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Frankfurter Redebedarf. Foto: Hübner

Eintracht Frankfurt

Bilanz des Trainingslagers: Enger zusammenrücken

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Nach den Verletzungen von Fernandes und Kamada sucht die Eintracht nach neuen Spielern für Offensive und Defensive – Kompaktheit glaubt sie, gefunden zu haben.

Frankfurt - Das Training von Eintracht Frankfurt im sonnigen Florida war gerade beendet und die meisten Spieler des Fußball-Bundesligisten befanden sich bereits auf dem Weg zum Umziehen, da forderte Filip Kostic ganz offen seinen Chef, den Trainer Adi Hütter, heraus. Und der nahm die Herausforderung an: Ein Shootout zweier Ballermänner, der eine mit links, der andere mit rechts. Filip Kostic also feuerte den an der Mittellinie liegende Ball in Richtung Tor, verfehlte das Ziel, die Torlatte, aber knapp. Nun gut, dachte sich der beste Offensive in Diensten der Hessen wohl, das packt der Trainer eh nicht. Doch der Trainer packte es. Hütter legte sich die Kugel zurecht, lief an, zog ab - und Blong, der Ball knallte, wie gewünscht, gegen die Latte. Kostic schlug die Hände vors Gesicht, Hütter fiel lachend auf die Knie und reckte die Arme nach oben.

Eintracht Frankfurt: Stimmung ausgesprochen gut

Die Stimmung im Trainingslager bei Eintracht Frankfurt war kurz vor der Abreise also ausgesprochen gut, wie eigentlich die ganze Zeit seit dem Eintreffen am 2. Januar. Dabei gab es durchaus Aspekte, die die Laune hätten verhageln können – im Grunde genau zwei. Nicht etwa die beiden Gegentore, die die Eintracht im Testspiel gegen die Berliner Hertha kassierte, sondern jene beiden verletzungsbedingten Ausfälle, die die Frankfurter an der Westküste Floridas in den vergangenen Tagen zu verzeichnen hatten: Erst konnte Abräumer Gelson Fernandes wegen eines Sehnenrisses an der Hüfte nicht mehr abräumen, dann Spielgestalter Daichi Kamada nach seinem beim Berlin-Test erlittenen Bänderriss im rechten Sprunggelenk nicht mehr gestalten. Beide werden der Eintracht in den kommenden Wochen fehlen, vor allem aber in den insgesamt zehn die Richtung vorgebenden Spielen im Januar und Februar in Liga, DFB-Pokal und Europa League.

Entsprechend verschaffte sich Hütter am Donnerstagnachmittag Gehör, er forderte zwar nicht direkt neue Männer von seinen Chefs, verwies aber doch auf deren Notwendigkeit. „Ich tausche mich mit Fredi (Bobic, Anm. d. Red.) und Bruno (Hübner, Anm. d. Red.) aus. Wir werden uns sicherlich Gedanken machen müssen. Es wäre fahrlässig, nicht über neue Spieler nachzudenken.“ Zumal Fernandes und Kamada ja keine Akteure seien, die wenig gespielt hätten. Ganz im Gegenteil: Fernandes war auf 20 Einsätze in den drei Wettbewerben gekommen, Kamada sogar auf 30. Zudem ist er der einzige echte Zehner im Kader. Das erhöht zweifellos den Druck auf Sportvorstand Bobic, der ja stets betont hatte, trotz des miesen Laufs auf dem Transfermarkt nicht aktionistisch aktiv werden zu wollen, auch weil man dem bestehenden Kader vertraue.

Eine Liste mit Namen potenzieller Neuzugänge aber gibt es längst, für alle Bereiche, nicht nur fürs zentrale Mittelfeld, auch auf Rechtsaußen, wo sich gegen Berlin zuletzt gar Mijat Gacinovic eine Halbzeit lang mühte. Und natürlich im Angriff und der Innenverteidigung, wo dem Beobachter rasch die beiden Ex-Eintrachtler Ante Rebic und Jesus Vallejo in den Sinn kommen.

Eintracht Frankfurt: Kreativer Mittelfeldspieler hat Priorität

Nach den Vorfällen in Florida sind aber wohl die zentralen Ballverteiler in der Prioritätenliste nach oben gerutscht. Coach Hütter blieb grundsätzlich: „Im Winter bekommst du natürlich auch immer irgendwelche Spieler, aber die Frage ist ja, ob sie dir weiterhelfen“. Absolut richtig. Zugänge zur Erhöhung der Kaderbreite braucht die Eintracht sicher nicht, schaden könnten dagegen Topleute ebenso wenig. Aber die kosten Geld, Geld, das Eintracht Frankfurt nicht hat. Ob er sich fürs offensive und defensive Mittelfeld mögliche Zugänge vorstellen könne, wurde Hütter noch gefragt. Die Antwort: „Ja“.

Trotz der personellen Rückschläge, die fast nahtlos an jene aus der ersten Saisonhälfte anknüpfen, sowie der Niederlage im Testspiel wollte Hütter, ganz logisch, keine schlechte Stimmung aufkommen lassen. Er hob im bilanzierenden Gespräch lieber die positiven Aspekte der Tage in Bradenton und Clearwater hervor. „Ich habe eine Mannschaft gesehen, die gut mitgezogen hat.“ Längst sind aber nicht alle Spieler in Idealform. Die Stürmer André Silva und Goncalo Paciencia zum Beispiel hinken hinterher, Danny da Costa wirkte auch schon frischer und Dominik Kohr wusste ebenso wenig zu überzeugen wie in der Hinrunde.

Zu den Gewinnern zählten dagegen Angreifer Bas Dost, der ebenso wie Keeper Kevin Trapp topfit mitmischte, Evan Ndicka, der umsichtig verteidigte und gezielt als Linksverteidiger mit nach vorne marschierte sowie der stets fröhliche Timothy Chandler, der gegen Berlin den Frankfurter Treffer erzielte und auch sonst positiv auffiel.

„Der wichtigste Faktor“, erläuterte der 49 Jahre alte Trainer, „war, dass wir taktische Dinge trainieren konnten.“ Wie schon vergangenes Jahr, als die Eintracht in der Winterpause das erste Mal in den Südosten der USA reiste, verzichtete Hütter auf stupides Konditionsbolzen, stattdessen setzte er auf einen Kraftzuwachs durch knackige Pressingeinheiten und einen Formgewinn durch kluge Taktikvariationen. Die Viererkette soll es sein, sie soll zur Linderung der schmerzhaften Sieglosserie beitragen.

Der Fußballlehrer aus Österreich erklärte viel, er unterbrach die Schulungseinheiten auf dem Rasen häufig per Trillerpfeife und stieg einmal gar auf einen Hubwagen, um sich das Trainingsspielchen aus der Vogelperspektive zu Gemüte zu führen. Insgesamt, so Hütter, sei er mit dem Gesehenen zufrieden. „Ziel war es, kompakter zu stehen. Ich habe gute Ansätze erkannt.“ Freilich werden Ansätze für einen Sieg in genau einer Woche zum Auftakt der Rückrunde bei der TSG Hoffenheim nicht reichen.

Doch in der Tat präsentierte sich die Eintracht beim einzigen Spiel gegen Ligarivale Hertha BSC defensiv stabil – vor allem in der ersten Hälfte, als das am kommenden Samstag erwartbare Innenverteidigerduo David Abraham und Martin Hinteregger spielte. Grund für den Wandel weg von einer Dreier- und hin zu einer Viererreihe war auch eine Statistik, wie Hütter jetzt berichtete. Demnach habe die Eintracht bei den Wegen nach vorne im Ligavergleich an der Spitze gelegen, „aber es gibt auch die andere Richtung, die nach hinten und diese Wege haben wir teilweise nicht konsequent genug gemacht.“ Die Zauberformel: Kompaktheit herstellen, indem das ganze Team verschiebt und die Mannschaftsteile enger zusammenrücken. Fußball kann manchmal so einfach sein.

Von Daniel Schmitt

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