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Eintracht-Sieg in Gladbach: Auftritt voller Klasse und Coolness

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Von: Thomas Kilchenstein, Ingo Durstewitz

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Zweiter Sieger, wie so oft: Lars Stindl (links) sieht nur die Hacken von Christopher Lenz.
Zweiter Sieger, wie so oft: Lars Stindl (links) sieht nur die Hacken von Christopher Lenz. © Chai v.d. Laage/Imago

Eine abgezockte Eintracht kocht Mönchengladbach ab und fiebert Marseille entgegen.

Immer dann, wenn es nichts bis wenig zu monieren gibt, findet der pedantisch veranlagte Eintracht-Trainer Oliver Glasner garantiert ein Haar in der Suppe. Oder zwei oder drei. Nach dem erstaunlich abgeklärt errungenen 3:1 (3:0)-Auswärtssieg bei Borussia Mönchengladbach und dem Satz auf Rang vier des Tableaus, krittelte der Frankfurter Fußballlehrer so ein wenig an der Haltung zum Spiel im zweiten Abschnitt herum. „Ich hätte mir gewünscht, dass wir nicht so sehr verwalten, sondern weiter mehr nach vorne spielen und mehr Punch entwickeln.“ Der Ball sei zu schnell beim Gegner gelandet, auch die Anzahl der Foulspiele (20, Höchstwert) schmeckte dem Coach nicht. „Ich hätte mir erhofft, dass wir das Spiel noch souveräner nach Hause fahren.“ Das ist, keine Frage, Mäkeln auf recht hohem Niveau.

Doch es ist natürlich richtig, dass der 48-Jährige sein Team nicht in den Himmel hebt, er achtet penibel darauf, seine Mannen immer in der Balance zu halten: nicht wie Duckmäuser nach miesen Vorstellungen, nicht auf Wolke sieben nach gelungenen Darbietungen. „Wir müssen immer auf dem Boden bleiben“, betont Glasner.

Und doch war der Auftritt am Niederrhein ein rundweg abgezockter, ein abgehangener Vortrag mit bemerkenswerter Kaltschnäuzigkeit und Coolness. „Wir haben“, findet der eingewechselte Kapitän Sebastian Rode zu Recht, „eine großartige Leistung gezeigt.“

Eintracht Frankfurt: Im Stile eines Topteams

Eintracht Frankfurt trat im Borussia-Park im Stile einer echten Spitzenmannschaft auf, die sich den Gegner zurechtlegt und dann zuschlägt, wenn sich die Gelegenheiten bieten. Außergewöhnlich auch, dass sie am Samstag wieder mehr Sprints (238 zu 203) anzog und fast sechs Kilometer mehr lief (119 zu 113,5) als die Kontrahenten. „Trotz der vielen Englischen Wochen sind sie total spritzig“, wundert sich der Gladbacher Christoph Kramer.

Die Frankfurter Akteure haben sich an die Strapazen gewöhnt, gerade mental, auch das ist ein Qualitätsmerkmal, Ausdruck von Klasse und Reife. Das spiegelt sich im Klassement wider, acht Punkte und zwölf Tore mehr als zum vergleichbaren Zeitpunkt der Vorsaison haben die Hessen auf ihrem Konto. Die Belohnung: aktuell ein Champions-League-Platz.

Am Niederrhein spielten die Frankfurter eine erste Hälfte, die, wie der erneut starke Torwart Kevin Trapp anmerkte, „fast schon perfekt war“. Dabei hat Glasner sein Pendant Daniel Farke klassisch ausgelesen, das Gladbacher Spiel dechiffriert und einen Matchplan ausgeknobelt, den seine Mannen nahezu meisterhaft umgesetzt haben. „Der Trainer hat uns die Räume aufgezeigt, die wir ausnutzen sollen“, bemerkte Sebastian Rode und präzisierte: „Gladbach hat gerne viel Ballbesitz, da lässt man ihnen gerne den Ball, um dann im richtigen Moment zuzuschlagen.“ Das machten die Frankfurter, die auf Fehler des Gegners lauerten, um dann über ihre pfeilschnellen Spitzen Randal Kolo Muani und Jesper Lindström überfallartig zur Gegenattacke zu blasen. Für die hüftsteifen Borussen-Verteidiger war das eine Nummer zu groß und zwei Nummern zu schnell.

Schon nach sechs Minuten tänzelte der furiose Lindström nach Pass von Kolo Muani durch die Deckung der Platzherren und spitzelte den Ball mit etwas Glück an Schlussmann Tobias Sippel vorbei ins Netz. Der mutige Eric Dina Ebimbe wuchtete nach einer knappen halben Stunde eine Ecke von Cristopher Lenz in die Maschen und unmittelbar vor dem Pausenpfiff war es erneut Lindström, der auf und davon wuselte und auf 3:0 stellte. Der junge Däne, vor dem Tor sonst eher mit einem Zitterfuß unterwegs, offenbart neue Vollstreckerqualitäten. „Das ist der neue Jesper“, sagte der schmächtige 22-Jährige grinsend (siehe Bericht auf Seite S2).

Und als er gebraucht wurde, war auch der formidable Trapp im Kasten zur Stelle. Nach einem Fehler des unsicheren Kristijan Jakic parierte er den Schuss des alleine auf ihn zustürmenden Marcus Thuram mit einem blitzschnell herauszuckenden Fuß und rettete die Führung (10.). Die Tat eines Hexers. „Ein Big save“, lobte Coach Glasner.

Im zweiten Durchgang schaltete die Eintracht in den Verwaltungsmodus, sie machte aber auch das absolut routiniert und erwachsen, ließ den Borussen keine Chance – sieht man mal vom 1:3 durch Thuram ab, der aber von einem kapitalen Fehlpass des Frankfurter Liberos Jakic profitierte (72.).

Und dass die Gladbacher womöglich zurückgekommen wären und die Partie noch gedreht hätten, wenn nicht ein Seil der sogenannten Spidercam abgerissen wäre und das Spiel für acht Minuten unterbrochen werden musste, glaubt wahrscheinlich nur VfL-Coach Farke und andere Rautenträger. „Wir hatten ein bisschen Unglück, dass es nach dem 1:3, als wir das Momentum auf unserer Seite hatten, noch diese Spielunterbrechung gab. Frankfurt konnte sich neu sortieren und die Stimmung war raus. Es ist vieles gegen uns gelaufen.“ Zur Wahrheit gehört jedoch, dass Farkes Team spieltechnisch und taktisch klar unterlegen war und gar keine Ideen hatte, wie es den abgebrühten Frankfurtern beikommen sollte. „Wir haben das clever gemacht“, sagte Glasner. „Du brauchst einen klaren Geist, und den hatten die Jungs.“

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Marseille wartet auf Eintracht Frankfurt

Damit das so bleibt, gibt der Trainer am Montag frei. Mit einer kleinen Auszeit hat er schon vor dem Gladbach-Spiel gute Erfahrungen gemacht, als die Spieler den Donnerstag zur freien Verfügung hatten. „Es ist wichtig, um die Akkus aufzuladen, sich mental zu erholen.“

Denn schon am Mittwoch (21 Uhr/Dazn) geht es weiter, dann steht zu Hause im Waldstadion das erste Endspiel um den Achtelfinaleinzug in der Champions League gegen Olympique Marseille an. „Wir gehen mit einer guten Form und viel Selbstvertrauen in das Spiel“, sagt Oliver Glasner. Und Kapitän Rode flankiert. „Wir wollen unbedingt gewinnen, um in der Gruppe noch ein Wörtchen mitreden zu können.“ Das Überwintern in Europa ist das erklärte Ziel, mindestens Platz drei also. Zuzutrauen ist es dieser Eintracht allemal. (Ingo Durstewitz und Thomas Kiclhenstein)

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