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Gezeichnet, aber zufrieden.

Stefan Ilsanker

Eintracht Frankfurt: Manifest mit Turban

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    Ingo Durstewitz
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Mittelfeldspieler Stefan Ilsanker opfert sich trotz Doppel-Cut am Auge auf und gilt als neues Eintracht-Sinnbild.

Frankfurt - Irgendwie war es bezeichnend, dass Stefan Ilsanker auch seine Aktien in der letzten großen Eintracht-Chance an diesem zeitweise emotionalen, aber trotzdem seltsam gedämpften Pokalabend hatte, und auch die Art und Weise seiner Beteiligung war bezeichnend. Mit letztem Einsatz warf sich der 30 Jahre alte Haudegen vorne in einen Zweikampf mit Maximilian Eggestein, brachte die linke Fußspitze mit einem langen Bein an den Ball und stocherte ihn in den Lauf von André Silva, der einen Hauch zu lange zögerte und so das 3:0 verpasste, weil Ömer Toprak ihm die Kugel noch vom Fuß spitzelte (86.). Die Vorarbeit war keine durchdachte Aktion, eher ein Pressschlag, eine Willens- und Energieleistung des Frankfurter Abräumers.

Im Gedächtnis wird diese Szene nicht haften bleiben, es war nur eine Randnotiz mit überschaubarer Symbolkraft, sehr viel größere steckte in Ilsankers bloßer Erscheinung, ein 1,89 Meter großes Statement, ein lebendiges Manifest. Das Arbeitstier trug gleich zweimal aufgeplatzte Wunden an der Augenbraue davon, wurde beide Male getackert, zum Schluss wandelte der Österreicher mit einem Dieter-Hoeneß-Gedächtnis-Turban übers Feld. Sehr wahrscheinlich hätte er auch mit einer gebrochenen Kniescheibe noch weitergespielt, seine unausgesprochene Botschaft lautete: „Macht, was ihr wollt, uns kriegt ihr nicht klein. Da müsst ihr früher aufstehen.“

Als es dann geschafft und das Halbfinalticket gebucht war, riss er sich den Verband vom Kopf und streckte die Zunge raus. Dann klatschte er jeden einzelnen Mitspieler und Betreuer ab und überreichte sein verdrecktes Trikot einer Anhängerin. Da ist einer angekommen in einer neuen Welt, die er vor kurzem nur aus der Entfernung kannte. „Ich bin sehr dankbar, wie Eintracht Frankfurt mich aufgenommen hat“, flötete der Routinier, und fast schien es, als würden die Augen ein wenig feucht. Stefan Ilsanker und die Eintracht, das scheint zu passen.

Der Salzburger hatte zwar keinen leichten Start, weil er die Frankfurter Anhänger einst verbal attackiert hatte, doch das ist längst vergessen, von seiner Art, wie er Fußball lebt und leidet, hat er das Zeug zu einem Publikumsliebling. „Ich gebe immer mein ganzes Herzblut für diesen Verein“, sagte er. „In jedem Spiel.“

Eintracht Frankfurt: „Bist du deppert?“

Am Mittwoch zeigte der vor wenigen Wochen von RB Leipzig gekommene Mittelfeldmann seine beste Leistung im Eintracht-Dress, er war bissig, flog in jeden Zweikampf, als gebe es morgen keinen mehr zu bestreiten. Er riss die Mannschaft mit, opferte sich förmlich auf. Gerade in solchen Duellen, wenn es nur einen Sieger geben kann, wenn nicht immer der Bessere gewinnt, sondern der, der mehr Willen und Zutrauen und Überzeugung hat, ist ein Typ wie Ilsanker enorm wichtig.

„Er ist für mich das Sinnbild dieses Sieges“, lobte Trainer Adi Hütter. „Er ist das Paradebeispiel, ein Vorbild.“ Der Österreicher Hütter ist ein ausgemachter Sympathisant seines kernigen Landsmannes, beide spielten sogar einst noch zusammen in Salzburg. Der Fußballlehrer hatte sich für die Verpflichtung des in Sachsen nicht mehr wohl gelittenen Profis stark gemacht, „ich kenne ihn ja schon lange, ich wusste, dass er zu uns passt“, sagte Hütter. „Er ist ein absoluter Mentalitätsspieler.“ Und „Ilse“ verkörpere das, wofür der Klub und die Mannschaft stehen: „Kampf, Einsatz, Willen, Leidenschaft, Mentalität.“

Bei Ilsanker ist immer eine hohe Dosis Adrenalin im Spiel, auch nach dem Abpfiff kann er nicht so schnell runterfahren. Als er in Salzburg von einem TV-Reporter gefragt wurde, ob es ein harter Kampf war, fragte er entgeistert zurück: „Ja bist du deppert? Aber mal richtig.“ Hat er nicht böse gemeint.

Fußballerisch ist er keiner, der das Team auf ein anderes Level hebt, da hat er Defizite, weshalb er auch mal draußen sitzen könnte und sollte, wenn eher die feine Klinge gefragt ist. „Klar eröffnet er das Spiel nicht, dass alle mit der Zunge schnalzen“, betonte sein Trainer. „Aber es zeichnet sich ab, dass er sehr, sehr wertvoll für uns sein wird.“ Gerne auch mal ohne Blut im Gesicht.

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