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Die Pfeife muss stumm bleiben: Armin Reutershahn.

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Eintracht Frankfurt Co-Trainer Armin Reutershahn: „Es geht ums nackte Überleben“

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Eintracht-Co-Trainer Armin Reutershahn über Training im Homeoffice, seine Ängste und was wirklich zählt in der Krise.

Frankfurt - Armin Reutershahn, seit kurzem 60 Jahre alt, fällt es schwer, so ganz ohne Fußball zu sein. „Seit meinem sechsten Lebensjahr beschäftige ich mich mit Fußball“, sagt der ewige Co-Trainer, Entzugserscheinungen spürt er derzeit schon. Die versucht der Familienvater abzufedern, in dem er seinem Sohn bei den Hausaufgaben hilft. Zur aktuellen Coronakrise äußert sich Reutershahn, insgesamt neun Jahre bei Eintracht Frankfurt, sehr nachdenklich, reflektiert und wie folgt...

... zu seinem Tagesverlauf:Auch ich mache meine täglichen Übungen, um für den Tag X vorbereitet zu sein. Ansonsten fühle ich mich eher wie ein kleiner Lehrer: Mein Sohn geht aufs Gymnasium, mit ihm mache ich Hausaufgaben, Primzahlen, Zerlegungsfaktoren, Nordseeverschmutzung und solche Dinge.

...zum Fußball, der ihm fehlt:Für mich ist das eine völlig ungewohnte Situation. Seit Kindesbeinen an beschäftige ich mich mit Fußball. Es fehlt das Tägliche-auf-dem-Platz-sein. Mitten aus einer Saison herausgerissen zu werden, ist für den Kopf schwer zu verkraften. Und bis es wieder soweit ist, müssen wir noch viel Geduld aufbringen. Aktuell gucke ich mir viele alte Spiele an, um mich inspirieren zu lassen.

... zu seinem Kontakt zu Adi Hütter:Wir telefonieren jeden Tag. Wir reden über Fußball natürlich und selbstverständlich über die gesellschaftlichen Veränderungen, die die Corona-Krise mit sich bringt.

. ..zu einer möglichen Rückkehr in den Trainingsbetrieb:Wir halten uns daran, was die DFL beschlossen hat. Wir gehen davon aus, dass wir am 5. April erstmals mit dem Mannschaftstraining beginnen werden. Und hoffen, Ende April/Anfang Mai mit dem Spielbetrieb anfangen zu können. Aber das ist nicht sicher, vieles verändert sich von einem auf den anderen Tag. Wenn wir am 5. April loslegen, hätten wir drei bis vier Wochen Vorbereitung auf das erste Spiel.

...zum Fitnesszustand der Mannschaft:Athletisch und konditionell haben wir nichts verloren. Die Jungs arbeiten jeden Tag an ihrem Programm, so dass wir sofort im taktischen Bereich arbeiten könnten. Im Grunde wäre es dann wie eine normale Vorbereitung auf eine halbe Rückserie. Wie man dann im Einzelnen trainiert, in kleinen Gruppen, zu zweit oder gar einzeln, das vermag ich heute nicht zu sagen.

...zur verlorenen Form der Spieler:Es ist ein anders Training, wenn du die Mannschaft komplett auf dem Platz hast, wenn der Ball dabei ist, keine Frage.

...zu wahrscheinlichen Geisterspielen:Ich möchte nicht Geisterspiele sagen, sondern Spiele ohne Zuschauer. Man hat das ja zuletzt gesehen: Es ist eine ganz ungewöhnliche Situation und Atmosphäre. Natürlich fehlt der Heimmannschaft die Unterstützung, im Kern ist es für beide ein Nachteil. Auch als Auswärtsmannschaft ist es motivierend, wenn Fangesänge ertönen oder du ausgebuht wirst, all das fehlt.

...zu einem Zwischenfazit der Saison:Wir können stolz darauf sein, zum jetzigen Zeitpunkt noch in drei Wettbewerben vertreten zu sein. Ich kann mich nicht erinnern, dass eine Eintracht-Mannschaft zuletzt so erfolgreich war (Anm. d. Red: Noch nie stand eine Eintracht-Mannschaft im März noch in drei Wettbewerben). Wir haben in der Bundesliga Wellen erlebt, hoch und runter. Alles in allem haben wir aber eine sehr, sehr ordentliche Saison gespielt. Selbst in der Rückrunde haben wir in sieben Spielen zehn Punkte geholt. Wir können bislang von einer zufriedenstellenden Runde sprechen.

. ..zu den Auswirkungen der Coronakrise auf das normale Leben:Solch eine Situation hat noch keiner von uns je erlebt. In meinem Bekanntenkreis gibt es Menschen, die sich gerade beruflich neu orientiert haben, die ein Restaurant, ein Café aufgemacht haben, die jetzt nicht wissen, wie es weitergeht. Sie haben keine Einnahmen, müssen aber Darlehen und Kredite bedienen. Das ist dramatisch, diese Ungewissheit zehrt. Ich weiß nicht, ob sich jeder über den Ernst der Lage bewusst ist. Es geht ums nackte Überleben. Kann ich meinen Job behalten? Was wird aus meinen Eltern, bleiben sie gesund, bleiben sie am Leben. Das sind Fragen, die die Menschheit jetzt betrifft. Ich weiß nicht, wie es nach der Krise weitergeht, bin selbst bin hin- und hergerissen: Manche sagen, wir rücken enger zusammen, kriegen wieder ein anderes Bewusstsein für Familie, Natur oder das Miteinander. Schön wäre es. Aber wir merken jetzt, was wichtig ist und was nicht.

... zu den Folgen für den Fußball:Ich bin überzeugt, dass es mit dem Fußball an sich genauso weitergeht wie bisher. Ob in der gleichen Form? Keine Ahnung. Grundsätzlich: Der Fußball hat sich in den letzten Jahren toll entwickelt. Ich rede jetzt nicht von den exorbitanten Gehältern und Transfersummen. Ich rede von den Emotionen, der Atmosphäre in den immer vollen Stadien, dem Interesse der Gesellschaft für den Sport. Schauen Sie, wie viele Frauen und Kinder in die Stadien strömen, das gab es früher alles nicht. Schauen Sie, wie viele Kinder Trikots ihrer Lieblingsklubs tragen, die Aufkleber auf den Ranzen. Der Fußball an sich ist und bleibt ein wichtiger Bestandteil unseres gesellschaftlichen Lebens, er ist für Kinder und Jugendliche identitätsbildend.

....die Rolle des Fußballs als Unterhaltung in Krisenzeiten:Sie meinen als Opium fürs Volk? Vielleicht ist jetzt genau das Gegenteil entscheidend: Dass man sich eben nicht ablenken lässt von Fußball, sondern sich tatsächlich mit den wirklich wichtigen Dingen beschäftigt. Etwa mit sich selbst. Und sich fragt: Kann ich überhaupt noch was mit mir anfangen oder setze ich mich nur vor die Glotze und schaue irgendetwas. Wie beschäftige ich mich mit meinen Kindern? Lasse ich die im Internet spielen oder unternehme ich etwas mit ihnen. Vielleicht spielt man wieder mal ein Brettspiel. Und rückt als Familie enger zusammen. Ich glaube, das Bewusstsein für die Familie, für die Nächsten, die Freunde könnte durch die Krise geschärft werden. Ob das hinterher auch noch so ist, wenn der normale Alltag wieder eintrifft? Das steht in den Sternen.

Aufgezeichnet: Thomas Kilchenstein

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