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Früher Mittelfeldspieler und zweifacher US-Nationalspieler: der Salzburger Trainer Jesse Marsch.

Eintracht empfängt RB-Fußballer

Salzburg-Trainer Jesse Marsch: Vom Professor gelernt

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New York, Leipzig und Salzburg: Jesse Marsch erklimmt die Trainerleiter des RB-Imperiums.

  • Eintracht Frankfurt trifft auf Salzburg
  • Trainer von Salzburg glaubt an harte Arbeit
  • Bradley der Mentor von Trainer Marsch

Salzburg - Neuerdings liefern Fußballvereine ja ganz gerne Einblicke in ihr Innenleben. Hauptsächlich verbreitet über die vereinseigenen Kanäle, manchmal auch mit ausgewählten TV-Sendern an der Seite. Manchester City hatte einst mit solch einer Dokureihe den Anfang gemacht, später folgten zum Beispiel Borussia Dortmund und Eintracht Frankfurt. Der Fan ganz nah dran, selbst in der Kabine, zumindest in den fein säuberlich ausgewählten und aufgehübschten Einzelsequenzen.

Auch das, was am 2. Oktober 2019 in den Untiefen der Liverpooler Anfield Road geschehen ist, in der Kabine der Salzburger Fußballtruppe, fällt in diese Kategorie. Trainer Jesse Marsch redet sich unter dem Eindruck des 1:3-Pausenrückstands in Rage und wird dabei gefilmt – ein zweiminütiges Verbalfeuerwerk im allerbesten Sprachenmischmasch. „Wie viele Fouls hatten wir?“, fragt der 46-jährige US-Amerikaner mit erhobener Stimme in die Stille hinein und antwortet selbst: „Vielleicht eins, zwei. This is nicht ein fucking Freundschaftsspiel, es ist ein fucking Champions-League-Spiel.“ Die auf dem Boden sitzenden Kicker schauen hoch. So emotional erleben sie ihren Trainer selten. Marsch haut mit der rechten Faust kräftig in seine linke Hand. „We have to feel it, guys“. Der nächste Schlag in die flache Pranke. „Wir haben gesehen, dass sie good sind, aber wir können mehr. Wir müssen leben für dieses Spiel.“ Schlag, Schlag, Schlag.

RB Salzburgs Trainer Marsch: „Ich glaube an harte Arbeit“

Wenig später betreten die Spieler wieder den Rasen, nach einer Viertelstunde steht es 3:3, der große FC Liverpool, der Champions-League-Titelverteidiger wankt am Rande einer Niederlage, ehe er in einem furiosen Spiel noch 4:3 gewinnt. Doch, ganz klar, der FC Salzburg, der zweitwichtigste Red-Bull-Fußballklub im deutschsprachigen Raum nach den Leipziger Bundesligavertretern, hat an diesem Tag mal wieder ein internationales Ausrufezeichen gesetzt. Und Trainer Jesse Marsch gleich mit. „Richtig schrecklich“ findet er seine Vermengung an englischen und deutschen Vokabeln, „aber ich lerne immer weiter dazu.“ Vor zwei, drei Jahren habe er noch gar kein Deutsch gekonnt.

Für den einstigen Mittelfeldspieler ist es die erste Saison beim erfolgsverwöhnten Brauseklub in Salzburg, der zuletzt sechsmal nacheinander österreichischer Meister geworden ist. Als Nachfolger des nach Gladbach abgewanderten Marco Rose hatte der dreifache Familienvater im vergangenen Sommer ein schweres Erbe anzutreten, bisher liefert er recht gut ab. Zwar sind die Salzburger aktuell nur Tabellenzweiter, weil sie jüngst das Topspiel gegen den Linzer ASK verloren haben (2:3), ansonsten aber gab es noch keine Liganiederlage. Und auch in der Champions League schied die Mannschaft nur aus, weil es mit Liverpool und Neapel zwei hochkarätige Konkurrenten zu bespielen hatte. Nun geht es im Sechzehntelfinale der Europa League gegen Eintracht Frankfurt.

Die drei Winterabgänge Erling Haaland (Dortmund), Takumi Minamino (Liverpool) und Marin Pongracic (Wolfsburg) kamen nicht umsonst zustande – die Salzburger stehen auch in dieser Spielzeit wieder für spektakulären Fußball, 68 Ligatore haben sie schon erzielt, das sind 24 mehr als die zweitbeste Mannschaft in dieser Statistik. „Jeden Tag Vollgas, mit viel Energie“, benennt Trainer Marsch seine Lebenseinstellung. Stets nach vorne soll es auf dem Fußballplatz gehen. So hat es Marsch zeit seiner Karriere gelernt. „Ich glaube nicht an Glück, ich glaube an harte Arbeit“, sagt er. Der Trainer ist bis in die Mozartstadt einen eher ungewöhnlichen Weg gegangen, den Bradley-Weg.

RB Salzburg: Bradley der Mentor von Marsch

Bob Bradley, mittlerweile 61, ist der Mentor von Marsch. Der einstige US-Nationalcoach war schon an der Universität in Princeton im Bundesstaat New Jersey der Chef des jungen Fußballers. Später folgte dieser ihm in den Profibereich zu D.C. United in Washington und nach Chicago. Als Marsch schließlich ins Trainergeschäft überwechselte, schloss er sich wieder Bradley, übrigens der Vater des einstigen Gladbacher Profis Michael Bradley, als Assistent des US-Nationalteams an. 2011, mit 37, wurde er Cheftrainer in Montreal, 2015 dann in New York – der erste Kontakt mit dem Brauseimperium, von dem er seitdem nicht mehr loskam. Für die New York Red Bulls stand Marsch 151 Mal an der Seitenlinie, einmal, 2015, wurde er sogar zum Trainer des Jahres gekürt. Doch die Weltmetropole New York war nicht genug für ihn, stattdessen lieber Leipzig. Was eigentlich nicht zusammenpasst, machte für Marsch absoluten Sinn.

Der Co-Trainerposten an der Seite von Ralf Rangnick, dem Leipziger Mastermind und Fußballprofessor, war der nächste Schritt für den ehrgeizigen Amerikaner, der sich im Privaten für „sehr ruhig“ und am Spielfeldrand für „sehr emotional“ hält. Schon vorab hatte er dreimal in Spielpausen der US-Liga bei den Sachsen hospitiert, zudem war er während seiner Zeit in New York mehrfach nach Schottland gejettet, um dort die Uefa-Trainerlizenz zu absolvieren. „Eine Komfortzone ist nie gut, also wollte ich raus, wollte nach Europa“, sagt er: „Gegenpressing – das war eines der ersten Worte, das ich lernte, als ich bei Red Bull zu arbeiten begann. Rangnick hat so viele Ideen. Es war das erste Mal, dass ich konfrontiert wurde, wie es ist, groß über Fußball zu denken.“

Zwischenzeitlich war Marsch sogar als Leipziger Lösung für den Trainerposten bis zum Eintreffen von Julian Nagelsmann aus Hoffenheim im Gespräch, letztlich machte es Oberboss Rangnick dann doch lieber für eine Saison selbst und baute den US-Amerikaner für die nächste Aufgabe in aller Ruhe an seiner Seite auf.

Das Leben in Europa sei viel simpler als in New York, „und besser“, erzählt Marsch, der in Racine, einer Kleinstadt in Wisconsin geboren ist. „Mein Rücken dankt mir den Umzug“. Die vielen, langen Fahrten im Auto, seinem rollenden „Büro“, hatten den Sportsüchtigen, der neben Fußball auch gerne Eishockey und Basketball spielt sowie neuerdings die Berge auf Skiern runterwedelt, mächtig geschlaucht. Jetzt wohnt er in der Nähe des Salzburger Trainingszentrums. Marsch ist ein Entdeckertyp, das sagt er selbst, er unternimmt gerne Fernreisen mit seiner Familie, war schon Raften im Himalaya, Schwimmen im Ganges oder Pyramidenklettern in Gizeh. Alsbald will er auch eine Tour durch Europa angehen – ein paar Reiseziele kann er ja womöglich noch mit seinen Salzburger Fußballern abarbeiten.

Von Daniel Schmitt

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