+
Immer auf den Ball fokussiert: Makoto Hasebe.

Interview mit Makoto Hasebe

Makoto Hasebe: „Ich habe vielleicht zwei Gesichter - eines auf dem Platz und eines außerhalb“

  • schließen
  • Daniel Schmitt
    Daniel Schmitt
    schließen

Makoto Hasebe über das Geheimnis seiner Stärke, warum er Schiedsrichter einfach nicht in Ruhe lassen kann, die Gelassenheit des Alters und wieso er ständig Hunger hat.

Herr Hasebe, können Sie uns mal das Rezept verraten, mit der Ihre Frau Sie immer in Hochform kocht?
Ich verstehe nicht.

Sie hatten mal gesagt, dass der Grund für Ihre überragenden Leistungen der vergangenen Monate die Ernährung durch Ihre Gattin ist.
(lacht) Ach so. Natürlich japanische Küche. Wir achten sehr auf die Ernährung. Vor dem Spiel esse ich viel Reis und Nudeln. Und nach dem Spiel hat meine Frau alles schon vorbereitet, dann essen wir Fleisch, das hilft.

Jetzt im Ernst: Was ist Ihr Geheimnis für die wöchentlichen Galavorstellungen. Sie sagen ja selbst, dass Sie die beste Phase Ihres Lebens erleben. 
Meiner Meinung nach, ja. Ich habe natürlich auch Glück gehabt. Glück heißt: Ich habe tolle Trainer, ein tolles Funktionsteam, tolle Mitspieler. Und Sie wissen ja auch: Ich laufe nicht so viel auf dem Platz. Aber meine Mitspieler laufen für mich, sie laufen ohne Ende. Sie machen Druck auf den Gegner, dann ist es für mich viel leichter. Und ich muss feststellen: Die komplette Mannschaft funktioniert einwandfrei. Es ist nicht nur meine Leistung.

Und auch bei Ihnen dürfte das Selbstvertrauen in den letzten Monaten gewachsen sein? Sie sagen selbst, alles passt, selbst Ihre Hackentricks klappen.
Ich spiele jetzt fast zwei Jahre Libero. Ich muss sagen: Ich fühle mich dort sehr, sehr wohl. Es stimmt, das Selbstvertrauen ist da. Wenn ich auf den Platz gehe, weiß ich, dass ich die Dinge kann, die auf mich zukommen. Aber ganz ehrlich, ich bin auch überrascht, dass ich mit 35 noch so spielen kann. Ich kann das eigentlich auch nicht erklären. Es funktioniert einfach.

Wie finden Sie in Ihrem Spiel immer genau die für die jeweilige Situation passende Entscheidung?
Da haben Sie Recht, es ist erstaunlich. Nicht immer, aber meistens entscheide ich mich in den jeweiligen Situationen richtig. Das kommt mit dem Selbstvertrauen und mit der Erfahrung.

Mag sein, aber mit, sagen wir 31 Jahren, hatten Sie doch auch schon viel Erfahrung?
Ja, aber damals spielte ich noch auf einer anderen Position, auf der Sechs im defensiven Mittelfeld. Ab dem Alter von 33 habe ich Libero gespielt. Das kam mir sehr entgegen. Im Mittelfeld musst du viel laufen. Und viel laufen heißt: Der Kopf wird dabei auch müde. Jetzt laufe ich, wie gesagt, weniger, vielleicht zehn Kilometer,. Das bedeutet: Mein Kopf ist frisch.

Hat Ihre Leistungsexplosion auch damit zu tun, dass Sie nach der WM in Russland im vorigen Jahr aus der japanischen Nationalmannschaft zurückgetreten sind und keine strapaziösen Reisen mehr auf sich nehmen müssen?
Das hat damit auch zu tun, da stimme ich Ihnen zu. Die Länderspielpausen jetzt sind für mich eine Erholung, für den Körper und für den Geist. In den Länderspielpausen habe ich mit der Familie Ausflüge unternommen, wir sind mal nach Mailand geflogen oder nach Split. Das hat auch geholfen, den Kopf frei zu bekommen und den Akku aufzuladen. Für ein Länderspiel war ich oft 30 Stunden im Flugzeug, dann noch zwei Spiele. Aber: Ich war immer stolz, für mein Land zu spielen, immerhin war ich neun Jahre Kapitän der Mannschaft.

Sie haben in diesem Jahr alle Spiele von der ersten bis zur 90. Minute bestritten. Spüren Sie einen Kräfteverschleiß?
Wissen Sie, Müdigkeit kommt vom Kopf. Das hat etwas mit Mentalität zu tun, auch mit Zielen, die man sich setzt. Wir können noch etwas Großes erreichen, Champions League, wieder Europa League. Und wenn wir diese großen Ziele erreichen wollen, brauchen wir diese Siegermentalität.

Und die haben Sie?
Ich habe immer Hunger. Ich bin Pokalsieger geworden, Deutscher Meister, habe bei drei Weltmeisterschaften gespielt, in Japan etwas gewonnen. Ich habe noch nicht genug davon, Titel zu gewinnen, das ist immer schön. Und ich möchte unbedingt in der Champions League spielen. Dieser Wille und, wenn Sie so wollen, dieser Hunger, ist beim Erreichen der Ziele ganz entscheidend. 

Wäre es aus Ihrer Sicht eine Enttäuschung, wenn Eintracht Frankfurt nach 34 Spieltagen auf Platz fünf oder sechs landet?
Enttäuscht wäre ich, wenn wir nicht alles dafür getan hätten, wenn wir etwas bereuen müssten, uns Vorwürfe machen müssten, nicht das Letzte getan zu haben für den Erfolg. Aber wenn ich alles gebe und am Ende springt ein fünfter, sechster Platz heraus, dann ist das ein großer Erfolg.

War der späte Ausgleich in Wolfsburg so etwas, bei dem Sie sagen, das hätten wir unbedingt verhindern müssen?
Das hat schon weh getan, so spät noch ein Tor zu bekommen. Aber insgesamt haben wir nicht so gut gespielt, das 1;1 müssen wir akzeptieren. Beim Gegentor haben wir nicht nur einen Fehler gemacht, sondern drei, vier kleine falsche Entscheidungen getroffen. Wenn wir aber Champions League spielen wollen, darf uns das nicht passieren.

Geht Ihnen und der Mannschaft auf der Schlussgerade ein wenig die Puste aus?
Ich glaube nicht. Wir hatten drei Tage Zeit zur Erholung. Für mich ist es am besten, alle vier Tage ein Spiel zu haben. Da muss man nicht so hart trainieren und ist immer erholt.

Uns ist aufgefallen, dass Sie trotz all Ihrer Routine stets der Spieler sind, der im Spiel regelmäßig auf den Schiedsrichter einredet. Warum?
Ich weiß auch nicht so richtig. Auf dem Platz sind immer Emotionen dabei, Leidenschaft. Ich gebe zu, bei mir ist das manchmal zu viel. Ich habe das auch gemerkt. Aber: Wenn ich nicht mit diesen Emotionen auf dem Platz agiere, dann büße ich Qualität ein, glaube ich. Meine Familie und meine Mitspieler nehmen mich da manchmal hoch. Aber auf dem Platz ist das mein Gesicht. Ich habe vielleicht zwei Gesichter - eines auf dem Platz und eines außerhalb (lacht).

Japaner gelten doch stets als beherrscht und diszipliniert ...
... so lange ich nicht Kapitän bin, bin ich ein bisschen aufbrausender. Als Kapitän muss ich ein Vorbild sein.

Sie sind seit 2014 bei der Eintracht, einer der dienstältesten Spieler im Kader. Wie hat sich der Klub in den fünf Jahren verändert?
Es hat sich viel geändert. Sportlich sieht es gut aus für uns, Fredi Bobic und Bruno Hübner haben gute Jobs gemacht, die Trainingsbedingungen etwa sind besser geworden, die Mannschaft ist gut, alles passt gut zusammen. Und nicht nur sportlich ist vieles anders. Auch in der Stadt herrscht gute Stimmung. Wenn ich spazieren gehe, werde ich freundlich angesprochen, viele Autos haben den Adler am Heck kleben. Das war früher nicht ganz so.

Glauben Sie, dass sich Eintracht Frankfurt in diesen oberen Gefilden halten kann?
Wir haben schon das Potenzial dazu. Okay, ganz oben stehen Bayern und Dortmund. Danach kommen Gladbach, Leverkusen, Leipzig, Hoffenheim, eigentlich Schalke und ähnliche Klubs. Aber in diese zweite Gruppe kann Eintracht Frankfurt auch kommen.

Sie haben noch einen Vertrag bis zum Sommer 2020. Gibt es darüber hinaus schon Ideen, wie es für Sie weitergeht?
Ich würde gerne weiter spielen. In Japan gibt es einen Profi (Kazuyoshi Miura, Anm. d Red.), der spielt mit 52 noch (lacht). So lange möchte ich nicht spielen. Aber mein Leben bis heute ist der Fußball. Ich habe im Alter von drei Jahren angefangen: Mein Hobby ist Fußball, mein Beruf ist Fußball, mein Leben ist Fußball. Deswegen möchte ich, so lange es geht, weiterspielen -. natürlich mit Spaß und so lange der Körper mitmacht.

Die Partie gegen Hertha BSC ist der Auftakt zum Schlussspurt. Können Sie sich angesichts des Halbfinales am kommenden Donnerstag gegen Chelsea überhaupt darauf konzentrieren?
Doch, auf jeden Fall. Die Konzentration liegt klar auf Samstag. Es ist ein ganz, ganz wichtiges Spiel. Wir müssen unbedingt drei Punkte holen, sonst wird es für die Champions League ganz, ganz schwierig. Danach kommt Chelsea. Okay, in der Europa League können wir alles schaffen, die Stimmung im Stadion ist einfach unglaublich. Da ist alles möglich. Und ich möchte ja noch drei Spiele machen in der Europa League.

Makoto, trotz Ihres Lebens als privilegierter Fußballprofi sind Sie weiterhin sozial engagiert. Sie sind Unicef-Botschafter, waren unter anderem in Äthiopien.
Ich bin Botschafter von Uncief Japan. Im Juni werde ich nach Südostasien fliegen und dort Flüchtlinge in den Camps besuchen. Diese Arbeit bereitet mir Freude. Darauf bin ich sehr stolz. Ich bin Fußballprofi, ich muss ein Vorbild sein.

Und Ihr Buch „Die Ordnung der Seele – 56 Gewohnheiten, um den Sieg zu erringen“, wird in Japan auch noch verkauft, oder?
Ja. Das habe ich im Alter von 26 Jahren geschrieben. Es ist bislang 1,5 Millionen Mal verkauft worden. Und die Einnahmen wurden komplett gespendet für die Opfer der Nuklearkatastrophe von Fukushima.

Interview: Thomas Kilchenstein und Daniel Schmitt

Die Autorität

Makoto Hasebe ist ein Phänomen. Er musste 35 Jahre alt werden, um den besten Fußball seines Lebens zu spielen. Zwar stehen zwar die Frankfurter Angreifer meist in den Schlagzeilen, ohne den Strategen in der Dreierkette, den ruhenden Pol, wäre der Frankfurter Erfolg aber niemals möglich gewesen. Der Japaner ist als Abwehrchef einfach eine Bank, er steht immer richtig, was er tut, hat Hand und Fuß. Logischerweise adelte Trainer Adi Hütter ihn als „absoluten Schlüsselspieler in unserer Mannschaft“. Und: „Bei Makoto ist es wie beim Wein: je älter, desto besser.“

Hasebe, aus Shizuoka, nimmt die Lobeshymnen nicht so wichtig. „Ich spiele viel mit dem Auge“, sagt er. Und : „Ich weiß auch nicht, warum es momentan so gut läuft.“ Den Augenblick genießt der Vater einer fast zweijährigen Tochter sehr.

Hasebe, ein belesener Mann, der meditiert, einen Bestseller geschrieben hat, zu den Philosophen greift und sich Entspannung bei japanischen Bädern holt, wird nach dem Ende seiner aktiven Karriere der Eintracht verbunden bleiben und als Mittler zwischen Japan und Deutschland eine Aufgabe übernehmen. Ans Karriereende denkt er momentan nicht - erst mal will er wieder in die Champions League. (kil)

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare