Stand 18-mal für Stuttgart als Coach am Seitenrand, erfolglos: Jürgen Kramny konnte 2016 den Bundesligaabstieg nicht verhindern.	afp
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Stand 18-mal für Stuttgart als Coach am Seitenrand, erfolglos: Jürgen Kramny konnte 2016 den Bundesligaabstieg nicht verhindern.

U-19

Jürgen Kramny, ein Fachmann für Nachwuchsfußball

  • Daniel Schmitt
    vonDaniel Schmitt
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Jürgen Kramny trainiert ab sofort die U19 von Eintracht Frankfurt – der einstige Bundesligacoach gilt als Experte für die Arbeit mit Talenten.

Vor etwas mehr als vier Jahren, im Mai 2016, am Tag nach dem ersten Abstieg seit 41 Jahren, zogen sie beim VfB Stuttgart erste Konsequenzen. Und natürlich, wie sollte es auch anders sein, entließen sie im Ländle ihren Trainer. Nun ist es nicht so, dass dieser ursächlich war für das Abschmieren in Liga zwei, keineswegs, dafür unterliefen dem Management des Traditionsklubs zuvor allerhand andere, gravierendere Fehler. Doch auch der Fußballlehrer konnte während seiner 18 Einsätze an der Seitenlinie den freien Fall nicht mehr stoppen. Also dachten sie sich beim VfB: Lieber keine Altlasten mitschleppen ins Fußball-Unterhaus. Jürgen Kramny, einst selbst Profikicker in Mainz, Stuttgart und Nürnberg, hatte seine erste Chance als Bundesligatrainer vertan – und seitdem keine weitere mehr erhalten.

Zwar durfte er ein halbes Jahr später für vierzehn Partien noch mal den Zweitligisten Arminia Bielefeld anleiten, in der Branche aber verfestigte sich spätestens nach der zweiten Entlassung der Eindruck, Kramny sei nicht der richtige Mann für derartige Aufgaben auf großer Trainerbühne. Aber vielleicht auf kleinerer.

Seit Anfang dieser Woche ist bekannt, dass der 48-Jährige bei Eintracht Frankfurt die U19 in der Junioren-Bundesliga coachen wird, gestern verbrachte der Nachfolger von Marco Pezzaiuoli seinen ersten Arbeitstag am Riederwald. Kramny unterschrieb einen Zweijahresvertrag, Co-Trainer bleibt wie unter Pezzaiuoli der Ex-Profi Andreas Ibertsberger. „Der Übergangsbereich ist mein Steckenpferd“, sagte Kramny selbst. Und in der Tat scheint der gebürtiger Cannstatter auf dem Feld der Talenteausbildung deutlich besser aufgehoben zu sein als am Rand der Bundesliga-Arenen. „Jeder weiß, wie es im Profizirkus zugeht, man wird brutal am Erfolg gemessen. In der Jugend lässt sich mit mehr Ruhe und nachhaltiger arbeiten“, sagte Kramny einst den „Stuttgarter Nachrichten“. Von 2011 bis 2015 hielt er die zweite Mannschaft des VfB, ein Team fast ausschließlich bestehend aus U-23-Spielern, stets souverän in der Dritten Liga. Zuvor hatte er bereits die U-19-Mannschaften aus Stuttgart und Mainz erfolgreich gecoacht.

Zimmerkollege von Klopp

Nun also wieder zurück auf Los. Ab sofort führt der einstige Mainzer Zimmerkollege von Jürgen Klopp, der noch heute freundschaftlich mit dem weltbesten Trainer aus Liverpool verbandelt ist, die zweitwichtigste Mannschaft bei Eintracht Frankfurt und soll die ältesten Nachwuchskicker qualitativ möglichst nah an die Bundesligatruppe heranführen – ein Vorhaben, mit dem sie bei der Eintracht in den vergangenen Jahren zweifelsohne gescheitert waren. Im Grunde durften junge Spieler aus den eigenen Reihen nur bei den Profis mitmischen, um die DFL-Statuten – Stichwort Local Player – zu erfüllen oder im Training als Sparringspartner herzuhalten. Echte Chancen waren das nicht, zu wenig fortgeschritten war schlicht die fußballerische Entwicklung der Jungspunde. Nach nur einem Jahr wurden jüngst Mittelfeldmann Sahverdi Cetin und Torhüter Max Hinke fortgeschickt.

Dass das auf Sicht besser laufen soll (und muss), ist kein Geheimnis. Nicht umsonst installierte der Frankfurter Sportvorstand Fredi Bobic den 90er-Weltmeister Andy Möller an der Spitze des Nachwuchsleistungszentrums, nicht umsonst wurden die Ausgaben am Riederwald seit Bobics Ankunft 2016 von drei auf 4,2 Millionen Euro gesteigert. Nicht umsonst werkeln seit kurzem bundesweit angesehen Ex-Profis, aber noch unerfahrene Trainer wie Alex Meier und Thomas Broich im Talenteschuppen mit.

Für den Posten des A-Jugendtrainers aber wollten sie bei der Eintracht jemanden haben, der weiß, was er macht, einen erfahrenen Mann. „Mir war immer wichtig, in einem Verein zu arbeiten, mit dem ich mich identifizieren und mit dem ich etwas aufbauen kann.“, sagte Kramny, der nach einem Telefonat mit Chef Möller („Jürgen ist ein absoluter Fachmann im deutschen Nachwuchsfußball“) recht schnell überzeugt gewesen sein soll. Großes Zutun von Vorstand Bobic, den gemeinsame Zeiten mit Kramny in Stuttgart verbinden, war nicht nötig. „Ich fiebere dem Trainingsstart entgegen“, sagte Kramny noch. Klingt vielversprechend.

Interesse an Rodriguez?

Ricardo Rodriguez , 27, in Zürich geboren, Linksverteidiger mit Vorwärtsdrang, soll das Interesse der Eintracht geweckt haben. Darüber berichtet die „Bild“. Rodriguez ist noch bis 2021 vertraglich an den AC Mailand gebunden, hat bei den Italienern aber kaum Einsatzchancen. Zuletzt kickte er in der Rückrunde auf Leihbasis für PSV Eindhoven, zeigte starke Leistungen, kam aufgrund des Saisonabbruchs in den Niederlanden aber nur auf sechs Spiele. „Er bringt jüngere Spieler auf ein höheres Niveau“, lobte PSV-Trainer Ernest Faber, der mittlerweile von Ex-Bundesligacoach Roger Schmidt abgelöst wurde. Ein Verbleib von Rodriguez in Eindhoven ist fast ausgeschlossen, finanziell ist der Deal für den Klub inmitten der Corona-Krise kaum zu stemmen.

Die Ablöseforderung soll bei drei Millionen Euro liegen, auch bewegt sich der Ex-Wolfsburger seit Jahren auf einem gehobenen Gehaltsniveau. Dass die Eintracht tatsächlich zugreift, ist unwahrscheinlich. Zum einen, weil auch die neureiche Hertha aus Berlin (hat angeblich auch den Ex-Frankfurter Luka Jovic von Real Madrid auf dem Zettel) und die mäzen-gestützten Hoffenheimer Interesse an einer Verpflichtung zeigen sollen. Zum anderen, weil die linke Eintracht-Seite mit Filip Kostic ohnehin bestens besetzt ist und – sollte Kostic nicht verkauft werden – der Handlungsdruck auf anderen Positionen höher erscheint.

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