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„Die sozialen Kontakte fehlen mir unglaublich“, sagt Trainer Adi Hütter.

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Eintracht Frankfurt: Spieler und Trainer verzichten auf Gehalt

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Eintracht-Trainer Adi Hütter wird gemeinsam mit seiner Mannschaft auf Gehalt verzichten und steht vor ungewohnten Herausforderungen.

  • Spieler und Trainer von Eintracht Frankfurt verzichten auf Gehalt
  • Trainer Adi Hütter nachdenklich
  • Finanzieller Schaden für Eintracht Frankfurt

Frankfurt - Die Tage in der Isolation hat Adi Hütter dazu genutzt, so ein klein wenig zu sich selbst zu finden. Er hat es zumindest versucht. Viele, viele Gedanken habe er, der Eintracht-Trainer, sich gemacht, gewiss nicht nur über Dreierketten und Angriffsvarianten sinniert, sondern über das Leben und sein Tun an sich.

Auch Adi Hütter, seit fast zwei Jahren in Frankfurt am Regiepult, steckte ja mitten drin im Hamsterrad, seit geraumer Zeit schon. Erst die internationalen Spiele und die historische Meisterschaft mit Young Boys Bern, dann der Wechsel in die Bundesliga zur Eintracht: Europacup, eine Unmenge an Spielen im irrsinnigen Rhythmus, 50 Duelle in einem Jahr, auch in dieser Saison ging die Hatz in noch schnellerer Taktung weiter, Euro-League-Qualispiele, Gruppenphase, Pokalpartien, Bundesliga, Reisen, Englische Wochen, der wilde Tanz auf drei Hochzeiten. Scheuklappen auf und durch. Bis sich Corona ins Leben schlich. „Ich hatte vorher ja gar keine Zeit, mich zu erholen“, erzählte der 50-Jährige auf einer Videopressekonferenz. „Ich habe jetzt mal etwas Energie tanken, Stress und Druck zurücknehmen können.“

Eintracht Frankfurt: Trainer Hütter nachdenklich

Diese merkwürdige Phase des erzwungenen Stillstands und Innehaltens hat Adi Hütter nachdenklich werden lassen, er vermisst, wie so viele, den Alltag, das Selbstverständliche und Gewohnte. Normale Kommunikation, Auge in Auge, Essen gehen, einen guten Freund zur Begrüßung mal umarmen. „Die sozialen Kontakte fehlen mir unglaublich“, sagte der Österreicher. Auch jeden seiner Spieler hätte er nach den Wochen der Quarantäne beim Wiedersehen am liebsten geherzt, durfte er aber nicht. Adi Hüter nimmt das hin, natürlich, sehr viel schlimmer findet er, dass kleine Kinder, drei-, vierjährige Mädels und Jungs ihre Großeltern nicht mehr besuchen dürfen. „Das berührt mich.“

Für den Vorarlberger, der von der rasanten Corona-Entwicklung völlig überrumpelt wurde, ist daher sonnenklar, dass die Privilegierten auf dieser Erde jetzt ihren Beitrag leisten müssen, um denen zu helfen, denen es lange nicht so gut geht wie Spitzensportlern, gerade Berufsfußballern. „Solidarität ist für mich das große Thema auf der Weltkugel“, sinnierte der Coach. Er sei daher ganz sicher dazu bereit, auf Gehalt zu verzichten. „Ich bin ein Befürworter des Verzichts“, auch, „um Mitarbeiter erhalten zu können“. Die sind ohnehin schon in Kurzarbeit geschickt.

Die Lizenzspieler und auch die hochrangigen Funktionäre werden mit Beschneidungen zeitnah folgen, das ist klar, „wir haben wegen der Quarantäne darüber noch nicht konkret gesprochen“, befand Hütter, der aber über die auf den Weg gebrachten Maßnahmen des Vorstands im Bilde ist. „Wir haben kompetente Leute in der Führungsetage“, die zum gegebenen Zeitpunkt darüber informieren würden. „Aus Solidaritätsgründen würden wir auf Teile des Gehalts verzichten“, sagte Hütter und schloss die Spieler explizit mit ein. „Wir sind alle bereit dazu.“ Der AG-Vorstand hat sich in diesem sensiblen Fall bewusst die Zeit genommen, um diese Einschnitte nicht im Schweinsgalopp und unter dem Druck der Öffentlichkeit durchzupeitschen, sondern die Maßnahmen mit Augenmaß und einer belastbaren kaufmännischen Kalkulation zu ergreifen und zu erklären. Noch in dieser Woche sollen die Gremien das Sparpaket absegnen, das sehr viel komplexer ist, als pauschal einen Verzicht in Höhe der Summe X auszurufen.

Eintracht Frankfurt: Großer finanzieller Verlust

Denn klar ist, dass Eintracht Frankfurt im besten Fall (Geisterspiele und Beendigung der Saison) einen Verlust von 25 Millionen Euro wird ausbügeln müssen. Das wird nicht nur über eingesparte Löhne funktionieren, doch unbenommen ist, dass die sehr gut bezahlten Mitarbeiter in entsprechend höherem Maße werden bluten müssen als andere – sie können es natürlich auch besser verkraften.

Eintracht Frankfurt, sagte Hütter allgemein, werde diese Krise meistern können, andere hingegen stehen vor dem Ruin, wenn der Ball nicht mehr rollen sollte: „Wir sind in der glücklichen Lage, uns über Wasser zu halten.“ Ausschlaggebend dafür sind die drei fetten Jahre zuletzt: „2016 wäre es für Eintracht Frankfurt sehr schwer geworden, so eine Situation zu überstehen.“

Hütter steht nun vor der schwierigen Aufgabe, seine Mannschaft für den Saisonendspurt vorzubereiten, von dem keiner weiß, wann und ob er einsetzen wird. „Das entscheidet die Politik und nicht die Vereine.“ Er würde sich freuen, wenn man diese Spielzeit irgendwie beenden könnten, der Fußball habe als Bindeglied und Träger der Emotionen eine wichtige Aufgabe. „Fußball ist für unsere Gesellschaft etwas Wertvolles.“ Dass Spiele, wenn überhaupt, ohne Zuschauer ausgetragen werden, ist längst jedem klar. „Das ist gewöhnungsbedürftig und für uns alle neu.“

Nicht ganz glücklich ist der Coach darüber, dass einige Mannschaften aufgrund fehlender oder unterschiedlicher Bestimmungen der Länder in verschiedener Mannschaftsstärke aufs Feld dürfen. Schalke 04 etwa darf mit sieben Akteuren trainieren, die Eintracht beließ es bisher bei Zweiergruppen, darf aber vielleicht bald auch ein paar Spieler den Minigruppen hinzufügen, Werder Bremen ist das Training auf dem Platz durch den Senat indes gleich ganz untersagt. „Das ist keine Gleichberechtigung und ganz sicher nicht fair“, sagte Hütter. „Es wäre sinnvoll, eine gemeinsame Regelung festzulegen.“

Eintracht Frankfurt: Die Mannschaft ist bereit

Seine Mannschaft sei jedenfalls bereit, falls es irgendwann wieder losgehen sollte. Zehn, 14 Tage im Kollektiv benötige das Team, um spielfertig zu sein. Körperlich seien die Akteure gut drauf. Entsprechende Tests hätten ergeben, dass die Mannschaft physisch voll auf der Höhe sei. „Wir sind in einem sehr guten Zustand, wir haben körperlich nichts verloren, sondern teilweise sogar noch zugelegt.“ Verwunderlich sei das nicht, ergänzte Hütter, das Fitnessprogramm sei straff gewesen. „Die Jungs haben nicht auf der Couch gelegen und Playstation gespielt.“

Wie auch immer es weitergeht, ziemlich sicher ist, dass Kapitän David Abraham bald nicht mehr an Bord sein wird, der 33-Jährige wird wohl in die argentinische Heimat zu Independiente wechseln, zu seinem alten Verein. Der Klub bestätigte Gespräche. Abraham hat Heimweh, ihn zieht es zurück zu seinem kleinen Sohn. Hütter wollte den Abgang nicht bestätigen, sagte aber: „Ich war von Anfang an immer informiert.“ Die Absicht des Spielführers, nach Argentinien zurückzukehren, ist seit langer Zeit hinterlegt. In diesen Zeiten auch nur eine Randnotiz.

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