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Höchstwert in der B-Note: Goncalo Paciencia (rechts) mit letztem Einsatz, John Brooks scheint überrascht.

Eintracht Frankfurt

Nach dem Spiel gegen Wolfsburg: Willkommen im Mittelmaß

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    Thomas Kilchenstein
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Die Frankfurter Eintracht muss nach einem desillusionierenden 0:2 gegen den VfL Wolfsburg ihre Ambitionen nach ganz oben fürs Erste begraben. Trainer Adi Hütter fordert eine schnelle Rückkehr zu den Wurzeln.

Am Ende, als alle Fragen gestellt und die meisten beantwortet waren, hat es noch die eine offene gegeben. Ob es denn in dieser Englischen Woche mit der vorentscheidenden Partie am Donnerstag beim FC Arsenal auch einen freien Tag für die Spieler gebe, ist der Trainer Adi Hütter beim Rausgehen gefragt worden. Die Antwort war deutlich: „Nicht nach so einem Spiel.“

Damit war bereits eine Menge gesagt über die gerade absolvierten 90 Minuten gegen den VfL Wolfsburg, die Eintracht Frankfurt nicht nur eine bittere 0:2 (0:1)-Niederlage beschert hatte, sondern auch die Erkenntnis: Der Zug nach oben ist fürs Erste abgefahren, der Anschluss an die Spitze, vor der Partie das erklärte Ziel, ist verpasst. Willkommen im Mittelmaß. „Es war ein gebrauchter Tag“, sagte Sportvorstand Fredi Bobic abends als Gast im Aktuellen Sportstudio.

SGE-Trainer Adi Hütter:  „Das war nicht Eintracht-like“

Die Frankfurter Eintracht lieferte in einer nicht unwichtigen Phase der Saison ihre bis dato schwächste Leistung ab, verlor diese Begegnung gegen den Angstgegner aus Wolfsburg vollauf „verdient“, wie auch Trainer Hütter unumwunden einräumte. „Das war nicht Eintracht-like.“

Er vermisste an diesem Samstagnachmittag praktisch alles, was sein Team in der Vergangenheit ausgezeichnet und stark gemacht hatte, etwa ein geschlossenes und kompaktes Auftreten, die gewohnte Aggressivität beim Pressing, das Spiel in die Tiefe, zudem Dynamik, Wucht und Schwung. Mittelfeldspieler Djibril Sow, ein Lieblingsschüler Hütters, sagte: „Das Feuer hat gefehlt.“

Eintracht Frankfurt: Bester Mann war Kapitän Makoto Hasebe

In der Tat legten die Frankfurter einen seltsam uninspirierten Auftritt hin, pomadig, verzagt, ja fast ein bisschen leblos. Sie waren nie richtig ins Spiel gekommen, fanden keinen rechten Zugriff, hatten auch, wie Frankfurts Bester Makoto Hasebe sagte, „keine Spielidee“, um die sehr gut verteidigende Wolfsburger Mannschaft auch nur halbwegs in Verlegenheit zu bringen.

Das 0:1, das Wout Weghorst nach einem verunglückten Schuss von Maximilian Arnold per Kopf ins Tor abfälschte (19.), passte ideal ins Defensivkonzept der Wölfe. Es war bei den Hessen zudem der achte Rückstand im zwölften Bundesligaspiel. „Wenn wir weiter so spielen“, sagte der Frankfurter Fußballlehrer, „dann werden wir Probleme bekommen.“

Eintracht Frankfurt: Adi Hütter bleibt der Analyse gnadenlos

Denn an diesem Nachmittag stimmte viel zu wenig. Hütter zählte gnadenlos auf: „Zu behäbig, zu wenig griffig, die Aggressivität hat gefehlt.“ Dazu habe es an der erforderlichen Kreativität gemangelt, „zu wenig variabel“ habe man agiert, schließlich habe „die Präzision gefehlt“, Flanken seien „stupide“ in den Strafraum geschlagen worden, genau dorthin, wo der VfL Wolfsburg mit seinen Abwehrspielern mit Gardemaß seine Stärken hat. In dieser Saison haben die Wölfe noch kein Gegentor mittels Kopfball kassiert. 29 Flanken löffelten die Frankfurter in die gegnerische Box, alle verpufften wirkungslos. „Wir haben ihnen in die Karten gespielt“, deckelte Hütter sein Team.

Dazu passte der folgenschwere Bock von Ersatztorhüter Felix Wiedwald, der für den erkrankten Frederik Rönnow kurzfristig unter die Latte trat und nach 65 Minuten das spielentscheidende 0:2 verschuldete, als er Angreifer Joao Victor unbedrängt den Ball nach einem Rückpass in die Füße spielte. Der Wolfsburger hatte dann keine Mühe mehr, die Kugel ins Tor zu schießen. „Das 0:2 hat uns den Zahn gezogen“, urteilte Erik Durm.

Eintracht Frankfurt: Harmlos trotz 45 Minuten in Überzahl

Dabei spielten die Gäste aus Niedersachsen 45 Minuten in Unterzahl, praktisch mit dem Pausenpfiff hatte Marcel Tisserand nach einem Ellenbogenschlag gegen Goncalo Paciencia die Gelb-Rote Karte gesehen. Aber selbst aus diesem Vorteil konnten die trägen Platzherren kein Kapital schlagen. Zwar kamen sie auf 61 Prozent Ballkontakte, auf ein Eckenverhältnis von 12:1, auch 83 Prozent der Pässe waren angekommen, aber Torchancen blieben Mangelware. Das Wolfsburger Tor wurde nie groß in Gefahr gebracht, die größte Frankfurter Chance hatte sich Erik Durm geboten, bezeichnenderweise in der 86. Minute, das Spiel war da längst entschieden. Womöglich hätte die Partie eine andere Wendung nehmen können, wenn der Treffer von Bas Dost (50.) gezählt hätte, doch er stand bei seinem Schuss wenige Zentimeter im Abseits. Mit Schuhgröße 42 hätte der Treffer vermutlich gegolten, mit Größe 48 war das Tor irregulär.

Die Einfaltslosigkeit der Frankfurter war spektakulär. Viel zu viele blieben deutlich unter ihren Niveau, Sow etwa, auch Durm, Filip Kostic, Dost, Paciencia, und warum Hütter erneut auf Mijat Gacinovic im offensiven Mittelfeld setzte, erschloss sich nicht auf Anhieb. Der Heimnimbus ist dahin, es war die erste Niederlage vor eigenem Publikum in dieser Saison, bis dato hatten lediglich Borussia Dortmund und Werder Bremen je einen Punkt aus Frankfurt mitnehmen können. Angesichts der chronischen Auswärtsschwäche verheißt das Reißen dieser imposanten Serie - die Eintracht war vor dem Spieltag das heimstärkste Team der Liga - wenig Gutes. Im nächsten Bundesligaspiel muss die Eintracht zum Nachbarn Mainz 05, dort, wo sie in der Liga nie gewinnen konnte.

Eintracht Frankfurt vor Europa League Spiel gegen Arsenal London

Für Hütter steht fest: „Wir müssen zurück zu den Wurzeln, müssen wieder zu dem kommen, was uns stark gemacht hat.“ Insbesondere die mannschaftliche Geschlossenheit suchte man an diesem Nachmittag vergeblich. „Die Trauben haben für Wolfsburg nicht so hoch gehangen“, sagte Hütter desillusioniert.

Das Spiel in der Analyse des Rasenfunks

Eintracht Frankfurt wird sich schütteln müssen, wird mit einer anderen Einstellung den schweren Gang nach London antreten müssen. Gegen den FC Arsenal, der am Samstag 2:2 gegen Southampton spielte, geht es darum, die Chance auf das Erreichen des Sechzehntelfinale in der Europa League zu wahren. Hütter ist sicher, dass die Eintracht auf der Insel ein anders Gesicht zeigen wird. „Wenn man 31 Spiele in einer Halbsaison hat, ist es nicht immer einfach, das Feuer zu entfachen und Powerfußball zu spielen“, sagte er. „Ich habe gesehen, dass die Mannschaft wollte, aber die Mittel nicht gehabt hat.“

Er weiß aber auch: In London hängen die Trauben höher als an diesem Wochenende in Frankfurt.

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