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Es wird angerichtet sein: Im Frankfurter Tollhaus soll auch der FC Chelsea in die Knie gezwungen werden.

Europa League

Eintracht Frankfurt ist ein Underdog mit Biss

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Eintracht Frankfurt will dem großen und etwas großspurigen FC Chelsea mit Inbrunst begegnen. 

Die beiden bevorstehenden Halbfinalpartien im Europapokal gegen den mit Öl-Milliarden aufgepimpten FC Chelsea sind für Eintracht Frankfurt rauschende Ballnächte, Glanzstücke mit elektrisierender Lust. Auch für die Verantwortlichen. Philip Holzer etwa, der Aufsichtsrat, hat fast die Hälfte seines Lebens in London verbracht, er kennt dort jeden Stein und viele einflussreichen Menschen, schon vor einiger Zeit empfahl er im FR-Interview seinem eigenen Klub: „Wir sollten uns am FC Arsenal orientieren.“ Das ist fast sechs Jahre her, damals schienen die englischen Spitzenvereine von der Eintracht so weit entfernt wie die SG Großaspach von der deutschen Meisterschaft.

Am Donnerstag nun kommt zwar nicht Arsenal, dafür die rund 13 Kilometer weiter südwestlich angesiedelten Blauen von der Stamford Bridge in den Stadtwald nach Frankfurt. „Ich habe immer davon geträumt, dass wir in einem Pflichtspiel gegen einen absoluten Topnamen Europas antreten dürfen“, sagt Eintracht-Vorstand Axel Hellmann und blickt schon mal voller Stolz nach vorne: „Du gehst nicht als Tourist durch London, sondern als Kluboffizieller eines Vereins, der auf der europäischen Fußballlandkarte mittlerweile sehr wohl wahrgenommen wird.“

Eintracht Frankfurts überragende Europa-League-Saison

Dazu habe der triumphale Pokalsieg vor fast einem Jahr gegen die Bayern beigetragen, aber natürlich vor allen Dingen die überragende Europa-League-Saison mit insgesamt neun Siegen, zwei Unentschieden und nur einer Niederlage, darunter Erfolge gegen europäische Schwergewichte wie Olympique Marseille, Lazio Rom, Schachtjor Donezk, Inter Mailand und Benfica Lissabon. Das hat dem Frankfurter Traditionsverein einigen Respekt eingebracht, zudem Renommee und einen gehörigen Imagegewinn. Es wird registriert, was im Herzen von Europa abgeliefert wird.

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Eintracht Frankfurt fiebert den großen Halbfinalspielen in der Europa League entgegen

Und doch ist die Eintracht so etwas wie die große Unbekannte im verbliebenen Europa-League-Quartett; der FC Chelsea und die anderen beiden Halbfinalisten, Arsenal und Valencia, sind auf internationalem Parkett andere Hausnummern und dort schon lange daheim. Die Eintracht hingegen hat eine längere Durststrecke hinter sich, so weit wie in diesem Jahr war sie zuletzt 1980 gekommen. Dementsprechend argwöhnisch werden die Hessen in diesem illustren Kreis beäugt, die Rivalen wissen nicht so recht, ob sie es da mit einem gewachsenen, aufstrebenden Großklub zu tun haben oder einem aufmüpfigen Emporkömmling, eine der berühmten Eintagsfliegen, die alsbald wieder Geschichte sein wird.

Die Verantwortlichen von Schachtjor Donezk zum Beispiel ließen keinen Zweifel daran, wer das Sechzehntelfinale überstehen und die nächste Runde erreichen würde. „Pech für Euch, dass Ihr auf uns getroffen seid“, ließen sie ihren verdutzten Kollegen aus Frankfurt wissen. Es kam anders.

Auch die Funktionäre von Inter Mailand traten mit dem Selbstverständnis eines Vereins auf, der 13-mal italienischer Meister war, dreimal die Königsklasse und dreimal den Weltpokal gewonnen hatte. Axel Hellmann war über das mehr als selbstbewusste Auftreten der Lombarden bass erstaunt: „Das ist ein großer Weltklub“, sagte er. „Das spürt man.“ Die Eintracht zog schließlich ins Viertelfinale ein.

Eintracht Frankfurt: Hellmann schickt Kampfansage Richtung Chelsea

Anders verhielt es sich bei den Vorbesprechungen mit dem kommenden Gegner aus London ebenfalls nicht. Die hohen Herren des FC Chelsea ließen die Frankfurter Delegation sehr wohl spüren, „wer in welcher Etage des europäischen Kaufhauses zu Hause ist“, wie es der Eintracht-Vorstand in bester Heribert-Bruchhagen-Manier beschreibt. Natürlich würdigten die Engländer die Entwicklung des hessischen Aushängeschilds in Sachen Fußball, doch wer letztlich das Finale am 29. Mai in Baku erreichen wird, nein, daran haben sie keinen Zweifel: Chelsea, nicht Frankfurt. Hellmann hat diese latent großspurige Haltung zur Kenntnis genommen und schickt eine kleine, feine Kampfansage hinüber auf die Insel: „Dann sollten sie uns auf der europäischen Bühne mal kennenlernen.“

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Der Eintracht kann es nur ganz recht sein, wenn die Londoner die momentan ohnehin etwas schwächelnde Mannschaft von Trainer Adi Hütter auf die leichte Schulter nimmt, selbst wenn das eingedenk der ausgeschalteten Gegner irreal anmutet. Doch im Fußball ist das Unbewusste oft genug der König.

Hellmann gibt sich keinen Illusionen hin, er sieht die Rollen klar verteilt. „Wir sind der totale Underdog“, sagt er. Doch gerade am Donnerstag in Frankfurt (21 Uhr/ live bei RTL und Dazn) gelte es, in den Kampfmodus zu schalten und den Kontrahenten mit Inbrunst zu bearbeiten: „Wir müssen uns in unserem Wohnzimmer mit allen Mitteln zur Wehr setzen“, fordert der 47-Jährige. „Und wir brauchen alle Spieler am Toplimit, denn Chelsea ist zweifellos das bisher größte Kaliber, auf das wir treffen.“

Eintracht Frankfurt fehlen Schlüsselspieler Rebic und Haller

Hellmann ist trotz der Ausfälle der beiden Schlüsselspieler Ante Rebic (Gelbsperre) und Sebastien Haller (Bauchmuskelverletzung) zuversichtlich. „In der Europa League konnte unser Trainer bisher immer stellen, wen er wollte – es hat funktioniert.“ Das Paradebeispiel sei Edelreservist Simon Falette, der im Rückspiel gegen Benfica auf einmal ran musste, über sich hinausgewachsen und der heimliche Held des magischen Abends war.

Der Marketingchef weiß nur zu gut, dass die Eintracht erneut auf einen dieser speziellen Abende angewiesen sein wird, wenn es im ersten Halbfinale zu einem ersten Coup reichen soll; ein Abend voller überschäumender Begeisterung und zügelloser Leidenschaft. Die symbiotische Beziehung zwischen den Fans und der Mannschaft müsse am Donnerstag entstehen, die Stimmung müsse den Spielern Flügel verleihen. „Wir brauchen den zwölften Mann“, sagt Hellmann, für den der Gesamtauftritt des Teams von entscheidender Bedeutung ist. „Wir wollen eine Duftmarke setzen. Das ist ganz wichtig.“

Denn für Axel Hellmann und seine Kollegen ist das Duell gegen die Engländer ein höchst emotionales und eine fürwahr traumhafte Herausforderung. „Dieses Spiel“, sagt der Vorstand, „ist das größte Highlight der letzten 30, 40 Jahren.“

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