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Sie glauben dran: Eintracht Frankfurt will es im Rückspiel wissen.

Früherer Fußballprofi analysiert die SGE

Mounir Zitouni ist von Eintracht Frankfurt begeistert

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Ex-Profi Mounir Zitouni glaubt an die Kraft der Psyche – und sieht die Eintracht deshalb so stark.

Die Worte stehen bis heute, wie in Stein gemeißelt, sie hallen bis heute noch, vergessen hat sie niemand. „Wir wollen durch die Gruppe marschieren.“ Fredi Bobic, der Sportvorstand der Eintracht, hatte sich weit aus dem Fenster gelehnt, damals, im Mai 2018. Gar keine Frage. Nur mal zur rechten Einordnung: Der Trainer (Kovac) war weg, einige Leistungsträger (Boateng, Hradecky, Wolf, Mascarell) suchten das Weite, ein neuerlicher Umbruch stand bevor. Und als dann einige Wochen später die Gegner in der Europa League zugelost wurden, unter anderem Vorjahresfinalist Olympique Marseille und Champions-League-Aspirant Lazio Rom, also eine absolute Hammergruppe auf die Eintracht wartete, da dachten viele, dass Bobic den Mund etwas zu voll genommen haben könnte. Pustekuchen. Die Eintracht rauschte durch Europa und berauschte sich an sich selbst: sechs Siege in sechs Gruppenspielen – historisch. 

Für Mounir Zitouni, den früheren Fußballprofi und heutigen Business-Coach, ist der große Erfolg auf nationaler und internationaler Bühne kein Zufall. „Es geht um ein positives Grundbild, eine gemeinsame positive Zielformulierung“, sagt der 48-Jährige. „Das ist die Basis für alles. Das ist die Saat, die dann aufgehen kann.“ Zitouni, einst für den SV Wehen, Kickers Offenbach oder den FSV Frankfurt am Ball, hat sich viel mit der Psyche und dem Unterbewussten des Menschen beschäftigt, für ihn ist klar, dass die Welt der Gedanken gerade im Spitzensport eine entscheidende Rolle spielt. „Es passiert alles im Kopf. Man sollte sich nicht auf das Negative konzentrieren“, befindet er, denn: „Aus Gedanken werden Worte, aus Worten Handlungen und aus Handlungen Gewohnheiten.“ 

Zitouni findet die Eintracht-Einstellung vorbildlich

Deshalb findet der in Frankfurt lebende Mentaltrainer (www.mounir-zitouni.de) es auch bemerkenswert, wie sich die Eintracht am Donnerstag in Lissabon verkauft hat. „Das Team steckte ja in einer scheinbar ausweglosen Situation und musste diese Nackenschläge verarbeiten: Ein Mann weniger, 1:4 in Rückstand – aber die Mannschaft hat nie aufgegeben. Im Gegenteil. Sie ist noch enger zusammengerückt, ist zurückgekommen und wollte unbedingt das dritte Tor. Lissabon war zum Schluss mega-beeindruckt.“ Zitouni findet diese Einstellung vorbildlich. „Man spürt, dass die Spieler daran glauben, etwas schaffen zu können. Sie haben diese Überzeugung, sie wollen den Erfolg. Auch Rückschläge werfen sie nicht um.“ 

Zitouni findet es ohnehin höchst löblich, wie Eintracht Frankfurt die Europa League angenommen hat. Der ganze Verein, die Sportliche Leitung und Trainer Adi Hütter hätten einen herausragend guten Job gemacht, weil sie die internationalen Auftritte als große Chance und etwas Einzigartiges begriffen und nicht als zusätzliche Belastungen empfunden haben. Es ist eine Frage der Haltung und der Herangehensweise. „Das fängt schon bei Kleinigkeiten an, bei Formulierungen. Man kann sagen: Wir wollen nicht ausscheiden. Man kann aber auch sagen: Wir schließen als Erster die Gruppe ab.“ Die Eintracht hat sich für die zweite Variante entschieden. Und Wort gehalten. Eine solche Einstellung habe Signalwirkung für die Mannschaft. 

Gerade Coach Hütter als direkter Ansprechpartner und unmittelbarer Vorgesetzter der Spieler komme eine zentrale und wichtige Aufgabe zu. „Du musst als Trainer aufpassen, wie du dich öffentlich äußerst“, sagt Zitouni. „Denn die Spieler schauen ja auch: Wie geht die Führungskraft damit um? Ist sie authentisch? Als Trainer musst du zeigen, dass du Bock drauf hast, dass du Feuer hast und der Mannschaft klarmachen: Ich sitze mit im Boot.“

Hütter, der jetzt sogar als Co-Autor sein zweites Buch schreibt, ist ohnehin ein Mensch, bei dem das Glas halbvoll und nicht halbleer ist. Er versuche ein Trainer zu sein, der agiere und nicht nur reagiere, „der aktiv mit der Sprache ist, nicht passiv, der positiv motiviert“, sagt Hütter. „Mir wird im Allgemeinen zu viel negativ gesprochen. Ich denke, für den Menschen ist es wichtig, positive Signale zu erhalten.“ Das Verhältnis bei Analysen oder Mannschaftsbesprechungen sei „zwei Drittel Lob, ein Drittel Kritik. Ich denke, so funktioniert ein Mensch.“ 

Zitouni geht das Herz auf

Zitouni geht bei einer derart artikulierten Philosophie das Herz auf, er liegt voll und ganz auf Hütters Wellenlänge. Alldieweil: „So wie du als Führungskraft agierst, so agiert auch die Mannschaft.“ Ein Trainer sei die Lokomotive, die andere mitziehen müsse. „Da geht es um eine Kooperation mit der Mannschaft, es geht um Vertrauen und Belohnungen, Lob und Gerechtigkeit, es geht darum, Verantwortung zu übertragen“, sagt der frühere Journalist, der bis vor kurzem fürs Fachblatt „Kicker“ geschrieben und seine Ausbildung zum Redakteur einst bei der Frankfurter Rundschau absolviert hat.

„Es geht darum, wie man die Spieler mitnimmt.“ Man könne sie auch mit einem Batzen Geld anstacheln, klar, aber für den früheren U21-Nationalspieler Tunesiens steht fest: „Besser ist die Motivation, die aus einem selbst herauskommt. Wenn die Spieler daran glauben und die Idee leben, dann ist alles möglich.“ 

Die Eintracht sei da beispielhaft. „Da ist nicht zu spüren von negativen Ansätzen oder Belastungsgerede.“ Die Strapazen und die vielen Spiele steckten die Fußballer auch deshalb so gut weg, weil sie sie eben nicht als Belastung empfinden. „Es passiert genau das Gegenteil. Sie werden sogar durch den Ligaalltag getragen. Sie können das nächste Spiel gar nicht abwarten. Sie haben richtig Bock drauf, alle paar Tage zu spielen.“ 

Zitouni, der 280 Drittligaspiele auf dem Buckel hat, hat erlebt, wie man Europa auch machen kann, aber vielleicht nicht sollte. In seiner Funktion als „Kicker“-Reporter war er hautnah dabei, als RB Leipzig im November in Salzburg verlor und Trainer Ralf Rangnick den Wert des Wettbewerbs infrage stellte. Sollte man ausscheiden, hieß es, sei das kein Beinbruch, man wolle sich lieber auf die Liga konzentrieren und die Champions-League-Plätze anvisieren. Genau diese Wechselwirkung habe man auf dem Feld sehen können. „Der Mannschaft fehlte Begeisterung, Feuer, Willen“, sagt Zitouni. „Aber wenn sich die Führungskraft so äußert, wie soll das dann funktionieren?“ 

Eintracht Frankfurt schürt Hunger und Gier

In Frankfurt hingegen sei der Wettbewerb sogar auf einen Sockel gehievt worden. „Begeisterung und Emotionen – ein besseres Doping gibt es nicht“, betont er. „Es trägt dich durch alles hindurch.“ Und die Eintracht habe auch nach der erfolgreichen Gruppenphase weiter Hunger und Gier geschürt. „Man kann dann sagen: ,Okay, wir haben unser Ziel erreicht, jetzt schauen wir mal, was noch geht.‘ Oder man legt die Latte noch höher und sagt: ,Jetzt gehen wir aufs Ganze, jetzt wollen wir uns unsterblich werden.’“ 

Das gelte gerade nach dem 2:4 in Lissabon. Im Rückspiel sei alles möglich. Zitouni findet sogar, dass sich die Eintracht-Profis an dem Auftreten in Portugal „hochziehen“ könnten. „Sie werden jetzt mit einer riesigen Überzeugung rausgehen. Ich sehe Benfica noch lange nicht im Halbfinale.“

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