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120 Jahre Eintracht Frankfurt: Ehrwürdige und kuriose Meilensteine der SGE-Geschichte

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Frankfurts glorreichster Verein feiert Jubiläum. Wir blicken zurück auf Meilensteine der Klubgeschichte.

Am 29. Juni 2019 feiert Eintracht Frankfurt mit einem rauschenden Fest im Waldstadion ihr 120-jähriges Bestehen. Der Zeitpunkt könnte kaum günstiger sein – gerade hat der Verein mit einer überragenden Europapokalsaison weltweit auf sich aufmerksam gemacht, die Fans reißen sich um Eintrittskarten selbst für Spiele, die erst in einem Jahr stattfinden, vielleicht auch nicht – schließlich ist das Halbfinale der Europa League mit im Paket. Spiele, von denen noch niemand auch nur ahnen kann, wer der Gegner sein wird: ausverkauft. Das ist die Eintracht im 120. Jahr ihres Bestehens.

Wir blicken heute zurück auf ehrwürdige und kuriose Meilensteine der Eintracht-Geschichte, von der Gründung im Jahr 1899 (oder war sie etwa doch schon 1861? Es gibt gewisse Hinweise) über schwere Jahre für jüdische Sportkameraden, denen der Verein beistand, so gut es eben ging, bis hin zu den ganz großen Erfolgen, die sich jetzt rechtzeitig wieder eingestellt haben. Wurde ja auch Zeit, nach 30-jähriger Durststrecke. Unsere Auswahl orientiert sich an der Ausstellung des großartigen Eintracht-Frankfurt-Museums, dem wir für die stets gute Zusammenarbeit danken. Und jetzt: Feier frei!

Die Urkunde (1899)

Na schön, am 8. März 1899 hat niemand mit einem langen Bart an einem langen Tisch gesessen und gesagt: Dieser Fußballverein möge Eintracht Frankfurt heißen. Damals wurde vielmehr der Fußballclub Victoria in einem Protokollbuch verewigt, und im Wort „Clubnahme“ musste später ein überzähliger Buchstabe h gestrichen werden. Aber zwei Fusionen später einigte sich die Victoria mit den Frankfurter Kickers und der Turngemeinde auf den topmodernen Namen Eintracht. Was lag näher, als das Gründungsdatum des ältesten Beteiligten weiterzunutzen? Da können benachbarte Vereine mosern, so lang sie wollen. In ihrer Regionalliga Südwest. 

Der älteste Pokal (1921)

Zugegeben, kein Siegerpokal. Er wurde dem Drittplatzierten überreicht. Wer das war, weiß heute niemand mehr. Fest steht: Dieser Pokal zählte zu den Trophäen des Jubiläumsturniers 1921 – und zwar aus Anlass des 60. Geburtstags der „Frankfurter Turn- und Sportgemeinde Eintracht von 1861“. Nanu? Wurde die Eintracht nicht 1899 gegründet und feiert morgen 120 Jahre? Die Sache ist so: Fußballer und Turner fusionierten einst und übernahmen 1861 als Gründungsdatum, trennten sich aber später wieder. Der Pokal stand lange in Nordhausen (Harz) herum, ehe der Arzt und Sammler Othmar Hermann ihn sicherte.

Nordmainmeister (1927)

Erfolge pflastern ihren Weg – auch solche, die heute nicht jedem Eintracht-Fan bewusst sind. 1927 etwa stehen die Adlerträger im Dezember als überlegener Meister fest – Nordmainmeister. Von 20 Spielen gewinnen sie 18, verlieren nur ein einziges und qualifizieren sich souverän für die nächste Runde, die sie als Süddeutscher Vizemeister abschließen. Im folgenden Wettbewerb um die Deutsche Meisterschaft scheiden sie jedoch in der ersten Runde aus. Der Gegner ist dann doch eine Nummer zu groß: die Spielvereinigung Sülz 07. Für die Nordmainmeister gibt es aber wertvolle Taschenuhren als Prämie. Mit Gravur. 

Ehre für Walter Neumann (1949)

Er führte die jüdische Hausschuhfabrik im Gallus, die die Frankfurter nur „Schlappe-Schneider“ nannten. Dann musste der glühende Eintracht-Fan und Mäzen Walter Neumann vor den Nazis fliehen. Für seine Verdienste ehrte ihn die Eintracht 1949 zum 50-jährigen Bestehen mit einer Anstecknadel, die sie im Jahr darauf an seine Witwe Charlotte nach England schickte. 2014 verlegte der Verein einen Stolperstein im Gedenken an den unvergessenen Walter Neumann. Seine Enkel Michael und Andrew Newman brachten zur bewegenden Feier des Ereignisses die Ehrennadel des Ehrenmannes zurück nach Frankfurt. 

Meister – und gute Reise durch Europa (1959)

„… und wir werden Deutscher Meister – Meister!“ Einmal hat’s ja gestimmt, 1959 rang die Eintracht die Offenbacher in Berlin mit 5:3 verdient nieder. Hunderttausende feierten die Mannschaft auf den Straßen. Für die anstehenden Europapokalreisen brauchten die Recken natürlich einen gut gepackten Koffer. Ein Fan lieferte ihn später nach, mit allen Schikanen. Das Schmuckstück trägt die Eintracht-Farben und enthält Hilfreiches wie etwa einen „Eintracht-Hammer“, Stifte, Figuren, bestickte Fahnen und auch eine medizinische Spritze. Wofür die wohl gut war? Sicher um allen Spielern das Erfolgsgen einzuimpfen. 

Jahrhundertspiel und Apfelweinfass (1960)

Es war das Spiel des Jahrhunderts: Am 18. Mai 1960 schoss die Eintracht im Finale des Europapokals der Landesmeister gegen Real Madrid drei Tore. Das erste (zum 1:0) erzielte Richard Kreß. Dass Madrid danach sieben Tore schoss: pffft. Wie lebte so ein Held weiter, nachdem er 1953 bis 1964 insgesamt 99 Treffer in 369 Pflichtspielen für die Eintracht erzielt hatte? Nun, er kümmerte sich gemeinsam mit Gattin Inge um seinen Kleingarten in Frankfurt. Darin stand auch das persönliche Apfelweinfass des Fußballstars. Der Pächter, der die Gartenparzelle später übernahm, übergab das Fass des Torgaranten in diesem Jahr an die Eintracht.

Huldigung an den Uefa-Cup-Sieg (1980)

FC Aberdeen, Dinamo Bukarest, Feyenoord Rotterdam, TJ Zbrojovka Brünn, Bayern München. Borussia Mönchengladbach. So hießen die Gegner der Eintracht auf dem Weg zum Uefa-Cup-Sieg 1980. Ulrich Matheja, Eintracht-Fan, Autor mehrerer Bücher über die Eintracht und Archivar, hat die Logos der Vereine auf einen Schal nähen lassen. Das Abzeichen des tschechischen Vereins Brünn gab es aber nicht zu kaufen. Also klöppelte es Mathejas Mutter höchstselbst. Bis heute ist unter den Fans umstritten, was der größte Triumph in der Geschichte der Eintracht war: die Meisterschaft 1959 oder der Uefa-Cup-Sieg 1980. 

Pokalsiegertrikot (1981)

Fünfmal gewann die Eintracht den DFB-Pokal. Zuletzt 2018, als in einem „legendärischen“ (Torwart Lukas Hradecky) Spiel die Bayern 3:1 besiegt wurden. Die Rivalität mit dem Alles-Gewinner von der Isar ist stark, das Verhältnis zum 1. FC Kaiserslautern ist seitens der Fans aber von noch massiverer Abneigung geprägt. Im Mai 1981 ging es im Pokalfinale gegen „Lautern“, auch damals siegte die Eintracht 3:1. Einer der maßgeblichen Akteure war Harald Karger, den alle „Schädel-Harry“ nannten. Auf seinem Trikot mit der Rückennummer 15 haben alle Mitglieder der Pokalsiegermannschaft unterschrieben. 

Detaris bunte Fußballschuhe (1988)

Schuhe Lajos Detari 1988

1987 kommt Lajos Detari zur Eintracht. Der Ungar bleibt nur ein Jahr, hinterlässt aber mehr Spuren als manche Akteure, die deutlich länger den Adler tragen. Das liegt etwa an seinem Siegtor im Pokalfinale 1988. Es liegt auch an den sogenannten Detari-Millionen, die die Eintracht durch seinen Verkauf an Olympiakos Piräus einnimmt; über den Verbleib des Geldes gibt es wilde Spekulationen. Und es liegt an seinen Fußballschuhen in den ungarischen Nationalfarben. Detari trug sie zu einer Zeit, in der bunte Fußballschuhe eine absolute Seltenheit waren. In besagtem Pokalfinale war aber auch er mit schwarzen Tretern unterwegs. 

United Colors of Bembeltown (1992)

Am 16. Mai 1992 hat die Eintracht in Rostock die große Chance, Deutscher Meister zu werden. Doch die Mannschaft von Trainer Dragoslav Stepanovic verliert den schon sicher geglaubten Titel. Echte Katastrophen ereignen sich drei Monate später zehn Kilometer vom Ostseestadion entfernt. In Rostock-Lichtenhagen greifen Neonazis die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber und ein Wohnheim für Vietnamesen an. Die Randale dauert tagelang, ein großer Mob applaudiert den Tätern. Die Eintracht wendet sich gegen Rassismus. Das Fanprojekt und die Stadt Frankfurt veröffentlichen das T-Shirt „United Colors of Bembeltown“. 

Rosa Fanschal (2008)

Im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends steigt die Eintracht erst ab, dann wieder auf, später wieder ab. Vielen Fans fehlt die Vision, wie der Verein auch mal wieder Titel gewinnen kann. Zumindest im Marketing geht die Eintracht neue Wege: Im Angebot des Fanshops befinden sich plötzlich rosa Schals, mit denen weibliche Fans angesprochen werden sollen. Doch das Konzept geht nicht auf. Die Fans gehen auf die Barrikaden und starten die Aktion „Stoppt Rosa“. Ihr Argument: Die Vereinsfarben sind Schwarz, Weiß und Rot. Nicht Rosa. Bis heute sind rosa Schals in der Fankurve verpönt. 

Trinkflasche (2019)

Nach dem Sieg im DFB-Pokal 2018 spielt die Eintracht in der Europa League. Die Mannschaft übersteht die Gruppenphase ohne Punktverlust. Im Achtelfinale geht es gegen das große Inter Mailand. Weil Adi Hütter sein Team vom Schiedsrichter benachteiligt sieht, tritt der sonst so besonnene Trainer mit erstaunlicher Wucht eine Trinkflasche um. Zur Strafe muss Hütter auf die Tribüne. Auch im Rückspiel in Mailand darf er nicht auf die Trainerbank. Sein Co-Trainer Christian Peintinger führt die Eintracht im Giuseppe-Meazza-Stadion zu einem 1:0-Sieg. Der Rest ist bekannt: Die Eintracht schaltet auch Benfica Lissabon aus und scheitert erst im Halbfinale nach einem epischen Drama mit Elfmeterschießen am FC Chelsea.  

Von Thomas Stillbauer und Georg Leppert

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