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Die Eintracht superelegant in gelben Trikots im Halbfinale des Europapokals der Pokalsieger 1976.

Stillleben

Eintracht-Memories

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Vor dem Halbfinal-Hinspiel in der Europa League erinnert sich unser Autor an das Halbfinale des Europapokals der Pokalsieger 1976.

Besondere Situationen erfordern besondere Gehirnleistungen. Wenn man ein gewisses Alter erreicht hat, in dem das Hirn in manchen Lebensbereichen schon auf Sparbetrieb umschaltet, fällt die Erinnerung mitunter nicht leicht. Sogar wenn es um Fußball geht – sogar wenn es um Eintracht Frankfurt geht. Skandalös.

Verzeihen Sie also, wenn nicht mehr alles so sonnenklar vor dem Auge des Berichterstatters erstrahlt wie die gelben Trikots, mit denen die Eintracht 1976 im Londoner East End erhobenen Hauptes unterging. Wir sahen superelegant aus im Halbfinale des Europapokals der Pokalsieger, aber wir versanken im englischen Matsch – bis Klaus Beverungen in der 87. Minute der Treffer zum 1:3 gelang und der Reporter rief: „Eins ist klar: Wenn die Eintracht noch ein Tor schießt, steht sie im Finale.“ Weil wir das Hinspiel 2:1 gewonnen hatten. Es waren die aufregendsten drei Minuten im Leben eines jungen Menschen, der im Schlafanzug vor dem Fernseher saß, einem gelben Schlafanzug womöglich, wer weiß, man kann ja nicht alles im Kopf behalten, es genügt ja, wenn man die Semifinaltrikotfarbe seines Vereins nach 43 Jahren noch abrufen kann, dann muss man nicht auch noch seinen eigenen Schlafanzug aus dem Festspeicher hervorkramen können. Und wie es damals um eine angemessene Nachspielzeit in einem bedeutenden Europapokalspiel bestellt war: keine Ahnung. Zu kurz jedenfalls. Viel zu kurz.

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Die Bilder von 1976, crazy, sie sind weitaus präsenter vor dem inneren Auge als die Szenen späterer Zusammentreffen mit britischen Mannschaften. Das vermutlich jüngste, 2006/2007 gegen Newcastle im Waldstadion: Puh, da wird’s eng mit den Erinnerungszellen. Im letzten Heimspiel der Gruppenphase stand es 0:0, und der Ball, der bei der größten Chance im Tor landen musste (Betonung auf: musste), stieg in den Himmel und landete (gefühlt) bei uns auf den Rängen schräg hinterm Gehäuse der Engländer. Laut Erinnerung war es Michael Thurk. Laut „Kicker“ spielte er gar nicht mit. Dann war es vielleicht Naohiro Takahara.

Jedenfalls hätte seinerzeit, in der Gruppenphase, ein einziges Tor genügt, um die Eintracht in die nächste Runde zu katapultieren. Nicht zwingend gegen Newcastle – in irgendeinem der vier Gruppenspiele. Egal, in welchem. Hätten wir in einem der vier Spiele ein Törchen mehr geschossen: zack, umjubelte Weiterkommer. Aber nix.

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Hier noch ein Schmankerl aus der Cup-Historie: Michael Thurk wurde in Frankfurt geboren, ein paar Tage nach dem Europapokalfinale 1976. Okay, das hat jetzt nicht viel miteinander zu tun. Dann noch ein Schmankerl, ebenfalls selbst recherchiert: Wissen Sie, wie der Linksverteidiger hieß, der in West Ham zwei der drei Tore gegen die Eintracht vorbereitete? Frank Lampard. Sein Sohn heißt übrigens genauso, wurde zwei Jahre nach dem Spiel geboren und kickte noch ein bisschen erfolgreicher, er schoss gar ein Tor gegen die Eintracht. Im Freundschaftskick im Sommer 2010, das 1:1 beim Frankfurter 2:1-Triumph über - den FC Chelsea.

Warum erzählt Ihnen das Stillleben all dies? Um sich die Hibbeligkeit aus den Fingern zu tippen natürlich. Und um die traditionell superguten Aussichten gegen britische Mannschaften in Erinnerung zu bringen, hüstel, hüstel. Doch, ehrlich! Hier: Glasgow Rangers gegen Eintracht Frankfurt 3:6. Eintracht Frankfurt gegen Glasgow Rangers 6:1. Noch gar nicht so lang her, hüstel, hüstel. Die damalige Trikotfarbe kann das Gehirn nicht original abrufen, denn jenes Halbfinale war ein paar Jahre vor dem Gehirn auf der Welt. Aber irgendwas ruft aus der Vergangenheit: Kann eigentlich nur schwarzweiß gewesen sein. Wie Schnee.

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