Philip Holzer von eintracht Frankfurt sitzt auf der Tribüne.
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Philip Holzer arbeitete 22 Jahre in führender Position bei Goldman Sachs.

SGE

Neuer Aufsichtsratsvorsitzender: Philip Holzer, der Herr der Zahlen bei Eintracht Frankfurt

  • Ingo Durstewitz
    vonIngo Durstewitz
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Der ehemalige Investmentbanker Philip Holzer ist an die Spitze des Eintracht-Aufsichtsrats gewählt worden - ein Porträt.

  • Philip Holzer ist der neue Aufsichtsrats-Boss von Eintracht Frankfurt
  • Der Mann der Zahlen
  • Philip Holzer hat einen großen Traum mit Eintracht Frankfurt

Update, 28.08.2020, 19.45 Uhr: Philip Holzer wurde zum neuen Aufsichtsratsvorsitzenden gewählt, wie Eintracht Frankfurt bekanntgab. Reinhard Gödel und Wolfgang Steubing scheiden aus. Steubing wurde aber zum Ehrenvorsitzenden des Aufsichtsrats ernannt. Präsident Peter Fischer nahm Stellung zur Wahl: „Wir danken dem Aufsichtsrat für seine außergewöhnlich erfolgreiche Arbeit und vor allem die enge, konstruktive und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem Vorstand in der zurückliegenden Amtsperiode. Ein besonderer Dank gilt dabei auch Reinhard Gödel für sein umsichtiges und vertrauensbildendes Wirken in den letzten 13 ereignisreichen Jahren. Wir freuen uns, dass Philip Holzer als neuer Vorsitzender Nachfolger von Wolfgang Steubing wird. Philip Holzer steht für drei entscheidende Eigenschaften, die er in seiner bisherigen Tätigkeit für den Aufsichtsrat immer wieder unter Beweis gestellt hat – Erfahrung, Sachkompetenz und Teamgeist. In dieser Konstellation sind wir im Aktionärskreis davon überzeugt, für die kommenden Herausforderungen, die auf den Fußball im Allgemeinen und Eintracht Frankfurt im Besonderen zukommen, erneut optimal aufgestellt zu sein“, sagte er auf der Homepage des Vereins.

Philip Holzer zu seiner Wahl zum Aufsichtsratsvorsitzenden: „Mich verbindet sehr viel mit meiner Heimatstadt und mit meinem Heimatklub. Ich bin dankbar, dass ich in den letzten zehn Jahren im Aufsichtsrat einen Beitrag zu der enormen Entwicklung der Eintracht leisten konnte und freue mich darauf, die erfolgreiche Arbeit in den kommenden Jahren fortsetzen zu dürfen und den Weg der Kontinuität, Seriosität, Stabilität und Innovation, den wir unter dem Vorsitz von Wolfgang Steubing eingeschlagen haben, fortzuführen.“

Erstmeldung, 27.07.2020, 19.41 Uhr: Frankfurt - Ein paar Tage vor einem außerordentlichen Galadinner im Spätsommer des vergangenen Jahres rief Philip Holzer bei der Frankfurter Rundschau an und fragte freundlich, ob sie womöglich einen bestimmten Artikel archiviert habe, einen aus dem Jahr 2013, das erste große Interview mit ihm, dem Eintracht-Aufsichtsrat. Die Überschrift: „Wir sollten uns am FC Arsenal orientieren.“ Dem Mann konnte geholfen werden.

Man muss wissen, der englische Topklub schien vor sechs Jahren vom Frankfurter Bundesligisten so weit entfernt wie Schalke 04 heute vom Triple-Gewinn, doch der Gegner an diesem Donnerstagabend im September 2019 in Frankfurt war: der FC Arsenal. Europa League, Gruppenphase, die Arena picke-packe voll, Knistern und Knacken im Stadtwald, die kleine Eintracht Auge in Auge mit dem große Vorbild von der Insel. Mit einigem Stolz und gebotener Demut präsentierte Philip Holzer also die FR-Seite beim abendlichen Essen mit der Arsenal-Delegation, die sich bass erstaunt und angetan zeigte. Überraschungscoup geglückt.

Philip Holzer wird wahrscheinlich der neue Aufsichtsrats-Boss von Eintracht Frankfurt

Heute, ein knappes Jahr voller Irrungen und Wirrungen später, liegt kein Gipfeltreffen mit einem englischen Großkaliber an, nein, Eintracht Frankfurt wird Anfang August versuchen, das Unmögliche möglich zu machen und auf internationalem Parkett ein 0:3 gegen den FC Basel aufzuholen. Die Chancen sind verschwindend gering, die Herausforderungen der Zukunft dafür umso größer. Corona hat die Welt und den Fußballkosmos verändert, nichts ist mehr wie es einmal war, und inmitten des globalen Umwälzungsprozesses wird ein Mann zu noch viel mehr Einfluss und Verantwortung kommen, als er bisher ohnehin schon hatte: Philip Holzer, 54 Jahre alt, ehemaliger Oberligatorwart und mächtiger Ex-Investmentbanker, wird am Dienstagnachmittag ziemlich sicher an die Spitze des Aufsichtsrats gewählt werden und auf den geschätzten und erfolgreichen Wolfgang Steubing folgen.

Es ist der vorläufige Höhepunkt einer Funktionärskarriere, die vor knapp zehn Jahren im Kontrollgremium des Bundesligisten begann.

Vor Philip Holzer liegen spannende Zeiten bei Eintracht Frankfurt

Vor Holzer, einst bei der Spielvereinigung Bad Homburg im Kasten, liegen knifflige, anspruchsvolle und spannende Zeiten, er muss den Verein als Chef des Gremiums zusammen mit dem Vorstand durch die Krise dirigieren und dabei schauen, dass die Eintracht nicht zu viel Boden verliert, dass sie das immense Wachstum der vergangenen Jahre nicht einbüßt und die Investorenklubs mit anderen Strukturen und Möglichkeiten ihr den Rang nicht noch weiter ablaufen. Schwer genug. Der Umsatz schnurrt fast um die Hälfte zusammen, die Einnahmen sinken, und in Frankfurt wird ja fast jeder Euro selbst erwirtschaftet und verdient.

Sieht man vielleicht mal von der opulenten Finanzspritze vor zweieinhalb Jahren ab, als der Fußball-AG 15 Millionen Euro zuflossen, durch die „Freunde des Adlers“, hinter denen sich genau zwei finanziell potente Aufsichtsräte versteckten: Stephen Orenstein – und Philip Holzer, der das komplizierte Investment aus der Taufe gehoben und wasserdicht gemacht hatte. Eine Herkulesaufgabe, diese eminent wichtige Kapitalzufuhr.

Eintracht Frankfurt: Philip Holzer ist ein Analytiker

Das ist ein Vorgang, der typisch ist für den gebürtigen Münchner, den die FR mal den „Herr der Zahlen“ nannte. Holzer ist ein Analytiker, der wirtschaftliche Zusammenhänge schnell versteht und entschlüsselt. Das war sein Job, der Sohn des 2016 verstorbenen früheren FR-Chefredakteurs Werner Holzer war 22 Jahre in führender Position bei Goldman Sachs, ehe er 2014 auf eigenen Wunsch ausschied und sich seitdem als Privatier verstärkt um seine große Liebe, die Eintracht, kümmert. Er kennt sich aus, hat das Finanzgeschäft von der Pike auf erlernt, hat die Hälfte seines Lebens in London, einen Teil auch in New York verbracht. „Ich bin mit Zahlen groß geworden, Zahlen fallen mir leicht.“

Der passionierte Tischtennisspieler, der als Kind die Sportstudio-Legenden Harry Valérien und Hanns-Joachim Friedrichs verehrte, ist ein Türöffner, hat so manchen potenten Geldgeber an Land gezogen, ist mit vielen führenden Bankern und Unternehmern per Du.

Philip Holzer geht an seine Aufgabe bei Eintracht Frankfurt voller Enthusiasmus an

Die neue Aufgabe geht er voller Enthusiasmus an, er hat sich vorbereitet und sich in die Materie eingearbeitet, seit Jahren schon. Die Fußballbranche hat er mittlerweile verstanden, er weiß, wie das für Außenstehende zuweilen nur schwer zu durchdringende Geschäft funktioniert und an welchen Schräubchen man drehen muss, um einen bestimmten Effekt zu erzielen. Das hat seine Zeit gedauert, klar, aber Professionalität, Ausdauer und Lernfähigkeit sind für einen wie Holzer Grundvoraussetzung, um erfolgreich zu sein. „Im Fußball steckt viel Weisheit für das ganze Leben“, findet er. „Beim Fußball lernst du den Menschen kennen. Da zeigt sich der Charakter. Beim Fußball siehst du alles.“

Er erinnert sich an einen lockeren Kick unter Kollegen, als ihn ein Praktikant von hinten umgrätschte, ihn, den mächtigen Vize-Chef Deutschlands. „Da dachte ich mir: Okay, der Junge hat Mut.“ Holzer stellte den Jungen ein, der Junge machte Karriere. „Die Botschaft muss sein: Wenn du hart arbeitest und diszipliniert bist, kannst du es überall schaffen. Dessen müssen sich auch die Spieler bewusst sein.“

Philip Holzer will sich bei Eintracht Frankfurt nicht in das operative Geschäft einmischen

Ins operative Geschäft möchte er sich nicht einmischen, aber die Strukturen bei der Eintracht sind so, dass Menschen mit Kompetenz und Expertise ohnehin gehört und ernstgenommen werden, in dem geteilten Wort Aufsichts-Rat stecke viel von der eigentlichen Aufgabe. Philip Holzer ist voll des Lobes für den AG-Vorstand um Fredi Bobic, Axel Hellmann und Oliver Frankenbach, dessen Kraft, Kreativität und Fachwissen in der Bundesliga in der Spitzengruppe anzusiedeln sei. Seine Maxime für die gesamte Eintracht: „Wir dürfen nicht schlafen. Denn wir stehen unter einem unglaublichen Wettbewerbsdruck.“

Auch deshalb wird der Hauptausschuss, die schnelle Eingreiftruppe, die wichtige Entscheidungen, die keinen Aufschub dulden, rasch absegnen kann, neu besetzt: Wolfgang Steubing scheidet aus, Stephen Orenstein rückt ein, Vereinspräsident Peter Fischer und Holzer selbst bleiben in dem Gremium. Das Kontrollorgan generell wird verkleinert, von neun auf sieben Mitglieder.

Siebter im TV-Ranking

Dank ihres Schlussspurts belegt die Eintracht im TV-Ranking die siebte Position. Wie der „Kicker“ berichtet, erhalten die Frankfurter dafür in der kommenden Saison aus der nationalen Vermarktung der Medienrechte 60,45 Millionen Euro. Spitzenreiter ist demnach natürlich der FC Bayern mit 70,64 Millionen, dicht gefolgt von Borussia Dortmund (69,37). Hinter der Eintracht stehen Teams wie die Berliner Hertha (59,29), Schalke 04 (56,17) oder der VfL Wolfsburg (55,18). Insgesamt erhalten die 36 Vereine der Ersten und Zweiten Bundesliga 1,2 Milliarden Euro. FR

Philip Holzer wird bei Eintracht Frankfurt die Fäden im Hintergrund ziehen

Holzer wird sich auch als Vorsitzender treu bleiben, er ist keiner, der das Rampenlicht sucht. Im Gegenteil. Er ist ein Netzwerker im eigentlichen Sinne, er zieht im Hintergrund die Fäden. So hat er es gelernt, so ist er in seinem Job groß geworden. Verschwiegenheit und Loyalität sind für ihn elementar, so gewinnt er Vertrauen; Geschwätzigkeit und Unverbindlichkeit mag er nicht, es dauert lange, ehe er Zutrauen findet und Menschen an sich heranlässt.

Vielleicht wirkt er deshalb oft unnahbar, unterkühlt. Holzer weiß das, aber er kann es nicht wirklich verstehen, er sieht sich eher als zurückhaltend, in den vergangenen Monaten etwa hat er sich bewusst komplett aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Er baut Brücken abseits des Lichts, er kann Visionen malen, damals hat er Trainer Armin Veh in vielen Gesprächen von einer Vertragsverlängerung überzeugt. Ein Leitsatz, den ihm sein Vater mit auf den Weg gegeben hat, lautet: „Es kommt darauf an, wie du die Leute behandelst. Das kann den Unterschied machen.“ Egal, ob groß oder klein. „Ich wusste auch immer, ob es dem Pförtner schlecht geht und ob er krank ist.“

Eintracht Frankfurt: Philip Holzer hat einen Traum

Für den Cola-Zero-Liebhaber, der sich sozial engagiert und viele gemeinnützige Projekte aus dem Boden gestampft hat, ist der Fußball mehr als nur Sport, „Fußball“, sagt er, „ist der Klebstoff, der unsere auseinanderdriftende Gesellschaft zusammenhält.“

Mit seinem Verein hat er noch einiges vor, er hebt die „starke Strahlkraft der Eintracht“ hervor, „die Emotionalisierung der Marke“, die „Eintracht als wichtigsten emotionalen Markenbotschafter Frankfurts, ein stark verankertes lokales Unternehmen mit globalen Ambitionen.“ Sein Leitspruch lautet: „Wir müssen modernisieren, um Tradition zu erhalten.“

Natürlich hat Philip Holzer einen Traum, den er sich während seiner Amtszeit gerne erfüllen würde: „Irgendwann mal bei uns im Stadion die Champions-League-Hymne zu hören.“ Vielleicht gegen den FC Arsenal. Oder einen anderen Giganten der etwas verdrehten Fußballwelt. So klein ist seine Eintracht ja auch nicht mehr.

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