+
„United Colors of Frankfurt – Eintracht lebt von Vielfalt“, lautete das Motto des Heimspiels gegen die TSG Hoffenheim im April 2018.

„Symbiosen“

17 Nationen im Herzen von Europa

  • schließen

Eintracht Frankfurt ist stark trotz der vielen Nationalitäten im Kader. Trotz? Nein, wegen!

Frankfurt - Topfit ist er augenscheinlich aus dem Sommerurlaub zurückgekehrt, kein Gramm zu viel trägt er an seinem hageren Körper mit sich herum, die Laufeinheiten in dieser frühen Phase der Saison stören ihn nicht, er erledigt sie gar mit einer Menge Verve, fleißig eilt er jedem Ball hinterher, um ihn möglichst schnell wieder zurückzubringen ins Spiel. Die Rede ist nicht etwa von Ante Rebic, Filip Kostic und Makoto Hasebe, oder den anderen gutbezahlten Fußballern von Eintracht Frankfurt, gemeint ist Stephane Gödde.

Stephane wer? Diejenigen, die sich regelmäßig mit dem Bundesligisten aus der Stadt am Main beschäftigten, könnten den Namen zumindest schon mal gehört haben, in den täglichen Schlagzeilen taucht er aber gewiss nicht auf. Dabei hat Stephane Gödde wichtige Aufgaben bei der Eintracht zu erledigen, die weit mehr beinhalten, als während der Trainingseinheiten ins Seitenaus geschossene Bälle wieder ins Feld zurückzukicken. Gödde ist Dolmetscher und damit ein entscheidendes Sprachrohr für Adi Hütter. Wenn der Trainer der Eintracht seine Spieler auf dem Trainingsplatz um sich schart, ihnen erklärt, was sie besser machen sollen, wie er sich seinen Fußballstil vorstellt, dann eilt Gödde stets herbei. Auch vor den Spielen in der Kabine ist das so, vorne erteilt Hütter seine Anweisungen, im Hintergrund flüstert Gödde den Spielern ins Ohr – in Spanisch, Französisch, Englisch, auch Italienisch spricht er fließend.

Eintracht Frankfurt hat ganz bewusst auf viele Nationalitäten gesetzt

Bei der Eintracht vereinen sich zurzeit 17 verschiedene Nationalitäten im Mannschaftskader. Franzosen, Serben, Spanier, Holländer, Schweizer, Argentinier, Brasilianer, und so weiter und so fort – dazu wird die Mannschaft von einem Trainerteam aus Österreich angeleitet. Die Eintracht ist multi-kulti, ganz klar, und sie ist es ganz bewusst. Seitdem Sportvorstand Fredi Bobic, übrigens selbst im slowenischen Maribor geboren und später 37-facher deutscher Nationalspieler, das Sagen bei den Hessen hat, setzen sie in Frankfurt vermehrt auf Profis aus dem Ausland.

Das hat in erster Linie einmal damit zu tun, dass nach dem Fast-Abstieg 2016 alles Alte einmal neu gedacht, das komplette System Eintracht Frankfurt analysiert werden sollte. Die Erkenntnis war in Bezug auf die Mannschaft schließlich doch keine ganz überraschende, nämlich, dass deutsche Spieler meist ein Stück weit mehr Geld bei der Anwerbung kosten als Berufskicker ähnlichen Niveaus aus dem Ausland. „Wirtschaftliche Zwänge“, das gab Bobic freimütig zu, seien anfangs ein Hauptgrund dafür gewesen, die Talentsichtung abseits der Bundesrepublik zu intensivieren.

Darüber hinaus, fand der 47-jährige Schwabe, passe es zu einer weltoffenen Stadt wie Frankfurt doch perfekt, auch die wichtigste Sportmannschaft zu internationalisieren. Die Stadion-Hymne der Eintracht, „Im Herzen von Europa“, sie wurde mit Leben erfüllt. „Ich finde, dass dieses Denken ‚deutsch oder international‘ überbewertet wird. Es geht darum, ob ein Spieler Qualität hat oder nicht. Da ist es mir egal, woher er kommt“, sagte Bobic einst im FR-Interview. Diese Ausrichtung wird seitdem vom ganzen Klub mitgetragen – von den Trainern, erst war es der Kroate Niko Kovac, jetzt der Österreicher Hütter, von den Klubbossen sowieso, allen voran von Präsident Peter Fischer, der sich Ende 2017 öffentlichkeitswirksam mit der AfD anlegte und dies seitdem in regelmäßigen Abständen wiederholt, und zu guter Letzt natürlich auch von den Frankfurter Fans.

Eintracht Frankfurt: Heterogenität im Kader stellt für Spieler große Chancen dar

„United Colors of Frankfurt – Eintracht lebt von Vielfalt“, lautete das Motto des Heimspiels gegen die TSG Hoffenheim im April 2018. Organisiert wurde die Aktion vom „Eintracht Frankfurt Fanclubverband e.V.“, in dem über 750 offizielle Fanclubs der Hessen organisiert sind. Schon 1994 und 2008 hatte sich die Eintracht-Anhängerschaft für Vielfalt eingesetzt. 1994 unter dem Motto „United Colors of Bembeltown“ und 2008 mit „United Colors of Frankfurt – Offen für alle Farben“. „Wir Eintrachtler gehören zusammen, egal woher wir kommen und wie wir aussehen und welches Geschlecht wir haben“, kommentierte der Fanclubverband vergangenes Jahr „das bunte Stadion“. Passend dazu stiegen vor dem Anpfiff gelbe, grüne, rote, orange und blaue Rauchschwaden aus dem Fanblock auf. Pyrotechnik mal anders. Und in diesem Fall auch gern geduldet.

Für die Spieler stellt gerade die überdurchschnittlich ausgeprägte Heterogenität im Kader eine große Chance dar, zu einem homogenen Haufen zu werden. Die Unterschiedlichkeiten, die vielen verschiedenen Einflüsse der Kulturen können – geht man solch einen Prozess geschickt an – eine Mannschaft in ihrer Entwicklung befruchten. Wenn sich also die Frankfurter Spieler wahlweise als „Hermano“, „Brate“ oder „Bruder“ gegenseitig ansprechen, ist das natürlich nicht im eigentlichen Sinne gemeint, sehr wohl aber im übertragenen. Die Bindung zueinander ist in Frankfurt offenbar ein kleines bisschen enger als andernorts. „Ich finde die unterschiedlichen Typen, Charaktere und Sprachen bei uns sehr schön und interessant“, kommentierte der aus Kroatien eingewanderte und in Berlin aufgewachsene Ex-Coach Niko Kovac: „Das ist mal etwas anderes als fader Einheitsbrei.“ Dreimal pro Woche schlüpft Gödde deshalb vom Dolmetscher in die Rolle des Sprachlehrers. Sein Trick: Er lässt die Profis die Frankfurter Fangesänge nachsprechen, ganz nach dem Prinzip: zwei Fliegen mit einer Klappe. So dauert es in der Regel nicht allzu lange, bis die Profikicker vor ihrer Anhängerschaft die deutschen Lieder aus der Kurve trällern können.

Internationalität als Grund zu Eintracht Frankfurt zu kommen

Mittlerweile hat sich der Frankfurter Ansatz längst rumgesprochen – und ist für manchen Spieler offenbar ein nicht unwesentlicher Grund, sich den Hessen anzuschließen. Der Portugiese Goncalo Paciencia sagte nach seiner Ankunft am Main – zuvor war er in Porto angestellt – dass ihm der Wechsel zur Eintracht auch deshalb besonders leichtgefallen sei, „weil Frankfurt eine große und multikulturelle Stadt ist und wir viele Nationalitäten in der Mannschaft haben“. Das war vor einem Jahr, doch auch in diesem Sommer verpflichteten die Frankfurter wieder Profis aus dem Ausland: den 19-jährigen Serben Dejan Joveljic oder auch Djibril Sow, den 22 Jahre alten Schweizer mit senegalesischen Wurzeln. „Ich habe mich sofort wohlgefühlt“, sagte dieser erst vor wenigen Tagen.

So positiv sich das alles anhört, ein paar negative Aspekte bringt die internationale Zusammenstellung der Mannschaft aber doch mit sich. So fordert die Deutsche Fußball-Liga in ihren Statuten eine Mindestanzahl an deutschen Profis in den jeweiligen Bundesligamannschaften, zwölf an der Zahl sollen es sein. Das schaffte die Eintracht in der vergangenen Saison nur, indem sie mehrere Jugendspieler mit Profiverträgen beschenkte, obwohl diese keine Rolle in der Mannschaft von Hütter spielten. Nicht einmal am Training nahmen sie teil. Auch ist das Sprachen-Wirrwarr, das gab der Trainer offen zu, nicht immer ganz leicht zu steuern.

Adi Hütter: Mit Englisch kommt er gut durch

Zwar wechselt der 49-Jährige während seiner Ansprachen regelmäßig zwischen Deutsch und Englisch hin und her, manchmal kommen dabei auch äußerst interessante Mischformen heraus, bis in die Details kann er bei manchem Profi aber nicht immer vordringen. Grundsätzlich komme er mit Englisch gut durch, aber „gerade wenn es emotional wird, hat man einen besseren Zugang zu den Spielern, wenn man ihre Sprache spricht. Doch ich kann zum Beispiel kein Spanisch. Das ärgert mich“, sagte Hütter einst im FR-Interview.

Neben Stephane Gödde hat sich bei der Eintracht für solche Fälle längst eine zweite Geheimwaffe herauskristallisiert: Gelson Fernandes. Der Außenminister, wie der Mittelfeldspieler scherzhaft genannt wird, ist nicht nur ein robuster Zweikämpfer, sondern auch ein kluger Kopf. Der Schweizer spricht gleich sieben Sprachen, sechs davon fließend. Mit einem besonderen Talent habe dies nichts zu tun, versichert der 32-Jährige, „das ist einfach mein Leben“. Schweiz, Deutschland, England, Italien, Frankreich, Portugal - gefühlt spielte Fernandes in Europa schon überall. Und wo auch immer es ihn während seiner Karriere hinzog, er wollte sich verständlich machen können.

Fernandes: portugiesisch, kreolisch, französisch, italienisch, deutsch und englisch

Geboren wurde Fernandes auf den Kapverdischen Inseln, „dort haben wir Portugiesisch und Kreolisch gesprochen, das waren schon mal zwei Sprachen“. Später schaffte er sich noch Französisch und Italienisch drauf, Englisch und Deutsch sowieso. „Und weil ich mit so vielen Südamerikanern zusammengespielt habe, kann ich auch Spanisch“, sagte er, „das ist dann die siebte Sprache.“

Wenn Adi Hütter nicht Adi Hütter wäre, er wäre gerne auch ein wenig wie Gelson Fernandes. „Auf ihn bin ich fast schon neidisch“, sagte der Trainer: „Es beeindruckt mich, wie viele Sprachen er spricht, er kann sich mit jedem unterhalten. Das finde ich genial.“

Nationalitäten

Argentinien: David Abraham
Bosnien-Herzegowina: Marjan Cavar
Brasilien: Tuta
Dänemark: Frederik Rönnow
Deutschland: Felix Wiedwald, Jan Zimmermann, Marco Russ, Marc Stendera, Nils Stendera, Erik Durm, Danny da Costa, Sahverdi Cetin, Dominik Kohr, Patrick Finger, Nicolai Müller, Sebastian Rode, Co-Trainer Armin Reutershahn
Frankreich: Evan Ndicka, Almamy Touré
Guinea: Simon Falette
Israel: Taleb Tawatha
Japan: Makoto Hasebe, Daichi Kamada
Kroatien: Ante Rebic
Niederlande: Jonathan de Guzman
Österreich: Martin Hinteregger, Trainer Adi
Hütter und Co-Trainer Christian Peintinger
Portugal: Goncalo Paciencia
Serbien: Filip Kostic, Mijat Gacinovic, Dejan Joveljic
Schweiz: Gelson Fernandes, Djibril Sow
Spanien: Lucas Torro
USA: Timothy Chandler

FR-Serie „Du gehörst zu mir“

Wer gehört zu wem? Was hält in Deutschland, in Europa die Gesellschaft zusammen? Was lässt sich tun, um Spaltungen zu überwinden? Fragen, die sich in diesem Jahr mit besonderer Dringlichkeit stellen: Das Grundgesetz wurde Anfang Mai 70 Jahre alt, Ende Mai haben Europas Bürgerinnen und Bürger ein neues Parlament gewählt – und im November feiert Deutschland den 30. Jahrestag des Mauerfalls. Mit all dem befasst sich unsere Serie „Du gehörst zu mir“.

Das Serien-Thema wird in den Sommermonaten von allen FR-Ressorts mit jeweils eigenen Schwerpunkten bearbeitet. Das Ressort Sport widmet sich in diesen Wochen dem Oberthema „Symbiosen“. Heute schreibt Daniel Schmitt über den erfolgreichen Fußball-Bundesligisten Eintracht Frankfurt, dessen Spieler aus 17 Nationen stammen.

In der nächsten Folge am Donnerstag, 8. August, erzählen wir die Geschichte zweier Rudersportlerinnen – und wie sie versuchen, im Gleichklang ihr Boot auf Tempo zu bringen.

Als PDF-Download bekommen Sie alle Sonderseiten unter FR.de/zumir.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare