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Der etwas andere Fußballprofi: Martin Hinteregger.

Martin Hinteregger

Martin Hinteregger: Einer für die Herzen der Fans

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Warum sich Verteidiger Martin Hinteregger von Eintracht Frankfurt gerne von den Anhängern feiern lässt und deren ganz besondere Unterstützung auch braucht.

Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast, hat schon der frühere englische Premier Winston Churchill gesagt. Und wer sich die Daten des Bundesligaauftakts der Frankfurter Eintracht am Sonntag beim 1:0-Erfolg gegen die TSG Hoffenheim anschaut, mag dem Mann Recht geben: Die Eintracht lief knapp zwei Kilometer weniger (107:109 Kilometer), hatte knapp ein Drittel Ballbesitz (36 Prozent), gewann weniger Zweikämpfe (46 Prozent) und brachte nur 159 Pässe an den eigenen Mann, Hoffenheim übrigens 443. Aber: Waren die Hessen am Ball, war auch der Torabschluss nicht weit, 17 Mal schossen die Gastgeber aufs Tor, das erste und entscheidende Mal schon nach 35 Sekunden.

Und es war Martin Hinteregger, der mit seinem allerersten Ballkontakt zum Matchwinner wurde, „akrobatisch schön war es nicht“, fand er selbst seinen Seitfalltreffer, aber eben wichtig. Schon einmal hatte der 26 Jahre alte Verteidiger den alles entscheidenden Treffer für die Eintracht in der Bundesliga erzielt, in der vergangenen Saison im Heimspiel gegen den 1. FC Nürnberg (1:0).

Bei Eintracht Frankfurt zum Publikumsliebling geworden

Genauso wichtig wie das Tor am Sonntag war aber auch die Tatsache, dass der linke Verteidiger sich wieder jener Form näherte, die ihn bei Eintracht Frankfurt blitzschnell zu einem der Publikumslieblinge inklusive eigenem Lied gemacht hat.Defensiv war der Mann eine Bank, auf seiner Seite ließ der Österreicher wenig anbrennen, spektakulär waren seine Grätschen allemal, vor allem jene, bei der er sich einen schnöden Wadenkrampf zugezogen hatte. Und weil er nach eigener Aussage noch niemals in seiner Karriere einen Wadenkrampf erlitten hatte, glaubte er im ersten Moment, etwas Schlimmeres sei ihm widerfahren und er müsse ausgewechselt werden. Trainer Adi Hütter sprach da nach dem ersten Eindruck schon von „einem Schockmoment“, wenig später sprang der Linksfuß quietschfidel wieder aufs Feld zurück. Evan Ndicka, der schon bereit zur Einwechslung war, musste zurück zum Warmlaufen hinter das Tor.

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Der erlittene Krampf dürfte ein Hinweis gewesen sein, dass Hinteregger noch nicht im Vollbesitz seiner Kräfte ist. Wegen eines Rippenbruchs, den er sich nach der Saison bei einem Länderspiel der österreichischen Nationalmannschaft zugezogen hatte, konnte er beim FC Augsburg nicht die komplette Vorbereitung absolvieren - ohnehin war sein provozierter Abgang aus dem Schwäbischen nicht ganz gentlemanlike.

Hinteregger hat, obwohl er noch einen gültigen Vertrag in Augsburg besass, nie ein Hehl daraus gemacht, dass er in Frankfurt seine Zukunft sehe – und nur dort. Er hat das FCA-Manager Stefan Reuter mehr als deutlich gemacht, immerhin hat er dadurch erstaunlicherweise die Ablösesumme auf etwa neun Millionen drücken können, Reuter hatte anfangs runde 15 Millionen verlangt. In dieser Zeit hatte sich Hinteregger auch nicht sonderlich professionell verhalten, als er offensichtlich angetrunken an einem Dorffest teilgenommen hatte. Dieses Verhalten war in Frankfurt auch Vorstand Fredi Bobic übel aufgestoßen. „Ich will es nicht gutheißen, wenn man sich einen hinter die Binde kippt. Er weiß, dass er einen Fehler gemacht hat“, deckelte Bobic den Profi.

Martin Hinteregger sieht alles ein wenig lockerer

Aber Martin Hinteregger war schon immer ein bisschen anders als viele seiner Kollegen. Er ist kein pflegeleichter, stromlinienförmiger Profi. Er verzichtet auf Facebook, Instagram und lange auf ein Smartphone, telefonierte lieber mit einem alten Klapphandy, weil ihm die sozialen Medien zu viel Zeit raubten. Er spielt Ziehharmonika, liebt die Jagd und empfindet sich selbst als „schüchternen Menschen“, der sich seine Ziele oft zu niedrig setzt. In Augsburg hat er früher eine Kindermannschaft trainiert. Wenn ihm was nicht passt, zögert er nicht, das zu sagen. Etwa als er unverblümt in der Winterpause der früheren Augsburger Trainer Manuel Baum kritisierte.

Er sagt auch, er wäre viel lieber ein Profi in den 80er-Jahren gewesen, hätte zwar weniger Geld verdient, „dafür aber ein lustigeres, authentischeres Leben geführt“. Er nehme, hatte er im großen FR-Interview gesagt, „das Geschäft ein bisschen lockerer. Das ist nicht immer gut, aber auch nicht immer schlecht. Eigentlich mag ich es nicht, Schlagzeilen über mich zu lesen.“ Als er noch bei RB Salzburg spielte, weigerte er sich zum Partnerklub RB Leipzig zu wechseln, weil er die Geschäftspraktiken beider Klubs nicht mochte. In Leipzig beim Gastspiel der Eintracht im Frühjahr war er von den RB-Fans deshalb ausgepfiffen worden.

Jetzt hat Martin Hinteregger, auf den Trainer Hütter große Stück setzt, gesagt, er brauche „die wichtigen Spiele, um ein, zwei Stufen höher zu kommen“, um besser zu spielen. In Begegnungen wie gegen Mannheim oder Vaduz tue er sich schwerer. In der Tat war seine Vorstellung am Sonntag gegen Hoffenheim deutlich engagierter als zuletzt.

Dass Martin Hinteregger aber derart von der Anhängerschaft gefeiert wird, ist ihm zuweilen immer noch ein Rätsel. Als seine Vertragsverlängerung bis 2024 bei der Eintracht verkündet wurde, brandete im Stadion ein Jubel auf, als habe Eintracht Frankfurt Lionel Messi und Cristiano Ronaldo zugleich verpflichtet. Bei der Tour de France hatten Frankfurter Anhänger #FreeHinti auf den Asphalt gepinselt.

Die Zuneigung der Fans ist für den gebürtigen Kärntner eine ganz spezielle Motivation. Er sagt: „Die Fans wissen gar nicht, was ihre Unterstützung für mich persönlich bedeutet. Diese Sprechchöre geben mir die zweite und dritte Luft, das pusht mich extrem.“ Gut also, dass die nächsten Aufgaben, zweimal gegen Racing Straßburg und RB Leipzig, zu den anspruchsvolleren Spielen gehören.

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