstehende haben meistens eine andere Meinung, und wenn du nicht punktest wie gewünscht, kommt Kritik rein, das ist nicht neu. Wir hätten gerne mehr Punkte auf dem Konto, das wäre möglich gewesen. Aber in der Mannschaft gibt es gar keine Unruhe. Wir wissen, dass wir die Qualität haben und unsere Punkte holen werden.

Liegt die suboptimale Punktausbeute darin begründet, dass sich das Team so ungeheuer schwer tut, gegen tief stehende Gegner ein Mittel zu finden?

Klar, aber wenn wir uns vorne schwer tun, Chancen zu kreieren, dann muss man hinten versuchen, zu Null zu spielen. Vorne sind wir immer für ein Tor gut. Ich denke, wir sind zu gierig, nach vorne zu spielen und ein Tor machen zu wollen. Wir müssen das mit unserer Erfahrung ruhiger runterspielen. Noch mal: Ich bin lange im Geschäft, und glauben Sie mir: Die Qualität, die wir im Training auf den Platz bringen, ist wirklich Wahnsinn. Manchmal vermisst man das dann in den Spielen, das räume ich ein. Aber grundsätzlich haben wir eine Mannschaft, mit der wir viel erreichen können. Ich glaube total an die Truppe.

Was ist drin, manch Teamkollege träumt ja von der Champions League.

Wir wollen auf einem einstelligen Tabellenplatz landen, und wenn es für Europa reicht, nehmen wir das gerne an. Mit der Mannschaft ist das möglich. Aber wir können hier alle viel reden, wichtig ist, es auf den Platz zu bringen. Vom Reden hat es noch keiner in die Europa League oder in die Champions League geschafft.

Bei Ihnen persönlich läuft es auch nicht so rund.

In der Rückrunde habe ich sehr gute Spiele gemacht und sehr wichtige Tore geschossen. Ich konnte der Mannschaft helfen. Ich war topfit, auch jetzt bin ich topfit, fühle mich gut. Aber ich habe bisher nicht die Chance erhalten, also muss ich weiter arbeiten und abwarten. Und wenn die Chance kommt, muss man da sein.

Krabbelt da der Frust in einem hoch, wird man wütend?

Wütend nicht. Aber wir sind Fußballer, und wenn man dann irgendwann gar nicht mehr sauer ist, wenn man nicht spielt, dann kann man gleich ganz aufhören. Klar gibt es Spiele, in denen ich zehn Minuten richtig angefressen bin, aber das gehört dazu. Ich schüttele das auch schnell ab. Und Ihr kennt mich alle, ich bin ein Typ, dem es schwer fällt, böse zu sein (lacht).

Wie bleibt man immer positiv? Ist das eine Grundeinstellung?

Zur Person

Timothy Chandler , in Frankfurt geboren und in Altenstadt in der Wetterau aufgewachsen, ist ein Eintrachtler durch und durch. Im zarten Alter von elf Jahren wechselte er von den Sportfreunden Oberau an den Riederwald, durchlief alle Jugendteams. Nach vier Jahren in Nürnberg kehrte er 2014 zur Eintracht zurück. In dieser Saison läuft es nicht so gut, der 30 Jahre alte Außenverteidiger kommt über drei Kurzeinsätze mit einer Spielzeit von 49 Minuten nicht hinaus.

Ja, denke ich schon. Es ist eine Frage, wie man mit gewissen Dingen umgeht. Ich liebe Fußball, ich liebe den Verein Eintracht Frankfurt, deshalb kann ich hier nie länger als eine halbe Stunde sauer sein. Es gibt auch Sachen, die wichtiger sind. Wenn ich heimkomme, warten meine Frau und meine kleine Tochter auf mich – da ist dann sowieso wieder alles vergessen.

Im Sommer sind einige Führungsspieler und Persönlichkeiten ausgeschieden. Im Januar geht auch noch Kapitän David Abraham. Entsteht da eine Lücke?

Da müssen andere Spieler in die Bresche springen und mehr Verantwortung übernehmen. Ich zähle mich dazu, bin schon länger hier. Aber auch Seppl Rode kann das. Darüber mache ich mir gar keine Gedanken. Ich bin auf jeden Fall für gute Laune da, in der Kabine braucht man sich keine Sorgen zu machen.

Manchmal gibt es aber doch sicher Situationen, in denen Sie nicht als Spaßvogel gefragt sind.

Klar, aber das ist doch kein Problem. Ich bin ein offener Typ. Wenn mir etwas nicht gefällt, kann ich mit jemandem im ernsten Ton sprechen, aber trotzdem eine halbe Stunde später mit ihm wieder einen Witz machen.

Typen wie Sie, die länger bei einem Verein sind, werden immer seltener, die Fluktuation steigt. Bringt das die Zeit mit sich?

Das liegt an den Spielertypen. Alex Meier hätte damals auch wechseln können, aber er wollte hier bleiben. Ich bin schon lange hier, David Abraham, Makoto Hasebe. Uns gefällt es hier einfach super, der Verein ist wie unser Zuhause. Fußball kann schnelllebig sein, klar, es gibt immer Talente, die schnell hoch möchten. Und es geht auch bei vielen ums Geld, aber das ist das Geschäft.

Und Sie? Sie bleiben für immer?

Ich hoffe, dass ich bei der Eintracht meine Karriere beenden kann. Es ist mein Zuhause, mein Verein, der in meinem Herzen steckt. Ich habe keine Lust, etwas anderes als den Adler auf der Brust zu tragen. So lange ich laufen und mit einem Lächeln auf den Platz gehen kann, würde ich gerne weiterspielen.

Wie gehen Sie als Sportler mit der Corona-Problematik um?

Wir sind draußen, können im Freien unserem Beruf nachgehen, das ist viel wert. Es geht aber mittlerweile an die Nerven – es geht nur noch um Corona, im Radio, Fernsehen, überall. Ich bin ein Lebemensch, mir fehlt die Normalität, zum Beispiel mal mit meiner Tochter ein Eis essen gehen. Wir können es leider nicht ändern, es sind schwierige Zeiten. Die Gesundheit steht über allem. Wir müssen das zusammen durchstehen.

Die Mannschaft verzichtet bis Saisonende auf einen Teil des Gehalts. Eine Selbstverständlichkeit oder harte Verhandlungen?

Es ist, wie gesagt, eine schwierige Zeit, da müssen alle anpacken und mithelfen. Es geht vielen sehr viel schlechter. Uns war wichtig, dass die Mitarbeiter des Vereins ihren Job nicht verlieren. Deshalb war es für uns Spieler keine Frage.

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