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Eintracht Frankfurt: Kühler Kopf im heißen Herbst

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Von: Ingo Durstewitz

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Zwei Frankfurter Leistungsträger, die bleiben werden: Jesper Lindström, Daichi Kamada. Foto: Imago images
Zwei Frankfurter Leistungsträger, die bleiben werden: Jesper Lindström, Daichi Kamada. © Sven Simon/Imago

Wie Eintracht Frankfurt das anspruchsvolle Restprogramm angehen sollte und weshalb im Winter kein Spieler gehen wird - weder Kamada noch Lindström oder Ndicka.

Nicht nur, aber auch für Eintracht Frankfurt beginnt nun die Phase der Saison, die Trainer Oliver Glasner gerne als Crunchtime bezeichnet. Also die Zeit, in der es drauf ankommt. Okay, die Spielzeit biegt jetzt noch nicht in ihre entscheidende Etappe ein, in der Liga sind ja erst sieben Partien absolviert. Und doch steht ein enorm wichtiger Abschnitt bevor – bis zur WM in der Wüste Mitte November geht es Schlag auf Schlag, die international und im Pokal noch vertretenen Vereine treten in 44 Tagen 13-mal an – danach weiß man in den Wettbewerben, wohin die Reise zumindest in etwa gehen könnte.

Für Eintracht Frankfurt beginnt der heiße Herbst gleich mal mit dem Duell gegen den Spitzenreiter, der überraschenderweise nicht aus dem Süden, sondern dem Nordosten der Republik kommt: Union Berlin, die Eisernen aus Köpenick. Wer hätte das gedacht? Erschwerend kommt für den Europa-League-Sieger vom Main hinzu, dass sich die Hauptstädter diese Position redlich verdient haben, sie gelten ligaweit als ekligste Truppe, extrem unbequem zu bespielen. Das wird also am Samstag (15.30 Uhr/Sky) ein erster Lackmustest für die Eintracht, die in dieser Saison ihre Schwäche gegen die sich hinten verschanzenden Mannschaften ablegen muss – ansonsten wird sie es erneut schwer haben, in der Liga auf einem der vorderen Ränge abzuschließen.

Es reicht nicht, gegen die Spitzenteams gut mitzuspielen und dort unerwartete Punkte zusammenzuklauben, wer zwischen vier und sieben landen will, der darf gerade gegen Teams aus dem Mittelfeld oder dem unteren Segment des Tableaus wenig liegenlassen. Dazu zählt Union freilich tabellarisch nicht.

Für Glasner geht es darum, Lösungen gegen die Betonmischer zu finden, das ist bekannt, aber auch darum, in den kommenden Wochen sein Team so zu präparieren, dass es für den Tanz auf drei Hochzeiten gewappnet ist. Der Fußballlehrer ist kein Freund von großer Rotation. Den Europa-League-Triumph hat der harte Kern des Ensembles errungen, das maximal minimal verändert wurde.

SGE: Was wird aus Eintracht-Stürmer Lucas Alario?

Das funktionierte nur, weil die Spieler aus dem zweiten Glied nicht bockten und auch das Niveau im Training hochhielten. Doch es führte auch dazu, dass die Eintracht in der Liga durchgereicht wurde – bis auf Platz elf. Geistige und körperliche Frische immer am Anschlag zu halten, das klappte nicht. Ist auch verständlich irgendwie. Und das Gefälle im Aufgebot war halt doch zu groß.

Trotzdem soll sich das in dieser Saison nicht wiederholen, und dazu bedarf es eines gewissen Austauschs der Akteure, denn es ist nicht zu erwarten, dass das Team bis Mitte November jetzt einfach mal in identischer Formation durchpowern wird – da wäre ein Einbruch an manchen Stellen fast schon unvermeidlich. „Wir haben den Kader entsprechend aufgestellt, uns in der Breite verstärkt und erfahrene Akteure verpflichtet“, sagt Sportvorstand Markus Krösche. „In drei Wettbewerben müssen wir auf hohem Niveau rotieren können.“ Der Manager hat klare Vorstellungen von dem, was er will und was das Team leisten soll. Das weiß auch der angestellte Trainer.

Das bedeutet, dass Glasner die Profis mit weniger Spielzeit irgendwie einbauen muss, ohne einen größeren Leistungsabfall befürchten zu müssen. Da ist sicher eine gewisse Flexibilität in der Spielanlage gefragt, nicht jeder Fußballer passt in jedes System. Ein Beispiel: Lucas Alario ist mit der aktuellen Spielweise gar nicht kompatibel, er ist ein klassischer Mittelstürmer mit einem ausgeprägten Instinkt für Tore, der aber seine Stärken nicht zur Geltung bringen kann, wenn kaum Flanken kommen und der Ball generell viel zu wenig in die Box befördert wird. Dass der Argentinier keiner fürs Pressing und kein Sprintertyp ist, ja, das wusste man vorher. Glasner wird einen Weg finden müssen, den fast 30-Jährigen irgendwann ins Spiel einzubinden – ansonsten hätte sich die Eintracht die 6,5 Millionen Ablöse an Bayer Leverkusen auch sparen können.

Eintracht Frankfurt: Youngster Jesper Lindström bleibt erst mal

Der Österreicher muss sich bei diesem straffen und anspruchsvollen Programm auf sein Gefühl verlassen können und mit kühlem Kopf überlegen, wann der richtige Zeitpunkt für eine Änderung gekommen ist – sowohl personell als auch taktisch. Er wird erkennen müssen, wann ein Profi vielleicht mal eine Pause braucht. Ex-Nationalspieler Mario Götze etwa ging vor dem Bundesligabreak auf dem Zahnfleisch, Randal Kolo Muani wirkte auch nicht mehr so frisch, und einer wie Djibril Sow spielt immer und immer komplett durch – genauso wie Daichi Kamada. Der japanische Spielleiter hat unlängst auch für sein Heimatland herrlich getroffen, nie war der 26-Jährige wertvoller als heute. Er ist ein Grund, weshalb die Eintracht, wie Glasner en passant anmerkt, die drittmeisten Tore der Liga (14) erzielt hat. Es war eine weise Entscheidung, Kamada nicht zu Benfica Lissabon zu transferieren, selbst wenn da 15 Millionen geflossen wären.

Mit jedem Tor, das der Freigeist erzielt oder vorbereitet, wird er zwar teurer und interessanter, doch die Sportführung ist zuversichtlich, ihn über das Vertragsende 2023 hinaus binden zu können – vielleicht auch mit einer festgeschriebenen Ablösesumme. Bei Abwehrmann Evan Ndicka besteht indes kaum Hoffnung, dass er seinen auslaufenden Vertrag verlängert. Der Verteidiger wird den Klub – Stand jetzt – am Saisonende ablösefrei verlassen.

Das wird Jesper Lindström nicht, der dänische Nationalspieler hat einen Vertrag bis 2026 und ist heiß begehrt. Der FC Arsenal hat seine Fühler nach ihm ausgestreckt, wäre bereit, zwischen 25 und 30 Millionen Euro zu bezahlen. Der 22-Jährige ist vom Interesse der Gunners geschmeichelt, „das freut mich wahnsinnig, es ist ein großer Boost fürs Selbstvertrauen“, sagt der Offensivspieler. Konkret ist aber nichts, und eines ist klar: Im Winter passiert nichts, die Eintracht will ihre Ziele nicht gefährden und wird daher keinen Spieler abgeben – nicht Lindström und auch keinen anderen. (Ingo Durstewitz)

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