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War oft mit dem Kopf woanders: Daichi Kamada. Foto: Imago images
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War oft mit dem Kopf woanders: Daichi Kamada.

Eintracht Frankfurt

Ein kniffliges Übergangsjahr für die SGE

  • Ingo Durstewitz
    VonIngo Durstewitz
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  • Thomas Kilchenstein
    Thomas Kilchenstein
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Warum es eine große Überraschung wäre, wenn Eintracht Frankfurt auch in diesem Jahr um internationale Plätze mitspielen würde.

Frankfurt - Dieser Tage sind die beiden sportlich Verantwortlichen Markus Krösche und Oliver Glasner gefragt worden, ob sie sich die Aufgabe bei Eintracht Frankfurt so eminent schwer vorgestellt hätten. Es ist ja in dieser noch recht jungen Saison bereits einiges schiefgegangen, sportlich läuft es nicht rund, schon jetzt hat die Mannschaft ein paar Punkte unnötigerweise verschenkt, gegen schwache Gegner noch dazu. Vom Pokal-Aus ganz zu schweigen.

Hinzu kommen ungewohnte interne Schwierigkeiten, ein streikender Filip Kostic, ein veränderter und kaum mehr integrierbarer Amin Younes, der keine Zukunft mehr in Frankfurt hat und – genauso wie Nachwuchsstürmer Ragnar Ache – gar nicht erst für den Europa-League-Kader nominiert wurde. Ein deutliches Signal. Irgendwie herrscht eine lange nicht mehr gekannte Unruhe im Klub vor. Dazu passt eine aus mancherlei nachvollziehbaren Gründen zerstückelte Vorbereitung, schließlich dauerte es eine halbe Ewigkeit, bis endlich alle Neuzugänge an Bord und der Kader komplett war.

Ja, sagte Sportvorstand Markus Krösche, es sei ihm von Anfang an klar gewesen, dass sein Engagement in Frankfurt nicht einfach werden würde. Dabei dachten viele, der Mann aus Leipzig würde ein bestelltes Feld vorfinden - und die Mannschaft stehe, bis auf André Silva, den Knipser, waren ja alle wichtigen Spieler geblieben.

Eintracht Frankfurt schleppt eine Reihe von Altlasten mit in die neue Saison

Bei näherer Betrachtung stellt sich die Lage aber ein bisschen anders da, deutlich komplizierter, und Krösche sowie Glasner sind beide lange genug im Geschäft, das relativ schnell gemerkt zu haben. Denn die Eintracht schleppt eine Reihe von Altlasten mit in die neue Saison, Altlasten, die etwa Vorgänger Fredi Bobic in Form von seltsamen Hinterzimmerabsprachen, gut und lang dotierten Spielerverträgen hinterlassen hat, die just in Zeiten von Corona und einem jährlichen Verlust von 45 Millionen Euro natürlich ins Kontor schlagen. Zumal der Verein – ausgerechnet in dieser für alle so schwierigen und teilweise existenzbedrohenden Pandemie-Zeit – noch einige Großprojekte zu stemmen hat.

Arbeitsnachweis der Eintracht-Spieler

Filip Kostic hat dann doch wieder mitspielen dürfen bei Serbien. Beim 4:1-Sieg im WM-Quali-Spiel gegen Luxemburg war der linke Flügelmann lieferte er zudem eine Torvorlage. Im Testspiel Mitte vergangener Woche gegen Katar zählte Kostic wegen des von ihm in Frankfurt ausgelösten Wirbels nicht zum Spieltagskader. Serbien trifft am Dienstag auf Irland.

Martin Hinteregger und Stefan Ilsanker mussten dagegen mit Österreich gegen Israel eine herbe 2:5-Niederlage hinnehmen. Hinti spielte schwach, aber durch, Ilsanker kam nach 79 Minuten ins Spiel. Nun geht’s gegen Schottland.

Für Jens Petter Hauge dauerte die Partie der norwegischen Nationalmannschaft nur zwei Minuten. In Riga kam der Neuzugang in der 88. Minute beim Stand von 2:0 gegen Lettland in die Partie. Hauge, der bereits zwei Tore für die Eintracht erzielt hat, trifft mit Norwegen am Dienstag auf Gibraltar.

Jesper Lindström, kurzfristig noch in die A-Nationalelf Dänemarks berufen, reiste auf die Färöer, kam beim 1:0-Pflichtsieg aber nicht zum Einsatz. Ebenso wie Rafael Borré beim 1:0-Sieg seiner Kolumbianer gegen Bolivien. Der Stürmer schaffte es nicht mal ins Aufgebot. Kolumbien spielt noch zweimal, unter anderem am Freitag, weshalb Borré vermutlich für das Stuttgart-Spiel ausfallen wird.

Aymen Barkok kam mit Marokko zu einem 2:0-Erfolg, Ajdin Hrustic mit Australien zu einem 3:0 über China, während Daichi Kamadas Japan mit 0:1 gegen den Oman den Kürzeren zog. Fabio Blanco schaffte mit Spaniens U18 ein spätes 2:1 gegen die Schweiz. FR

Der Transfersommer war anspruchsvoll, auf beiden Seiten. Spieler wie der nun nach Athen entliehene Steven Zuber, aber auch Hinterbänkler wie Stefan Ilsanker oder Goncalo Paciencia sitzen auf üppigen Verträgen, die gar so hoch dotiert sind, dass die neue Sportführung bass erstaunt die Augen verdrehte. Für Akteure dieser Kategorie gibt es in Corona-Zeiten keinen Markt mehr, weil das Salär nicht mit dem Leistungsvermögen korrespondiert. Hätte Zuber bei der EM keine vier Vorlagen geliefert, wäre auch er noch in Frankfurt.

Und auch bei den Zugängen war Geduld gefragt, bei der Stürmersuche etwa hatte die Eintracht gleich drei Eisen im Feuer, denn mittlerweile ist es so, dass man sich auf einen einzigen Kandidaten gar nicht mehr festlegen kann, durch dubiose Machenschaften, windige Berater und teilweise schon mafiöse Strukturen können sich Eckdaten, Vereinbarungen oder Absprachen täglich verändern. So war es auch ein Drahtseilakt, Mittelstürmer Sam Lammers auf den letzten Drücker aus Bergamo zu holen. Ein schwieriger Deal. Bei anderen Aspiranten (Kolo Muani, Carlos Vinicius) ist die Eintracht an den teilweise grotesken Forderungen der abgebenden Vereine abgeprallt.

Warum Eintracht Frankfurt mit einer Übergangssaison rechnen muss

Und dann schleppte die Mannschaft noch einen schweren psychologischen Rucksack in die neue Runde: Der geplatzte Traum von der zum Greifen nahen Champions League oder die unerfüllte Hoffnung, womöglich bald das Trikot eines großen Klubs überstreifen zu dürfen, hing einigen Spielern noch nach, länger jedenfalls als gedacht. Filip Kostic ist da das Paradebeispiel, aber auch ein Spieler wie Daichi Kamada sollte sich langsam mal wieder auf seine Arbeit bei seinem Stammverein besinnen und sich nicht den Kopf verdrehen lassen.

Zur Wahrheit gehört aber auch: Eintracht Frankfurt segelte in der letzten Runde keineswegs immer nur auf Kurs Königsklasse: Im ersten Drittel der Saison bis zum 10. Spieltag holte die Eintracht lediglich 13 Zähler, „eher unterdurchschnittlich“, wie Glasner jetzt haarscharf analysierte. An den Spieltagen elf bis 22 performten die Hessen meisterlich, holten 29 Punkte und damit die Hälfte her Gesamtausbeute. Das letzte Drittel war dann wieder Durchschnitt, 18 Zähler aus zwölf Spielen. Und dieser letzte Trend hält weiterhin an: Saisonübergreifend haben die Frankfurter aus den letzten neun Spielen neun Punkte geholt, bei zwei Siegen, drei Remis und vier Niederlagen. Das ist nicht mal Mittelmaß.

Dazu kommt: Bei der Eintracht stehen derzeit zehn Spieler im Kader, die um die 30 Jahre oder älter sind, Makoto Hasebe ist der Methusalem, wirkt auch mit 37 Jahren als ältester Feldspieler mit. Bereits in der vergangenen Runde stellten die Frankfurter nicht selten die älteste Mannschaft an den Spieltagen. Die Leistung der „Senioren“ im Team mag ja noch stimmen, nur werden sie halt nicht jünger. Mit zunehmenden Alter sinkt der Marktwert eines Spielers. Mit anderen Worten: Verkaufen lassen sie sich nicht mehr.

Markus Krösche muss die Struktur des Eintracht-Kaders verändern

Ein Aufgabenfeld, das Krösche beackern muss, ist daher die Schaffung neuer Werte, er muss die Struktur des Kaders verändern. Da muss einiges bereinigt und begradigt werden. Teil der Eintracht-Philosophie ist nämlich weiterhin, junge Talente zu finden, auszubilden und teuer zu verkaufen. Die Neuzugänge - etwa Fabio Blanco, Jseper Lindström, Jens Petter Hauge, Kristijan Jakic, Rafael Borré - sind allesamt noch unter 25 Jahren und noch lange nicht am Ende ihrer Entwicklung angekommen. Sie zu formen, ist vordringlichste Aufgabe, um perspektivisch am Ball zu bleiben und hohe Ablösen zu erzielen. Dieser Weg soll konsequent weiter verfolgt werden.

Den aktuellen Sport-Verantwortlichen fällt jetzt auf die Füße, was die alte Führung im Jahr 2019 veranlasst hat, da wurde nämlich quasi ein Paradigmenwechsel eingeleitet, auch durch den damaligen Trainer Adi Hütter, der sich mehr Stabilität und eine spezielle Art der Zuverlässigkeit im Kader wünschte. Also wurde der Weg, hungrige, unbekümmerte, spannende Spieler zu holen, verlassen. Stattdessen kamen etwa Dominik Kohr, Erik Durm, Bas Dost, später Stefan Ilsanker. Die Eintracht hat sich im Sommer 2019, damals potent wie nie zuvor und nicht mehr danach, ohne Not von ihrer eigenen Philosophie abgewendet und zu viele falsche Entscheidungen getroffen. Seinerzeit hätte das Ensemble mit mutigen, klugen Investitionen auf ein anderes Level gehoben werden können. Perdu.

Natürlich ist der Sportlichen Leitung klar, dass dieser neuerliche Wandel Zeit benötigt, es wird eine Weile dauern, bis da wieder eine Mannschaft auf dem Platz steht, die weiß, was zu tun ist, die dem Gegner wehtut und auch wieder oben angreifen kann. Dieser Prozess wird nicht über Nacht vonstatten gehen, es wird Geduld nötig sein, und es werden Rückschläge kommen, bis die Rädchen wieder ineinander greifen.

Die Saison scheint für Eintracht Frankfurt ein Übergangsjahr zu werden

Diese Saison, das zeichnet sich ab, scheint ein Übergangsjahr zu werden. Der Fokus wird darauf gerichtet sein, sich einzuspielen und die neue Denke zu implementieren. Es sind zu viele Spieler dabei, die sich an die Bundesliga erst gewöhnen oder auch schlichtweg ein bisschen Muskelmasse (Lindström) draufpacken müssen. Das alles wird schwer genug, angesichts der Doppelbelastung, die jetzt bis mindestens Weihnachten droht. Aber daran kann die Mannschaft auch wachsen. „Unsere Herausforderung ist jetzt, unseren großen Kader zusammenzufügen“, erläutert Fußballlehrer Glasner.

Eine Überraschung wäre es deshalb, würde dieses Team im Umbruch in dieser Saison noch um die internationalen Plätze mitmischen. „Perspektivisch ist es möglich, um die Europa League mitzuspielen“, sagt Krösche. „Aber die Jungs müssen jetzt erst einmal das verinnerlichen, was wir spielen wollen.“ Es komme eben darauf an, wie schnell die Mannschaft diese neuen Dinge „adaptiert“, formuliert Krösche, stellt aber klar: „Das ist ein spannender Kader, in dem viel Fantasie steckt.“

Beim VfL Wolfsburg etwa, Glasners altem Verein, sind sie ein paar Schritte weiter. Die Niedersachsen haben vor dieser Saison keinen Spieler abgegeben, aber für 50 Millionen Euro eingekauft. „Das ist Tatsache. Und nur dadurch zu stemmen, weil der VW-Konzern dem Verein den Rücken freihält“, sagt Glasner, der aber nicht jammern will, sonst hätte er ja in Wolfsburg bleiben können. „Es war mir bewusst, dass es hier schwieriger wird – aber eben auch spannender.“ (Ingo Durstewitz und Thomas Kilchenstein)

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