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Eintracht Frankfurt ist nach wie vor von Powerbündel Filip Kostic am Flügel abhängig.

SGE-Hertha

Eintracht Frankfurt: Zu harmlos und anfällig, aber charakterstark

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    Thomas Kilchenstein
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Eintracht Frankfurt kassiert zu viele Treffer und schießt zu wenige, um oben angreifen zu können.

Beinahe hätte man denken können, Eintracht Frankfurt hätte den ominösen Bock endgültig und mit voller Wucht umgestoßen und die Wende zum Guten mit einem fußballerischen Feuerwerk samt Kantersieg eingeleitet. Trainer Adi Hütter jedenfalls setzte zu einer wahren Eloge auf sein tapferes Ensemble an. „Wie sich das Team zurückgefightet hat, das war einzigartig“, sagte der 49-Jährige. „Wir sind unglaublich gut zurückgekommen, das war sensationell.“ Auch das noch: „Ich bin stolz auf die Jungs.“ Die nackten Zahlen wollten mit den salbungsvollen Worten nicht so ganz korrespondieren. Endresultat Eintracht Frankfurt gegen Hertha BSC: 2:2. 

Um das Ergebnis und Hütters Ausführungen richtig einordnen zu können, muss man natürlich den Spielfilm der Partie kennen, und der sah die Eintracht eigentlich als Verlierer vor. Zumindest war nach dem Zwischenstand von 0:2 nicht unbedingt damit zu rechnen, dass die Hessen noch etwas Zählbares würden mitnehmen können. Doch die Mannschaft, und daraus speist sich die Zuversicht von Spielern und Trainer, gab sich nicht auf, berannte den Kasten der Berliner und kam durch einen Treffer von Martin Hinteregger (65.) und ein Tor von Sebastian Rode (86.) noch zum hochverdienten Ausgleich. 2:2 nach 0:2. Das ist schon mal nicht so schlecht und auf alle Fälle gut für die angegriffene Gefühlswelt. „Wir hätten das Spiel gewinnen müssen, das war ein sehr, sehr gutes Heimspiel“, befand Coach Hütter. „Ich bin mit der Leistung zufrieden.“ 

Eintracht Frankfurt: Strukturelle Problem im Offensivspiel 

Allenthalben ist die „Moral“ (Danny da Costa), der „Charakter“ (Djibril Sow) sowie die „Mentalität“ (Adi Hütter) des Teams herausgestellt worden. Völlig zu Recht. „Wir haben gezeigt, dass wir eine Mannschaft sind“, fasste Dauerläufer Gelson Fernandes zusammen. Ohne diese Primärtugenden würde Eintracht Frankfurt wahrscheinlich nicht mal im Niemandsland der Tabelle, sondern noch weiter hinten stehen. Zur Wahrheit gehört aber auch: Sehr viel schlechtere Teams als Hertha Berlin werden in Frankfurt wahrscheinlich nicht mehr oft vorstellig. 

Offenkundig ist, dass alles das, was früher mal von alleine lief, nun ins Stocken geraten ist. Alles ist mühselig und schwergängig, diese Mannschaft muss sich jeden Meter, jeden Ball und jedes Erfolgserlebnis hart erarbeiten, ihr fällt nichts zu. „Aufwand und Ertrag passen nicht zusammen“, bemerkte der Fußballlehrer. Beim matten Gegner aus Berlin war das ganz anders, aus drei Chancen machte die Hertha zwei Tore. „Es gibt Phasen, in denen es für einen läuft und solche, in denen es gegen einen läuft“, sagte Fernandes. „Im Moment läuft es gegen uns.“ Ein Patentrezept, um die Vorzeichen umzukehren und das „Spielglück zurückzuholen“, wie es Fernandes beschrieb, gibt es nicht. „Man muss einfach hart weiter arbeiten.“ Ähnlich sieht es Verteidiger Martin Hinteregger, mit seinen Treffern so etwas wie Lebensversicherung der Eintracht: „In einer Saison kommt alles wieder zurück.“ 

Andererseits wäre es zu einfach, die Frankfurter Malaise an schwer zu greifenden Faktoren wie Glück, Pech oder Fügung festzumachen. Es gibt strukturelle Probleme im Spiel. Das fängt hinten an. Die Mannschaft kassiert zu viele und „zu leichte“ (Hütter) Gegentore, die Hertha schlug, wie der Trainer es formulierte, zweimal „aus dem Nichts zu“. Kein Team aus den Top Ten – klammert man Hoffenheim aus (23) – hat mehr Treffer schlucken müssen als die Eintracht (22). 

Eintracht Frankfurt: Das Offensivspiel lahmt

Auch das Offensivspiel lahmt, in den zurückliegenden sechs Begegnungen haben die Stürmer genau einmal getroffen, Goncalo Paciencia beim 5:1 gegen die Bayern. Das ist zu wenig, um oben angreifen zu können. Und wenn ein Verteidiger wie Hinteregger mit fünf Toren der zweitbeste Torschütze seiner Farben ist, lässt das tief blicken. „Die Stürmer müssen versuchen zu treffen“, kommentierte Hütter lakonisch. „Sie kommen aber auch nicht so in Abschlusssituationen.“ 

Das ist zum einen ein personelles Problem. Paciencia, mit sechs Treffer bester Schütze, befindet sich im Formtief, André Silva ist noch immer nicht richtig fit, Bas Dost fällt mit Leistenbeschwerden auf unbestimmte Zeit, auf jeden Fall aber bis zum Jahresende aus und Youngster Dejan Joveljic ist noch zu grün für die Bundesliga, nach seiner Einwechslung gegen Berlin kam der Serbe in elf Minuten Spielzeit auf einen einzigen Ballkontakt.

Zum anderen laufen die Angriffe zu oft nach Schema F ab, die Eintracht ist nach wie vor von Powerbündel Filip Kostic am Flügel abhängig, der gegen Hertha erneut für mächtig Betrieb sorgte, als Linksaußen die meisten Ballkontakte hatte (96) und die meisten Flanken (zwölf) schlug. Er stellt sein Pendant auf der anderen Seite, Danny da Costa, klar in den Schatten. Der rechte Läufer wirkt beladen und nicht so frisch. 

Martin Hinteregger mit warnenden Worten

Zudem ist generell zu wenig Vertikalität, Tiefe und Kreativität im Spiel. Das liegt an den Stürmern, aber in weiten Teilen auch am Mittelfeld, das zu gleichförmig besetzt ist, Überraschendes wird selten geliefert. Martin Hinteregger ist diese Harmlosigkeit ein Dorn im Auge, man könne sich nicht immer nur auf die mittlerweile „extrem wichtigen“ Standards verlassen (siehe nebenstehenden Bericht). „Es wird Zeit, dass wir im Sechzehner aus dem Spiel heraus zu mehr Durchschlagskraft finden. Vorne fehlt das Gewisse.“ Insgesamt sei der Spielfluss nicht so, „wie wir das gerne haben würden“, es sei von entscheidender Bedeutung, dass „wir aus dem Spiel heraus effizienter werden“. 

Eine nachvollziehbare Forderung. Kein Bundesligist schießt so häufig aufs Tor wie die Eintracht (237-mal), doch herausgesprungen sind lediglich 24 Tore. Exakt so viele Tore hatten die Herren Jovic (zehn), Haller (neun) und Rebic (fünf) zum gleichen Zeitpunkt der Vorsaison ganz alleine erzielt. Gegen Berlin reichten 27 Torschüsse nur für zwei Treffer. Hinteregger hofft auf eine irgendwie geartete Initialzündung. „Und dann geht der Knopf wieder auf, dann wird der Knoten platzen.“ Klingt wie eine vage Hoffnung.

Von Ingo Durstewitz und Thomas Kilchenstein

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