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Was nun, Adi Hütter?

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Eintracht Frankfurt: Plötzlich verwundbar

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Um in Europa zu überwintern, muss die Mannschaft und der ganze Verein wieder in diesen Europapokal-Modus der vergangenen Saison hineinfinden. Ein Kommentar.

Ein Querpass zu Daichi Kamada und/oder Bas Dost hat gefehlt oder auch nur ein gezielter Spannstoß ins lange Eck und, ja, Eintracht Frankfurt könnte mit mindestens zwei weiteren Festspielen im neuen Jahr und ein paar Milliönchen Euro mehr auf dem Konto rechnen. Die Hessen hätten bis Weihnachten noch zwei Freundschaftsspiele mit internationalem Anstrich vor der Brust, eines davon im Norden von London, für Trainer Adi Hütter wäre es eine willkommene Gelegenheit gewesen, die Frankfurter Vielspieler etwas zu schonen und anderen einen Bewährungschance zu geben; der Österreicher hätte mit den Kräften seiner belasteten Mannschaft haushalten können.

Doch weil Powermann Filip Kostic in Lüttich den Ball in der 93. Minute statt ins Tor in den Fangzaun donnerte, es also nicht 2:1 für die Eintracht, dafür Augenblicke später 2:1 für die Belgier stand, müssen die Frankfurter um den Einzug in die K.o.-Phase bangen. Dumm gelaufen.

Das ist im ersten Moment ein Grund zum Wehklagen, aber dann schon nicht mehr. Denn die Mannschaft hat es sich mit ihrer Blauäugigkeit und ihrer Passivität in den letzten Sekunden selbst zuzuschreiben. Da hilft kein Jammern. Auch nicht darüber, dass Schiedsrichter Matej Jug nach einem Foul am durchgebrochenen Sebastian Rode völlig konfus agierte, dem falschen Akteur Gelb und nicht dem richtigen Rot gab und Standard die Partie mit elf statt mit zehn Spielern beenden durfte. Fehlleistungen wie diese, so bitter und banal es sich anhört, gehören zum Fußball dazu – auch auf diesem Niveau. Nahezu absurd mutet es dennoch an, dass die Uefa den Videoassistenten erst ab der K.o.-Runde einsetzt.

Wo ist die Magie?

Die Eintracht wäre gut beraten, nach dem verständlichen ersten Ärger den Fokus weg von einer unverrückbaren Tatsachenentscheidung zu schieben und hin zu den Parametern, die sie selbst beeinflussen kann.

Um in Europa zu überwintern, muss die Mannschaft und der ganze Verein wieder in diesen Europapokal-Modus der vergangenen Saison hineinfinden, der diese magischen Nächte und diese fantastischen Leistungen gegen Topgegner erst ermöglicht hat. Natürlich fällt es da ins Gewicht, dass die Eintracht – Stand jetzt - in knapp drei Wochen in London ohne eigene Anhänger antreten muss. Aber das hat sich der unbelehrbare Teil der Fans selbst zuzuschreiben. Die Hessen werden ihren Fightingspirit aufleben lassen müssen, diesen eisernen Willen und diese Unbeugsamkeit.

Eintracht Frankfurt ist international nicht mehr unverwundbar

Dieses Gefühl, auf internationalem Geläuf unverwundbar zu sein, hat nachgelassen, in dieser Runde hat die Eintracht schon drei Niederlagen (in Straßburg, gegen Arsenal, in Lüttich) kassiert – das sind zwei mehr als in der kompletten vergangenen Spielzeit, als es bis zum dramatischen Aus im Halbfinale im Elfmeterschießen gegen Chelsea nur eine einzige Schlappe setzte, im Viertelfinalhinspiel in Lissabon. Dieses spezielle Flair, dieses Besondere und dieser Kitzel lassen sich nicht beliebig reproduzieren. Das liegt in der Natur der Sache.

Die Mannschaft ist jetzt dennoch gefordert, diese schwierige Situation zu meistern. Dazu wird sie ihre Schwäche auf fremden Plätzen ablegen müssen. Das ist gar nicht so leicht. Natürlich hat diese Divergenz zwischen Heim- und Auswärtsauftritten auch etwas mit der Psyche zu tun, mit den frenetischen Fans, die das Team im heimischen Stadtwald pushen und es irgendwie unbesiegbar wirken lassen. Aber neben weichen Komponenten wie diesen hilft auch ein Blick in die nüchterne Statistik, um das Phänomen zu ergründen. In der Bundesliga hat die Eintracht auswärts nur bei Aufsteiger Union Berlin gewonnen, in der Europa League beim Gruppenschlusslicht Vitoria Guimaraes. In der vergangenen Saison aber holte die Eintracht in der Liga fast genauso viele Punkte auf fremdem Geläuf wie auf heimischem. Nur Zufall?

Es könnte eng werden mit Europa

Vielleicht liegt es eher daran, dass die Frankfurter in der letzten Runde eine andere Spielweise verfolgten, über Stürmer verfügten, die ihre Stärken im schnellen Umschaltspiel hatten. Das ist jetzt nicht mehr so, Goncalo Paciencia, André Silva und auch Bas Dost sind auf Zuspiele angewiesen. Luka Jovic und vor allem Ante Rebic hatten Tempo und Dynamik. Sie waren prädestiniert dafür, eine kompakt stehende Mannschaft mit ihren Läufen und Soli zu entlasten, den Gegner aufzureißen und ihm wehzutun. Eine gewisse Kaltschnäuzigkeit kam hinzu, Luka Jovic hat nicht viele Chancen gebraucht, um ein Tor zu machen. André Silva indes vergab am Donnerstag die riesengroße Chance zur Führung, als er einen Kopfball, den er zwingend hätte verwerten müssen, an den Pfosten setzte. Das kann natürlich mal passieren, sollte es aber nicht allzu häufig. Sonst wird es eng mit der Zugabe in Europa.

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