Ist wichtig geworden für die Eintracht: Daichi Kamada (rechts).
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Ist wichtig geworden für die Eintracht: Daichi Kamada (rechts).

Nachholspiel

Eintracht Frankfurt vor dem nächsten Endspiel gegen SV Werder Bremen

  • Thomas Kilchenstein
    vonThomas Kilchenstein
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Eintracht Frankfurt will gegen frisch erstarkte Bremer einen weiteren großen Schritt Richtung Klassenerhalt machen. 

  • Eintracht Frankfurt will gegen SV Werder Bremen punkten
  • Daichi Kamada tut Eintracht Frankfurt gut
  • Eintracht Frankfurt wieder selbst aktiver und mutiger

Als Daichi Kamada vor knapp drei Jahren zum ersten Mal Frankfurter Rasen betrat, lobte die sportliche Leitung überschwänglich die zweifellos vorhandene technische Brillanz des dünnen Japaners. Der Junge war gerade 20 Jahre alt, zum ersten Mal weg von zu Hause, verschüchtert, scheu, fast schon ein bisschen hilflos, und Landsmann Makoto Hasebe, seine bis heute wichtigste, beinahe väterliche Bezugsperson, siezte er. Für das harte Bundesligageschäft fehlten ihm eindeutig ein paar Kilogramm Muskeln und das erforderliche Durchsetzungsvermögen. 

Der damalige Trainer Niko Kovac urteilte gnadenlos, manchmal komme er „wie ein nasser Sack“ daher. Und das hat der spätere Trainer des FC Bayern gar nicht einmal böse gemeint. Dennoch weinte niemand dem talentierten Mittelfeldspieler eine Träne nach, als er sich, um Spielpraxis zu erhalten, nach Belgien, zu VV St. Truiden ausleihen ließ. Der eine Schritt zurück hat Kamada gut getan, nach einem erfolgreichen Jahr im Nachbarland kam ein anderer Spieler zu Eintracht Frankfurt.

Daichi Kamada tut Eintracht Frankfurt gut

Heute spricht man ganz anders über Daichi Kamada. „Er tut uns gut“, sagt Trainer Adi Hütter vor der nicht ganz unwesentlichen Nachholpartie beim SV Werder Bremen, am Mittwochabend (03.06.2020/20.30 Uhr bei Sky und bei uns im Live-Ticker), er bringe ein Element in das Frankfurter Spiel, „das uns gefehlt hat“, er könne den Unterschied ausmachen. Kamada, inzwischen 23, gereifter und kräftiger, hat den Blick für die Situation und auch die technischen Fertigkeiten, den Ball in die Schnittstelle zu spielen. Er sei „ein wichtiger, kreativer und torgefährlicher Spieler“, sagte unlängst der Sportdirektor Bruno Hübner über den Asiaten, mit dem er liebend gerne den 2021 auslaufenden Kontrakt verlängern würde. „Wir sind in Gesprächen.“

Das mit der Torgefährlichkeit hat der junge Vater eine lange Weile ganz gut verbergen können. Kamada galt lange als ziemlicher Chancentod, dem vor dem Tor ein erstaunliches Nervenflattern befiel. Ihm habe aber auch „das Pech an den Schuhen geklebt“, sagte jetzt Hütter, einer, der dem filigranen Techniker stets den Rücken gestärkt hatte. Dann traf Kamada plötzlich, erst im DFB-Pokal, dann in der Europa League, wo er bereits sechs Treffer erzielte, gleich drei gegen den FC Salzburg, dann endlich, im 25. Anlauf, auch in der Bundesliga - ein profaner Kick mit der Pike im Spiel gegen den SC Freiburg ließ „den Knoten platzen“, wie Hütter sagte, beim VfL Wolfsburg am vergangenen Samstag schoss Kamada prompt den 2:1-Siegtreffer. „Er hat einen guten Lauf“, findet Hütter, und dieser Lauf soll auch in Bremen seine Fortsetzung finden. Und auf den feingliedrigen Rechtsfuß wird es in diesem „bedeutsamen Spiel“ (Hütter) sicher wieder ankommen.

Eintracht Frankfurt spielt wieder mutiger und ist selbst aktiver

Daichi Kamada ist noch wichtiger geworden für die Mannschaft, seit man in Frankfurt wieder zu der Erkenntnis zurückgefunden hat, selbst aktiv sein und mutig am Spiel teilnehmen zu müssen. Diese Einsicht war eine Weile verschütt gegangen, prompt war Eintracht Frankfurt in eine veritable Krise geschliddert. Jetzt sagt Adi Hütter: „Die Gefahr liegt darin, zu passiv hinten zu stehen. Das ist nicht unsere große Stärke.“ Die vielen Gegentore in letzter Zeit sprächen da Bände. „Wir müssen aktiv sein und weiter vorne verteidigen“, so wie das die Hessen früher häufig getan haben. Für den österreichischen Fußballlehrer ist eines klar: „Wir werden uns in Bremen nicht verstecken. Wir müssen zum richtigen Zeitpunkt das richtige tun.“

Aber der ganz große Druck ist bei Eintracht Frankfurt erst einmal gewichen, der Sieg beim VfL Wolfsburg empfand der Coach als „absoluten Befreiungsschlag“. In Bremen habe man nun die Chance, „sich wirklich weit weg zu entfernen“ von den sehr dunklen Regionen. Mit Selbstvertrauen, Zuversicht und Ruhe sowie mit der erforderlichen Kompaktheit wolle man in dieses wichtige Spiel gehen, „verlieren verboten“, erneuerte Hütter seine Losung. Sieben Zähler beträgt der Frankfurter Vorsprung noch auf die Bremer, die Hütter sehr viel stärker unter „Zugzwang“ sieht als das eigene Team. Allerdings hätten die Norddeutschen mittlerweile die Kurve bekommen, in 270 Minuten ohne Gegentor zu bleiben und dabei sieben Punkte zu holen, nötigt dem Frankfurter Fußballlehrer Respekt ab. „Bremen ist nicht mehr die Mannschaft von vor Wochen. Sie haben viel mehr Stabilität.“

Gelson Fernandes fehlt Eintracht Frankfurt verletzt

Personell kann Adi Hütter weitgehend aus dem Vollen schöpfen. Bis auf Lucas Torro, der gelb-rot gesperrt zusehen muss, Goncalo Paciencia (Muskelverletzung) fehlt lediglich der defensive Mittelfeldspieler Gelson Fernandes. Er zog sich bei seinem Kurzeinsatz in Wolfsburg eine Blessur an der Sehne in der Wade zu und wird voraussichtlich den Frankfurtern in den nächsten vier Wochen nicht zur Verfügung stehen. Das könnte bedeuten, dass für den Schweizer Führungsspieler die Saison vorzeitig beendet ist. Ob Hütter sein Team ändert, ist offen, eigentlich spricht nicht viel dafür. Mijat Gacinovic, dem unglücklichen Dauerrenner im Mittelfeld, bescheinigte der Coach sogar, gegen Wolfsburg „ein sensationelles Spiel“ gemacht zu haben, er sei ein steter „Unruheherd“ und prima „Pressingspieler“. Immerhin werden die Hessen erneut mit der Dreierkette agieren, damit fühlen sie sich offensichtlich sicherer. David Abraham, Makoto Hasebe und Martin Hinteregger hätten zuletzt „ein Super-Trio gebildet, hob Hütter den Daumen.

Dass auf Eintracht Frankfurt am nächsten Samstag (06.06.2020) bereits das nächste entscheidende Spiel auf dem Weg zum Klassenerhalt wartet, nämlich gegen den ebenfalls angeschlagenen Nachbarn FSV Mainz 05, habe für Hütter keine große Auswirkungen auf die Aufstellung. „Darauf kann ich keine Rücksicht nehmen“, sagte er am Dienstag. Das galt vornehmlich für die mit bereits vier Gelben Karten belasteten Sebastian Rode und Daichi Kamada. Sollten beide gegen Mainz ausfallen wäre das dessen ungeachtet ein herber Verlust. „Deswegen jongliere ich mit der Aufstellung jetzt nicht herum“, sagte Hütter. Es soll selbstbewusst klingen.

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