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Der Stratege: Makoto Hasebe.

Interview Makoto Hasebe

„Bas Dost ist genau wie Alex Meier“

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    Thomas Kilchenstein
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Eintracht Frankfurts Routinier Makoto Hasebe über die neuen Stürmer, seinen Landsmann Daichia Kamada und weshalb Schiris für ihn ein Rotes Tuch sind.

Makoto Hasebe, Unicef-Botschafter, Buchautor („Die Ordnung der Seele – 56 Gewohnheiten, den Sieg zu erringen“) und Familienvater, hat in seinem Leben schon vieles erreicht, in seiner Heimat wird der 35-Jährige verehrt, gilt als Franz Beckenbauer Japans. Wenn der Eintracht-Routinier in Tokio über die Straße läuft, löst das unter Umständen hysterische Schreie und einen zusammenbrechenden Verkehr aus. Dieser Trubel ist dem Fußball-Philosophen zu viel, weshalb er mit seiner Familie auch nach seiner aktiven Karriere in Deutschland bleiben will.

Hase, wie er gerufen wird, befindet sich auf seine alten Tagen in der Form seines Lebens, er ist der Stratege und Ruhepol, er weiß, wie das Spiel funktioniert, ist als moderner Libero der wichtigste Spieler seiner Mannschaft. Seine herausragenden Leistungen blieben nicht unbemerkt: Hasebe , der fast zehn Jahre Kapitän der japanischen Nationalmannschaft war und nach der WM 2018 zurückgetreten ist, wurde vor einem Jahr als „Asiens internationaler Fußballer des Jahres“ ausgezeichnet. Eine große Ehre.

Herr Hasebe, haben Sie Ihren Schnitzer im letzten Heimspiel gegen Werder Bremen mittlerweile verdaut oder bereitet Ihnen Ihr Missgeschick, das zum späten 2:2 führte, noch schlaflose Nächte?
Das nicht, aber es ärgert mich immer noch – obwohl es schon fast zwei Wochen her ist. Aber es war, gerade vor der Länderspielpause, natürlich sehr bitter, für mich, die Mannschaft und den gesamten Verein. Deshalb habe ich auch danach gesagt, dass ich die zwei Punkte zurückholen muss.

Wie wollen Sie das machen, selbst Tore schießen?
Erst einmal dafür sorgen, dass wir hinten nicht so viele reinbekommen. Wir haben bisher zu viele Gegentore gefangen.

Wenn wir noch mal zu der Szene im Spiel gegen Bremen zurückkommen: Haben Sie sich mehr darüber geärgert, dass Sie den langen Ball nicht richtig geklärt haben oder über Ihr Foul, das dann zum Strafstoß und letztlich zum Ausgleich führte?
Eigentlich hätte ich den langen Ball besser klären müssen, gar keine Frage. Ich wollte ihn mit dem Kopf nehmen, aber der Ball hat dann eine ganz komische Flugbahn genommen, weshalb ich mit dem Fuß hingegangen bin. Das soll jetzt aber keine Ausrede sein, und natürlich hätte ich das besser lösen müssen. Ich wollte meinen Fehler dann ausbügeln, und als Frederik Rönnow den Schuss dann abgewehrt hat, dachte ich, er liege noch auf dem Boden und das Tor sei leer, deshalb bin ich da so reingegrätscht. Okay, es war die falsche Entscheidung. Aber so ist der Fußball.

Eintracht Frankfurt hat das Spielsystem geändert

Es ist ja fast schon tröstlich, dass auch dem besten Spieler solche Missgeschicke mal passieren. Ansonsten haben Sie Ihre Form aus der vergangenen Saison ja ziemlich halten können.

Ich fühle mich sehr gut, und die letzte Saison war gut. In dieser Runde würde ich aber sagen, dass etwas fehlt, so ein bisschen die letzte Konsequenz. Das gilt für mich und für die gesamte Mannschaft. Es gilt für hinten und vorne. In der letzten Saison haben wir mehr Tore geschossen und weniger Tore kassiert. Aber fußballerisch haben wir uns, wie ich finde, verbessert.

Aber die Mannschaft muss einen ungeheuren Aufwand betreiben, um gefährlich vors Tor zu kommen.
Letzte Saison hatten wir weniger Chancen, haben aber mehr Tore gemacht. Das meine ich auch mit Konsequenz.

Das Spiel hat sich durch den Abgang der drei Stürmer geändert.
Klar, letzte Saison haben wir häufiger lange Bälle geschlagen, aber das lag auch daran, dass wir in Sebastien Haller einen großen Stürmer hatten, der fast jeden Ball festgemacht und behauptet hat. Jetzt spielen wir, wie gesagt, mehr Fußball, was am Mittelfeld liegt, aber auch an den Angreifern. André Silva und Goncalo Paciencia sind ja eher spielende Stürmer. Vielleicht ändert sich das auch wieder, wenn Bas Dost spielt.

Ihr Landsmann Daichi Kamada bringt ja auch eine neue fußballerisch Note ins Spiel.
Er macht das sehr gut – bis auf den Torabschluss (lacht). Er hat in Belgien ja viele Tore geschossen, aber hier sind die Torhüter halt auch besser. Und manchmal hatte er Pech. Aber man sollte mit ihm Geduld haben. Er ist nach seiner Rückkehr definitiv ein anderer Spieler geworden, hat mehr Selbstvertrauen. Das merkt man. Seine Entwicklung hat mich, ehrlich gesagt, auch überrascht. Als er kam vor zwei Jahren, da hatte ich schon Zweifel, ob das klappt. Er war körperlich nicht so stark, scheute die Zweikämpfe, war irgendwie zu weich und zu langsam. Er ist jetzt, wie gesagt, ein ganz anderer Spieler.

Wie fühlt er sich in Frankfurt?
Gut, Frankfurt sei eine super Stadt, sagte er mir oft. Er fühlt sich wohl, ist mit seiner Familie, Frau und Kind, hier. Er lacht sehr viel, ist ganz anders, viel offener geworden. Er versucht auch, Deutsch zu sprechen.

Helfen Sie ihm?
Natürlich. Wir gehen öfter Essen oder ich lade ihn und seine Familie zu uns nach Hause ein.

Kamada ist erst am Mittwochabend von der Länderspielreise zurückgekehrt, mit Tausenden Flugkilometer in den Knochen. Sind Sie froh, dass Sie das hinter sich haben?
Ich habe es ja lange genug mitgemacht. Klar ist das nicht einfach, die Reisen, die Spiele, der Jetlag – das ist eine Belastung für den Körper und auch den Geist. Aber ich verrate Ihnen etwas: Als ich noch jung war, Anfang 20, da hat mir das gar nichts ausgemacht. Ich habe im Flugzeug zwölf, 13 Stunden geschlafen. Einen Jetlag habe ich nie gespürt (lacht). Als ich dann älter wurde, so um die 30, da habe ich das schon gemerkt. Aber ich will von Daichi jetzt gar nichts hören davon, solche Ausreden lasse ich nicht gelten.

Kamada ist ein sehr zurückhaltender junger Mann, auch Sie sind zuvorkommend und besonnen. Nur wenn ein Schiedsrichter ins Spiel kommt, ist es mit der vornehmen Zurückhaltung bei Ihnen vorbei. Weshalb ist das so?
Vor der Saison habe ich mir vorgenommen, dass ich nicht mehr mit den Schiedsrichtern diskutiere. Okay, das hat nicht ganz so gut geklappt. Ich schaffe das einfach nicht, seit 18 Jahren nicht (lacht). Aber im Ernst: Ich versuche schon, ruhiger zu werden. Aber ruhiger werden heißt bei mir auf dem Fußballfeld: schlechter werden. Ich brauche Emotionalität und Leidenschaft. Aber ich weiß schon, dass das mit den Schiris zu viel ist. Ich arbeite an mir.

Eintracht Frankfurt vor entscheidenden Wochen

Sie haben vorhin die Stürmer angesprochen, was hat sich seit dem Abgang der magischen Drei da vorne geändert?
Die aktuellen Stürmer sind ja ganz andere Spielertypen. André Silva etwa kann alles, fußballerisch ist er klasse, hat ein gutes Kopfballspiel und einen guten Torschuss. Ein super Stürmer. Auch Paciencia ist viel besser als letzte Saison. Er will unbedingt mehr Tore schießen, das spürt man. Er hat diesen Willen. In der vorherigen Spielzeit hatten wir drei Topstürmer, er war Angreifer Nummer vier. Er war sehr ruhig, hat ab und zu auch den Kopf hängen lassen. Das ist jetzt nicht mehr so, er ist deutlich selbstbewusster. Und mit Bas Dost habe ich ja schon zwei Jahre in Wolfsburg zusammen gespielt. Er ist ein klassischer Strafraumstürmer. Wenn gute Flanken kommen, wird er eine Menge Tore schießen. Ich finde, Bas Dost ist genau wie Alex Meier. Er macht immer seine Tore, weiß, wo er stehen muss und braucht nicht viele Chancen. Und er schießt auch nur mit der Innenseite, seine Füße sind ja groß genug, er hat bestimmt Schuhgröße 50 (lacht).

Wie bewerten Sie die bisherige Saison?
Es war nicht gut genug, aber auch nicht schlecht. Die nächsten Wochen sind sehr wichtig, entweder gehen wir hoch oder wir bleiben im Mittelfeld stecken. Ich möchte aber keine langweilige Saison spielen, das haben Sie doch geschrieben, oder? Das habe ich gelesen (lacht). Ich möchte wieder unter die Top Fünf oder Top Sieben kommen. Ich bin nie zufrieden, Zufriedenheit bedeutet Rückschritt.

Lesen Sie deutsche Zeitungen?
Ja, ich lese alle deutsche Zeitungen, mehr als japanische.

Wie lange wird es denn den Fußballprofi Makoto Hasebe noch geben?
Das haben Sie mich schon oft gefragt. Ich kann es nicht genau beantworten. So lange, wie es mir Spaß macht und mein Körper mitspielt. Aber im Fußball weiß man nie, was kommt. Sehen Sie, wir spielen jetzt mit der Dreierkette. Würden wir mit der Viererkette spielen, müsste ich um meinen Platz im Mittelfeld kämpfen, das ist natürlich etwas ganz anderes, da muss man viel mehr laufen, da ist eine andere Intensität. Da weiß ich nicht, ob ich das dauerhaft noch schaffen würde. Aber wir werden sehen. Im Moment spricht alles dafür, dass ich noch weiterspiele. Wir setzen uns meistens im November oder Dezember zusammen, dann sehen wir weiter.

Bleiben Sie nach Ihrer Karriere hier?
Auch das weiß ich nicht. Wenn ich bei der Eintracht keinen Vertrag bekomme, muss ich etwas anderes machen. Auf jeden Fall bleiben wir nach der Karriere in Deutschland. Meine zweieinhalb Jahre alte Tochter geht hier in den internationalen Kindergarten, meine Frau besucht ebenfalls Deutschkurse. Unser Leben ist schon darauf ausgerichtet, hier zu bleiben. Wir bereiten das vor.

Interview: Ingo Durstewitz und Thomas Kilchenstein

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