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Nachdenklich: Eintracht-Trainer Adi Hütter

Eintracht Frankfurt

Eintracht Frankfurt: Adi Hütter in neuer Rolle

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Trainer Adi Hütter muss in einem schwierigen Spannungsfeld die Zugmaschine des Klubs sein - aber sind seine Umbaumaßnahmen auch von Erfolg gekrönt?

Der Gralshüter des deutschen Fußballsports hat es mit einiger Emphase gesagt, und er kann sich ja nicht irren, der Bundes-Jogi. „Absteigen wird Frankfurt nicht. So viel steht fest“, urteilte Joachim Löw und setzte noch ein paar gefühlte Ausrufezeichen dahinter. Das wollte Christoph Daum, der in grauer Vorzeit ja sogar auch mal fast Bundestrainer geworden wäre, wenn nicht ein weißes Pulver dazwischengekommen wäre, so nicht stehenlassen, er legte sogar nach. „Adi Hütter wird in der Rückserie eine Aufholjagd starten“, befand Herr Daum, übrigens der Trainer, mit dem die Eintracht den letzten Abstieg erlebte, 2011 war das. Er legte sich bei einer Umfrage der Deutschen Presseagentur sogleich auf Platz neun als Abschlussplatzierung fest, denn: „Eintracht Frankfurt steht für Vollgasfußball.“ Die Vergangenheitsform wäre gewiss die klügere Variante gewesen.

Eintracht Frankfurt fängt zu viele Gegentore

Vollgasfußball hat die Eintracht schon länger nicht mehr gespielt, in den vergangenen zweieinhalb Monaten hat sie von 30 möglichen Pflichtspielpunkten deren vier geholt. Das ist eine desaströse Bilanz, die eines Absteigers, gar keine Frage. Es stimmte nicht mehr im Staate Eintracht, weder vorne noch hinten, wo die Hessen seit dem 5:1-Glanzstück gegen die Bayern am 2. November im Schnitt mehr als zwei Gegentore gefangen haben. Viel zu viel.

Trainer Hütter studiert daher eifrig die Viererkette ein, um mehr Kompaktheit auf den Platz zu bekommen. Ein nachvollziehbarer Ansatz, auch wenn die Umstellung Risiken birgt, schließlich sind die Frankfurter in den zurückliegenden Jahren nur bei einer Handvoll Spielen mit dieser Ausrichtung angetreten. Hütter aber sah sich jetzt zum Handeln gezwungen, weil die Räume zu groß und dadurch die Anfälligkeit zu hoch ist. Der Coach steckt so ein bisschen in der Zwickmühle, weil die Dreierkette mit zwei sehr offensiven Außenverteidigern lange Zeit das Erfolgsgeheimnis war. Doch in dieser Saison ist die Rückwärtsbewegung, wie der Coach erkannt hat, lange nicht mehr „so konsequent“ wie sie mal war. „Da haben wir einiges vermissen lassen.“ Eine zutreffende Analyse: Filip Kostic und Danny da Costa sind ihren Defensivaufgaben nicht mehr so entschlossen nachgekommen wie früher – womöglich eine Folge der Flut an Spielen nebst körperlicher und mentaler Schlappheit. Auch die Bereitschaft, den letzten Meter in hohem Tempo und mit der nötigen Entschlossenheit zu gehen, ging verschütt’.

Eintracht-Trainer Adi Hütter setzt auf Defensive

Hütter folgt in seinem derzeitigen Tun dem allgemeingültigen Krisenmanagement der Bundesliga. Immer dann, wenn es eng wird, wenn es Spitz auf Knopf steht, neigen die Fußballlehrer aus verständlichen Gründen dazu, zunächst einmal für mehr Stabilität und Defensive zu sorgen, um die Worst-case-Szenarien irgendwie abzuwenden. Da geht es dann nicht mehr um Spektakel, Schönheitspreise und Offensivfeuerwerke, sondern um Maloche und Schmutzarbeit. Das hielt in Frankfurt weiland schon Friedhelm Funkel so und selbst Offensivliebhaber Armin Veh machte damals, als er während seiner ersten Amtszeit wegen der Europapokalbelastungen mit seinem Team in die Bredouille geriet, erst mal die Schotten dicht.

Bei Hütter ist die Gemengelage eine noch kniffligere, weil der Österreicher grundsätzlich eine auf totalen Angriffsfußball fußende Philosophie verfolgt. „Mutig werde ich immer bleiben“, sagte er erst kürzlich, als die Spirale des Misserfolgs die Eintracht schon immer weiter nach unten gedreht hatte. Doch manchmal muss auch der 49-Jährige seine Ideale der Realität anpassen. Zumal er ja selbst unter Druck gerät, noch nie in seiner Karriere hat der Trainer eine derartige Pleitenserie erlebt wie jetzt mit der Eintracht.

Eintracht Frankfurt vor schwerem Spiel in Hoffenheim

Er selbst empfindet die missliche Lage als „unangenehm“, wie er stets betont. Hütter ist jetzt, zum ersten Mal, nicht als Moderator des Erfolges gefragt, sondern als Autorität, aber auch als Pädagoge, an dem sich andere orientieren können. Als Zweifler oder Zauderer darf er nicht wahrgenommen werden, er ist die Zugmaschine, die vorangehen muss.

Einfach ist das nicht, der Auftakt mit den Partien am Samstag bei der TSG Hoffenheim und eine Woche später zu Hause gegen Spitzenreiter RB Leipzig ist nicht von schlechten Eltern, da drohen zwei weitere Niederlagen und die Wiederbelebung der jetzt erst einmal mühsam eingedämmten allgemeinen Verunsicherung. Die kann, wie man weiß, schlimme Folgen haben.

SGE: Immer dann stark, wenn sie aktiv war

Über allem schwebt zudem die Erfahrung aus der Vergangenheit, in den zurückliegenden Jahren ist die Eintracht in der zweiten Saisonhälfte regelmäßig eingebrochen, in der vergangenen Spielzeit verspielte sie auf den letzten Metern erst den Champions-League-Zugang und dann einen sicheren Europa-League-Startplatz, vor drei Jahren belegte sie in der Rückrundentabelle mit 13 Zählern den letzten Platz. Nur einmal, kurioserweise, als die Frankfurter fast in der zweiten Liga gelandet wären und nur dank der Relegation die Klasse hielt, war sie unter Retter Niko Kovac im zweiten Abschnitt um zwei Punkte besser. Das war 2016. Eine ähnliche Schwächephase wie üblich können sich die Hessen in diesem Jahr nicht erlauben.

Trainer Hütter wird in diesem schwierigen Spannungsfeld versuchen müssen, die richtige Balance zu finden und seine Courage an die Mannschaft weiterzugeben. Denn klar ist, dass die Eintracht immer dann stark war, wenn sie selbst aktiv war und eine gewisse Wildheit in ihr Spiel gegossen hat. Im großen „Kicker“-Interview deutete der Coach an, dass er sich trotz der Feinjustierung in puncto System nicht ins Schneckenhaus zurückziehen will. „Ich möchte den ganzen Block höher gestalten, beim Anlaufen müssen wir hochaktiv werden. Wenn du nur mit 60, 70 Prozent attackierst, spielt dich jede Mannschaft aus. Wir wollen aktiv nach vorne verteidigen und den Gegner früh stören.“

Ein theoretischer, aber löblicher Ansatz. Denn auch das Pressing, das die Mannschaft so stark und unangenehm zu bespielen gemacht hat, gab es quasi nicht mehr. Zeit, dass sich was dreht.

Von Ingo Durstewitz

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