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Eintracht Frankfurt: Der Spirit soll bleiben

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Von: Thomas Kilchenstein

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Autsch: Eintracht-Verteidiger Evan Ndicka wird vom Spurs-Angreifer Richarlison (links) mal wieder abgeschüttelt.
Autsch: Eintracht-Verteidiger Evan Ndicka wird vom Spurs-Angreifer Richarlison (links) mal wieder abgeschüttelt. © dpa

Trotz der Niederlage in London schöpft die Eintracht neuen Mut für kommende Aufgaben. Trainer Oliver Glasner will der Diva vom Main ihre Launen austreiben.

London – Wie es in Antonio Conte ausgesehen hatte, als am Mittwochabend erst Faride Alidou getroffen und kurz darauf Harry Kane aus elf Metern eben nicht, offenbarte der Derwisch an der Außenlinie ein paar Minuten später, deutlich unaufgeregter. „Da hatte ich Angst“, sagte der italienische Trainer des englischen Spitzenklubs Tottenham Hotspur. Angst davor, dass Eintracht Frankfurt eine halbe Stunde nach dem Platzverweis von Tuta in Unterzahl womöglich noch den wundersamen 3:3-Ausgleich erzielen könnte. Ein großes Lob aus berufenem Mund also für den Champions-League-Neuling aus dem Hessischen, der sich gegen die lange überragend auftretenden Nordlondoner ordentlich aus der Affäre gezogen hat. „Wir können mit erhobenem Haupt ins Bett gehen“, sagte der Frankfurter Coach Oliver Glasner danach.

Tottenham eine Nummer zu groß für Eintracht Frankfurt

Aber natürlich war Tottenham, Dritter in der Premier League, mindestens eine Kragenweite zu groß, selbst wenn es in der „wilden Schlussphase“ (Eintracht-Sportvorstand Markus Krösche) kurzzeitig noch mal eng wurde für das britische Starensemble. Tottenham sei „zwei Schritte weiter als wir“, so Krösche, und selbst wenn es Eintracht Frankfurt in den ersten 20 und den letzten 15 Minuten gut gemacht hatte, so dürfe man „nicht den Fehler machen, Tottenham mit uns auf Augenhöhe zu sehen“.

Da sind dann schon noch ein paar Unterschiede offensichtlich, als Mannschaft und individuell. Gerade die beiden Superstars der Spurs, Harry Kane und Heung-min Son, bekamen die Frankfurter niemals unter Kontrolle. Insbesondere der frühere Hamburger und Leverkusener, der Doppeltorschütze Son, „hat uns den Rest gegeben“, formulierte Eintracht-Kapitän Sebastian Rode. „Mit dieser Offensivpower waren wir überfordert“, stellte Trainer Glasner nüchtern und richtig fest, „wenn du diese Weltklassespieler verteidigen willst, musst du dich auf Weltklasseniveau bewegen.“ Das habe man „teilweise“ nicht getan, gerade die Verteidiger Evan Ndicka und Tuta, der erneut nach zwei Fouls vom Platz gestellt wurde, mussten ordentlich Lehrgeld zahlen. „Aber so etwas gehört zur Entwicklung junger Spieler dazu“, zeigte Krösche Verständnis. Auch Kristijan Jakic und Christopher Lenz bekamen vor nicht ausverkauftem Haus im milliardenteuren, hochmodernen Tottenham Stadium deutlich ihre Grenzen aufgezeigt. Zur Wahrheit gehört zudem: Torwart Kevin Trapp war mit Abstand bester Frankfurter, er allein hielt die Niederlage in Grenzen und die Eintracht überhaupt im Spiel.

Oliver Glasner: Gut gelaunt trotz Niederlage

Und doch, sagte Glasner hinterher, sei er „viel besser gelaunt als nach vielen anderen Niederlagen“. Nämlich deswegen, weil alle alles, was im Tank war, auf den Platz gebracht hätten. Er sei „beeindruckt“ von seiner Mannschaft, lobte der österreichische Fußballlehrer. „Ich bin unglaublich stolz, was sie geleistet haben. Dieser Charakter und diese Persönlichkeit – das ist Eintracht-Frankfurt-Identität.“ Denn: „Wir waren immer wir.“ Selbst gegen den Topfavoriten der Gruppe habe Eintracht Frankfurt versucht, das Heft des Handelns in die eigene Hand zu nehmen, hat mutig und wenig zögerlich nach vorne gespielt, hat attackiert und wurde, etwa durch das frühe 1:0 von Daichi Kamada, auch belohnt.

Die Hessen suchten immer wieder den Weg nach vorne, selbst wenn sie ihn nicht fanden, weil die Passwege verstellt oder Stürmer Randal Kolo Muani, erneut weitgehend abgeschnitten, nicht in Szene gesetzt werden konnte. Dass sich dennoch die hohe Qualität der Engländer durchsetzte, gehört dazu. Aber die Hessen hatten es immerhin probiert. Mehr als sich achtbar aus der Affäre zu ziehen, war an diesem Abend aber nicht drin gewesen.

Mit diesem konzentrierten, konsequenten Auftritt wäre Eintracht Frankfurt in vielen Bundesligaspielen sicher als Sieger vom Platz gegangen, ein Teil dieses Spirits hätte schon am vergangenen Samstag genügt, den Tabellenletzten VfL Bochum in die Schranken zu weisen. Trainer Glasner sieht es nun als seine „große Aufgabe an“, hatte er vor dem Spiel angekündigt, der Diva vom Main die Launen auszutreiben. „Ich hab ja gehört, dass dies hier öfter vorkommt: Gegen den Ersten gewinnen und gegen den Letzten verlieren.“ Das wolle er künftig abstellen.

Eintracht Frankfurt: Immer wieder tollpatschig

Durch die Saison ziehen sich freilich immer wieder leichte Fehler und verheerende Tollpatschigkeiten. In London flog der vor der Saison als Abwehrchef vorgesehene Tuta nach zwei naiven Fouls mit Gelb-Rot vom Feld. „Es war wieder mal der berühmte Sturz mit dem Fahrrad. Jetzt ist er schon dreimal auf die gleiche Art gestürzt. Jetzt hoffen wir, dass er künftig besser in die Pedale tritt“, sagte Glasner mit einem Schmunzeln. Tuta selbst hatte schon am Samstag in Bochum bei seinem überflüssigen Scharmützel mit Torwart Trapp nicht seinen besten Tag erwischt, er schreit förmlich nach einer schöpferischen Pause.

Aber Ersatz ist kaum vorhanden. Auch der 38 Jahre alte Makoto Hasebe dürfte etwa am Samstag im Heimspiel gegen Bayer Leverkusen fehlen, er musste nach einem Zusammenprall mit Son ausgewechselt werden und lief humpelnd nach Spielende mit einem dicken Eisbeutel ums Knie zu den 5000 Fans in die Kurve. Innenbänder könnten in Mitleidenschaft gezogen worden sein, heißt es.

Ohnehin wird Glasner mit einem in der Defensive recht dünnen Kader durch die Englischen Wochen gehen müssen. Im wahrscheinlich vorentscheidenden Champions-League-Spiel am 26. Oktober zu Hause gegen Olympique Marseille wird Tuta definitiv fehlen, Almamy Touré, ein Rechtsverteidiger, ist für die Königsklasse nicht gemeldet, ohnehin kommt er nach einer schwerwiegenden Verletzung erst langsam zurück, Ansgar Knauff fällt mehrere Wochen aus, Luca Pellegrini ist angeschlagen.

Eintracht Frankfurt: Zur Improvisation gezwungen

„Es scheint so zu sein, dass wir die nächsten Spiele auch noch ein bisschen improvisieren müssen“, sagt Glasner. Schon in London spielten eine Reihe von Profis nicht auf ihren Stammpositionen, Torschütze Faride Alidou etwa, gelernter Linksaußen, musste links hinten spielen, Eric Dina Ebimbe, normalerweise zentraler Mittelfeldmann, rückte auf den rechten Flügel. „Wie sich die Jungs in den Dienst der Mannschaft gestellt haben, unglaublich“, hob der 48 Jahre alte Coach den Daumen. Auch deshalb sei er „sehr zuversichtlich für unsere gemeinsame Zukunft“ gestimmt.

Bleibt allein die Frage, wie schnell Eintracht Frankfurt wieder in den Alltag zurückfindet. Am Samstag kommt Bayer Leverkusen in den Stadtwald, das unberechenbare Team von Xabi Alonso hat in der Champions League gerade 0:3 gegen den FC Porto verloren, und wie viele Körner dieser Europapokalabend gekostet hat. Wenn es stimmt, dass der letzte Eindruck haften bleibt, gibt das Hoffnung. Antonio Conte will aus den letzten Minuten lernen, „die Spieler und ich“. Könnte auch für Eintracht Frankfurt gelten. (Thomas Kirchenstein)

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