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Eintracht Frankfurt-Sportvorstand Krösche: „Ich bin kein Freund von Harakiri“

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Von: Ingo Durstewitz, Daniel Schmitt

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„Wenn wir bei 100 Prozent sind, ist es brutal schwer uns zu schlagen“, sagt Markus Krösche.
„Wenn wir bei 100 Prozent sind, ist es brutal schwer uns zu schlagen“, sagt Markus Krösche. © Peter Hartenfelser/Imago

Eintracht-Sportvorstand Markus Krösche spricht im Interview über das schwierige Manager-Leben in Corona-Zeiten, europäische Visionen in Frankfurt, den Aufschwung von Djibril Sow und weshalb er Johan Cruyff verehrt.

Herr Krösche, der Kölner Trainer Steffen Baumgart gewährte zuletzt Einblicke in sein Wohnzimmer. Frau, Kinder, der Familienhund und ein schreiender Coach in Corona-Quarantäne. Verrückte Bilder. Wie schauen Sie Fußball, sind Sie ähnlich emotional wie Ihr einstiger Paderborner Weggefährte unterwegs?

Nein, nein (lacht). Wir verstehen uns zwar sehr gut und haben eine ähnliche Idee vom Fußball, aber wir sind dann doch komplett konträre Typen.

Sie schreien nicht herum, auch nicht während der Spiele in der Vereinsloge?

Manchmal kommen die Emotionen raus, na klar. Ich versuche aber, mich nicht zu sehr reinzusteigern und die Spiele relativ ruhig anzusehen.

Also ein Totentanz im Kreise der Frankfurter Führungsriege?

Sagen wir es so: In der Loge bin ich der ruhende Pol (lacht). Mein Umfeld reagiert da deutlich lauter. Manche brauchen das halt und andere weniger, zu denen zähle ich - meistens jedenfalls. Das war ehrlicherweise auch nicht immer so. Fragen Sie mal bei Steffen nach, wie ich früher am Spielfeldrand war: schon grenzwertig. Ich habe mich da mittlerweile geändert.

Eintracht Frankfurt: Markus Krösche will nicht „in Schönheit sterben“

Daher auch die Entscheidung, in Frankfurt nicht mehr an der Seite des Trainers auf der Ersatzbank zu sitzen?

Ich habe mir das länger überlegt und dann so entschieden. Es sitzen ja eh genug Leute auf der Bank (lacht). Im Ernst: Ich wollte mehr Überblick haben von oben auf der Tribüne. Wenn mir dann was auffällt, gehe ich in der Halbzeit auch mal runter und spreche das kurz beim Coach an. Der andere Blickwinkel kann helfen.

Zurück zu Steffen Baumgart: Er hat von Ihnen geschwärmt, gesagt, dass Sie ihn in seiner Spielphilosophie, der des Offensivfußballs, geprägt hätten. Können Sie diese bitte erläutern?

Grundsätzlich orientiere ich mich ein wenig an Johan Cruyff, über seine Ideen vom Fußball habe ich alle Bücher gelesen. Ich will lieber den 5:3-Weg als den 1:0-Weg gehen, die Mannschaft soll aktiv sein, mutig sein, hoch attackieren. Sie soll Ballstafetten in der Offensive haben, mehr flach als hoch spielen, ins Risiko gehen im letzten Drittel. Natürlich bringt es zwar am Ende nichts, in Schönheit zu sterben, der Profifußball ist nun mal ergebnisorientiert, aber für eine nachhaltige Entwicklung ist die Art und Weise sehr wichtig.

Markus Krösche über Eintracht Frankfurt: „Wir stecken in einem Transformationsprozess“

Außer der Eintracht, welche Teams schauen Sie sich sonst noch gerne an?

Ich mag zum Beispiel den FC Chelsea mit Thomas Tuchel. Auch Jürgen Klopp, der ja immer für Umschaltfußball stand, hat in Liverpool seinen Stil angepasst, dort gibt es mittlerweile lange Ballbesitzphasen. Dann natürlich die Bayern mit Julian (Nagelsmann; Anm. d. Red.), den ich ja gut kenne aus Leipzig. Das ist schon High-End. Am vergangenen Samstag habe ich mir aber auch St. Pauli gegen Paderborn, zweite Liga, angeschaut. Ein Superspiel, in dem beide Teams nach vorne marschiert sind. Hat mir Spaß gemacht.

Sie sprachen vom 5:3- und dem 1:0-Weg. Auf welchem befindet sich denn die Eintracht? Irgendwo dazwischen vielleicht, sagen wir: dem 3:2-Weg?

Ja, das kann man so sagen, wir stecken in einem Transformationsprozess. Anfangs waren wir defensiv stabil, mittlerweile finden wir nach vorne bessere Lösungen, kriegen aber wiederum zu viele Gegentore. Es ist ja gut, dass die Jungs angreifen wollen, manchmal müssen wir unsere Aktionen aber noch besser einleiten und vorbereiten. Da müssen wir den nächsten Schritt gehen, um uns nicht auf einen offenen Schlagabtausch einzulassen.

Ganz vorne fehlt mitunter der letzte Punch.

Wir haben junge Kerle, da ist es ein schmaler Grat zwischen Mut und Übermut. Nehmen wir zum Beispiel Jesper Lindström: Ich finde es richtig gut, dass er keine Angst hat und das Risiko sucht, dass er frech ist. Aber manchmal ist es noch zu viel Käfigfußball. Da müssen wir als ganzes Team ab und an noch ein besseres Timing finden. Wann ein Risiko eingehen und wann nicht? Manchmal können Hackentricks und der Tunnel gut sein, und manchmal eben nicht. Das ist der Prozess, den die Jungs machen müssen.

Hand aufs Herz: Haben Sie im Frühherbst, als es sehr durchwachsen lief, gezweifelt?

Nein, ich habe nie gezweifelt!

Warum nicht?

Die Anpassung des Spielstils nach einem Trainerwechsel braucht eben Zeit. Anfangs bleibt eine Mannschaft immer erstmal in der vertrauten Systematik, das ist normal. Mit Beharrlichkeit müssen diese Muster dann aufgebrochen werden. Wenn es ein positiver Input ist, zeigt sich das meistens ab Oktober/November, genauso wie bei einem schlechten. Das ist der Zeitraum, in dem es in eine Richtung kippt. Deswegen war ich anfangs nicht nervös. Die Siege gegen Piräus, Fürth und Freiburg innerhalb einer Woche waren dann Schlüsselerlebnisse. Damals hat sich die Mannschaft mit ihrer Mentalität aus einer schlechten Phase selbst herausgezogen. Seitdem hat sich unsere Spielweise verbessert.

Eintracht Frankfurt: Djibril Sow hat einen sehr großen Sprung nach vorne gemacht.

Gibt es einen Eintracht-Profi, der Sie in dieser Runde am meisten überrascht?

Überrascht nicht, das hätte ja einen negativen Beigeschmack. Aber Djibril Sow hat einen sehr großen Sprung nach vorne gemacht. Nicht nur fußballerisch, auch als Persönlichkeit. Er hat jetzt den Mut, sich mit dem Ball nach vorne zu orientieren, sodass seine Qualitäten noch mehr zum Tragen kommen. Er hat die läuferischen Fähigkeiten, sich gut zu positionieren und kann präzise Bälle in die Spitze spielen. Er ist sehr wichtig für uns.

Die Tabellensituation ist eng, als Neunter sind es drei Punkte Rückstand auf einen Champions-League-Rang, die Europa League ist einen Zähler entfernt. Was braucht es, um kommende Saison erneut europäisch zu spielen?

Zur Person

Markus Krösche, 41, erscheint pünktlich auf die Minute zum morgendlichen Gespräch mit der FR. Das ist für ihn eine Selbstverständlichkeit, so ist er erzogen und sozialisiert worden. „Ich bin immer pünktlich“, sagt der Eintracht-Sportvorstand. Und Zeit hat er auch mitgebracht, in 75 Minuten erklärt der Manager bei nur einer Tasse Kaffee, wie er den Frankfurter Bundesligisten für die Zukunft wappnen will, weshalb die Transfersummen in den Keller rauschen werden und vieles, vieles mehr. Der studierte Ex-Profi, Kultfigur in Paderborn und seit Sommer Nachfolger von Fredi Bobic bei der Eintracht, scheint angekommen zu sein in Frankfurt. „Mir gefällt es hier richtig gut.“ (FR)

Wir müssen es schaffen, unseren Fußball über 90 Minuten auf den Platz zu bringen. Es geht um Konstanz und auch darum, dass wir die richtige Balance zwischen Angriff und Abwehr finden. Wir haben viel Potenzial in der Mannschaft, sie ist eine echte Einheit, es ist also vieles möglich. Aber es liegt an uns, nur an uns. Wir entscheiden, was auf dem Platz passiert und ob wir ein Spiel gewinnen oder nicht – es gibt kaum Gegner, die das entscheiden. Wenn wir bei 100 Prozent sind, ist es brutal schwer, uns zu schlagen.

Wie wichtig wäre der erneute Einzug in den Europapokal finanziell für die Eintracht? Gerade mit Blick auf manch finanzkräftigeren Klub mit einem Unternehmen im Rücken.

Zuerst einmal: Wir haben das, was wir haben, deshalb schaue ich nicht, was andere Klubs haben oder ausgeben. Das interessiert mich gar nicht, darüber beschwere ich mich auch nicht. Klar ist: Wir müssen am Optimum arbeiten, unsere Spieler weiterentwickeln, darin muss sie jeder im Klub unterstützen - vom Physio bis zu mir. Nur so können wir den Abstand reduzieren. Zu sagen, wir müssen jedes Jahr in Europa spielen, wäre vermessen. Aber es muss unser Ziel und Anspruch sein. Wenn wir es dann nicht schaffen, ist es kein Weltuntergang. Aber generell schaue ich nicht nach unten, sondern immer nach oben.

Eintracht Frankfurt Sportvorstand Krösche: „Ich bin zufrieden mit unserem Kader“

Viele dachten, dass diese Saison so eine werden könnte, in der es eben nicht für einen internationalen Startplatz reicht und die Eintracht, sagen wir, Zehnter wird.

Wir wissen ja noch nicht, wohin die Reise geht, dafür ist es zu früh. Wir tun alles dafür, nächste Saison europäisch zu spielen. Dann werden wir sehen, ob wir es hinbekommen oder nicht. Aber, noch mal, jeder von uns gibt jeden Tag 100 Prozent. Das kann ich versichern.

Also gab es keinen Gedanken, im Winter so ein bisschen ins Risiko zu gehen, den Kader noch mal aufzupimpen und beispielsweise einen Stürmer zu holen?

Ich bin kein Freund von Aktionismus und Harakiri. Es muss alles Sinn machen. Und von Wintertransfers halte ich nicht viel: Du hast keine Zeit zu trainieren, der Junge muss im Ligadruck sofort funktionieren, du hast nur drei Monate. Puh, schwierig. Ich bin zufrieden mit unserem Kader, und das sage ich nicht nur, das meine ich auch. Wir haben jetzt mit Ansgar Knauff noch einen Spieler dazubekommen, der andere Qualitäten und andere Fähigkeiten hat. Ich bin grundsätzlich ein Freund von Kontinuität. Große Fluktuation löst in einer Gruppe immer etwas aus. Das Entscheidende ist, dass wir als Gruppe funktionieren, weil man gemeinschaftlich individuelle Defizite ausgleichen kann.

Auch Eintracht Frankfurt leidet unter Corona

Die Eintracht wird durch Corona einen herben Verlust einfahren, 70, vielleicht sogar 80 Millionen Euro. Wie verändert solch ein Minus das Transfergebaren des Klubs?

Wir müssen uns davon lösen, hohe Transfersummen zu bezahlen. Natürlich müssen wir auch mal etwas investieren, um Qualität des Kaders weiter zu erhöhen. Aber das muss dann refinanziert werden können. Corona zehrt ja auch, jetzt haben wir wieder nur 10 000 Zuschauer, nicht mal 50 Prozent Auslastung, geschweige denn 100. Daher müssen wir sehen, dass wir Spieler früher identifizieren. Wir müssen klarer und schärfer definieren, welche Fähigkeiten brauchen wir auf den einzelnen Positionen und wo gibt es Vakanzen. Wir müssen die Zielspieler, deren Verträge auslaufen, kennen und ausscouten. Nicht nur jetzt im Sommer, sondern auch schon für die nächsten Jahre. Es geht vor allem um Geschwindigkeit und Effizienz.

Was geschieht mit Leistungsträgern wie Filip Kostic, Daichi Kamada oder Evan Ndicka, die Verträge bis 2023 haben, aber auch als Verkaufskandidaten gelten: Verlängern oder verkaufen?

Ganz klar ist: Wir wollen mit keinem Leistungsträger ins letzte Vertragsjahr gehen. Das, was ich bei anderen Vereinen probiere, nämlich Spieler ablösefrei zu bekommen, muss ich für die Eintracht verhindern. Das ist doch klar. Mit den von Ihnen genannten Spielern werden wir jetzt die Gespräche aufnehmen, aber in aller Ruhe und ohne Stress. Wir werden schauen, ob wir Lösungen finden oder nicht. Und wenn man dann vielleicht auseinandergeht, dann ist es letztlich auch okay. Wir haben natürlich einen Wert im Kopf, den wir erzielen wollen.

Eintracht Frankfurt: Internationale Wettbewerbe sind wichtig

Manch Mittelklassespieler wird sich doch mitten in Corona auch noch wundern, oder?

Ja. Wenn die Spieler glauben, dass sie ablösefrei sind und die Welt sich noch wie vor zwei Jahren dreht, sind sie falsch gewickelt. Diese Zeiten sind vorbei. Die werden krachend scheitern. Es werden unfassbar viele Spieler auf den Markt kommen, die jetzt noch ganz andere finanzielle Vorstellungen für sich haben. Die werden schnell merken, dass das nicht mehr erfüllt werden kann.

Und die Ablösesummen?

Auch die brechen einen. Für einen Spieler, der vor zwei Jahren mit 40 Millionen Euro taxiert war, gibt es heute vielleicht noch die Hälfte, wahrscheinlich sogar noch weniger. Auch deshalb ist es für uns wichtig, europäisch zu spielen, denn das hat Rieseneinfluss auf den Wert der Spieler. Es ist etwas anderes, ob du im Achtelfinale gegen den FC Barcelona spielst oder in der Bundesliga ein Mittelfelduell bestreitest.

Einer, dessen Marktwert sicher nicht gestiegen ist, ist Sam Lammers. Wie geht man mit so einem Spieler um, der einfach nicht auf Touren kommt?

Sam ist nicht glücklich mit dieser Situation, er hat sich das anders vorgestellt. Er kam aus einem Jahr ohne Spielrhythmus, in der Bundesliga wird anders verteidigt, und er ist dann irgendwann in ein Loch gefallen und die anderen sind an ihm vorbeigezogen. Aber er gibt im Training Gas, versucht, an sich zu arbeiten, ist oft im Kraftraum. Ich glaube, dass er noch wichtig werden kann für uns.

Markus Krösche: „Mit dem Druck muss jeder klarkommen“

Bei einem Stürmer geht es ja auch um Selbstvertrauen, und wenn das weg ist ...

... ist das erst mal schlecht. Schauen Sie: Ein Spieler muss sein Potenzial umwandeln in Qualität und Verlässlichkeit. Das ist seine Währung, an der er gemessen wird. Die Frage ist, in welchem Maße der Spieler seine Fähigkeiten auf den Platz bringen kann. Das hat mit dem Kopf und der Einstellung zu tun. Erwartungshaltung löst Stress aus, und manche können mit Stress gut umgehen und ihr Potenzial umwandeln, und andere nicht. Wenn Spieler sich zu viel Druck machen und vom Umfeld eine Erwartunghaltung aufgebürdet bekommen, dann wird es schwierig.

Aber Fußball wird generell überhöht, dann die Medien, Experten, Soziale Kanäle, der Druck ist nun mal hoch. Das macht ja was mit Spielern. Dem ist nicht jeder gewachsen.

Das stimmt. Aber damit müssen sie leben. Davor können wir sie nicht schützen. Du musst akzeptieren, dass du bewertet wirst. So ist das Geschäft. Sie erhalten von uns jede Hilfe und Unterstützung, wir versuchen, eine gute Atmosphäre zu schaffen, in der sich die Jungs wohlfühlen. Und wenn wir kritisieren, dann nur in der Sache, nie die Person. Aber das müssen die Jungs aushalten, wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Mit dem Druck muss jeder klarkommen. (Interview: Ingo Durstewitz und Daniel Schmitt)

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