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Zusammenstehen: Die Frankfurter Mannschaft feiert den 1:0-Erfolg in Portugal.

Eintracht Frankfurt

Fußballerische Armut erschreckt: Eintracht Frankfurt muss sich deutlich steigern

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Das glückliche 1:0 in Guimaraes bringt der Eintracht ein wenig Erleichterung und genügend Ansatzpunkte, um künftig besser zu spielen – am besten schon am Sonntag gegen Bremen.

Hinterher, als der mehr als schmeichelhafte 1:0-Sieg in der Europa League gegen Vitoria Guimaraes endlich aktenkundig und Eintracht Frankfurt wieder in die Spur in Richtung Sechzehntelfinale gekommen war, beschäftigte sich das Gros der Frankfurter Entourage damit, nach dem Positiven zu suchen. Das war nicht einfach. Vom erwartet komplizierten Auswärtsspiel war dann die Rede, von „der einen oder anderen Schwierigkeit“, die man gehabt hätte, wie Sportvorstand Fredi Bobic sagte, immerhin habe „die Innenverteidigung sehr gut agiert“. Außer einem Pfostentreffers habe man wenig zugelassen, gab auch Sportdirektor Bruno Hübner später im Bauch des Estadio Dom Afonso do Henriques zu Protokoll – trotz klarer Feldvorteile des Tabellenvierten der portugiesischen Liga.

Eintracht-Trainer Adi Hütter lobte die Mentalität seines Teams, das sich gewehrt hatte gegen tapfere Portugiesen, er lobte ausdrücklich Martin Hinteregger, der „ein überragendes Spiel gemacht“ hätte als „Turm in der Brandung“, was dann doch ein bisschen zu dick aufgetragen war. Er lobte Torwart Frederik Rönnow für das Spiel ohne Gegentor, er lobte Evan Ndicka, den jungen Verteidiger, der sich flugs zum „Goldtorschützen“ aufgeschwungen habe.

Eintracht Frankfurt bleiben alle Chancen

Man muss das verstehen: Aus all diesen Sätzen war die pure Erleichterung darüber zu spüren, dieses „absolute Schlüsselspiel“, wie Hütter es formulierte, gewonnen zu haben.

Es lässt den Hessen nämlich weiterhin alle Chancen, auf dem internationalen Parkett wie in der vergangenen Saison zu überwintern. Immerhin war der österreichische Trainer so ehrlich, von einem „hart erkämpften, schmutzigen Auswärtssieg“ zu sprechen. Nicht auszudenken, wenn Eintracht Frankfurt nach dem 0:3 zum Auftakt gegen den FC Arsenal auch das zweite Spiel der Europa-League-Gruppe F gegen den vermeintlichen Außenseiter verloren hätte. Die schönen Europapokalträume wären fast schon geplatzt.

Hütter hatte vorher die Latte entsprechend hoch gelegt, „beide Teams stehen mit dem Rücken zu Wand“, hatte er gesagt. Durch diesen mühsamen Erfolg hat sich die Eintracht wieder zurückgemeldet, ist weiter im Rennen um den angestrebten Platz hinter den Londonern. Das nächste Schlüsselspiel steigt am 24. Oktober gegen Standard Lüttich, dem heißen Konkurrenten um Platz zwei, zwei Wochen später folgt das Rückspiel in Lüttich. Die beiden Spiele gegen die Belgier werden entscheidend sein. Womöglich muss das die Eintracht auf die Unterstützung ihrer Fans verzichten: In Guimaraes lieferten sich die Anhänger beider Lager unmittelbar vor dem Anpfiff eine minutenlangen Sitzschalenschlacht. „Das ärgert mich, das will keiner sehen. Wir sind unter Beobachtung“, sagte Bobic. Den Hessen, die nach Krawallen in der Vorsaison in den nächsten drei Jahren auf Bewährung spielen, droht eine empfindliche Strafe der Uefa.

Evan Ndicka macht alles klar

Fußball ist bekanntlich Ergebnissport, und Eintracht Frankfurt hat geliefert, ohne Glanz und Gloria, aber mit viel Schwarzbrot. Ivo Vieira, der Coach der spielstarken Portugiesen, hatte es bei seiner Analyse auf den Punkt gebracht: „Ein Spiel lebt von Toren, wer sie schießt, gewinnt“, hatte er die 90 Minuten zusammengefasst.

Evan Ndicka war so frei, nach 36 Minuten einen Eckball von Djibril Sow ins Tor zu köpfen – das sollte reichen, mehr brauchte es nicht aus Frankfurter Sicht. Das Beste an diesem lauen Abend in Nordportugal war das Ergebnis – darüber gab es keine zwei Meinungen, „man kann nicht immer eine Galavorstellung zeigen“, sagte Ndicka, „ganz ehrlich, ich nehme lieber das Ergebnis als eine Superleistung ohne drei Punkte“.

Nein, die Frankfurter Eintracht hat nicht gut gespielt in Guimaraes, sie war aber gnadenlos effektiv, hat einen Eckball zur Führung genutzt und diese bis zum Schluss mit Mann und Maus verteidigt. Selten schön, aber wirkungsvoll. Zuletzt war das den Frankfurtern häufig missraten, zuletzt hatten sie aus ihren Gelegenheiten viel zu wenig gemacht. Im Grunde ging es nur darum, diese Begegnung gegen einen unangenehmen Gegner zu gewinnen, der Zweck heiligte da die Mittel. Und in wenigen Wochen spricht kein Mensch mehr darüber, wie dieses 1:0 gegen den Außenseiter zustande gekommen war.

Noch dazu, da Eintracht Frankfurt auf eine Handvoll erfahrener Stammspieler hatte verzichten müssen, Makoto Hasebe, Kevin Trapp, Dominik Kohr, David Abraham standen bekanntlich nicht zur Verfügung, auch musste die Dreierabwehrkette (Almamy Touré, Hinteregger, Ndicka) plus Torwart Frederik Rönnow neu zusammengestellt werden. Da ist ein Sieg ohne Gegentreffer keine ganz schlechte Ausbeute. Die Hessen hatten ihre Pflicht „in einem wilden Spiel“ (Sebastian Rode) erfüllt, nicht mehr und nicht weniger, schön war das nicht, aber darum ging es auch nicht. 1:0 gewinnen, Mund abwischen und weiter.

Eintracht Frankfurt wirkt noch immer nicht gefestigt

Dennoch erschreckte schon die fußballerische Armut, das nahezu komplette Fehlen einer Idee, wie man dieses Spiel angehen soll – außer mit langen Schlägen nach vorne. „Der Spielaufbau hat mir nicht gefallen, spielerisch war es nicht das, was wir uns vorgestellt haben“, sagte Hütter und legte die Finger in die Wunde: „Zu schlampig“ habe sein Team gespielt, „zu wenig vertikal“ und „zu wenig über die Außen“.

Noch immer wirkt die Eintracht nicht stabil, noch immer kommt zu wenig nach vorne, noch immer hakt es bei der Spieleröffnung. Es läuft noch lange nicht richtig rund. Die Sturmreihe am Donnerstag mit André Silva und Goncalo Paciencia blieb weitgehend unsichtbar, Sow tauchte nach ordentlichen Beginn mehr und mehr ab, Filip Kostic war nur ein Schatten seiner selbst.

Insgesamt wirkte das Frankfurter Spiel statisch und uninspiriert. „Wir haben es nicht geschafft, kontrolliert ins letzte Angriffsdrittel zu kommen“, sagte Rode, der immerhin 60 Minuten durchhielt. Er räumte auch in einer ersten Reaktion ein, „nicht sehr gut gespielt zu haben, das wissen wir.“

Später dann, als die Kräfte der Portugiesen mehr und mehr nachgelassen hatten, hätten die Frankfurter sogar noch das zweite Tor erzielen können. Andre Silva, Filip Kostic und der eingewechselte Daichi Kamada hatten gute Möglichkeiten auf 2:0 zu erhöhen und für mehr Ruhe zu sorgen. Diese Gelegenheiten hatte auch Bruno Hübner im Sinn, als er davon sprach, sich selbst das Leben schwer gemacht zu haben.

Bis zum Sechzehntelfinale jedenfalls „ist es noch ein weiter Weg“, wie Trainer Hütter sagte. Aber dem war nach dem mühevollen Erfolg in Nordportugal erst einmal ein Stein vom Herzen gefallen. Dass sich seine Mannschaft in der Bundesligapartie am Sonntagabend gegen den SV Werder Bremen (18 Uhr) deutlich steigern muss, um diese Englische Woche mit dem dritten Sieg krönen zu können, weiß natürlich auch der Frankfurter Fußballlehrer.

Immerhin kann er wahrscheinlich wieder auf Libero Hasebe zurückgreifen, der Japaner trainierte nach seiner Gehirnerschütterung gestern Abend erstmals wieder mit der Mannschaft. Auch der in der Europa League gesperrte Mittelfeldspieler Kohr kann in der Bundesliga wieder an den Ball. Dagegen wird Kapitän Abraham wohl weiterhin angeschlagen fehlen. Unabhängig von der eigenen personellen Besetzung hat Hütter Respekt vor dem nächsten Gegner: „Die Bremer versuchen, eine spielerische Linie zu verfolgen, sie zeigen technisch, feinen Fußball und haben eine gute Struktur. Es wird ein schweres“, so Hütter: „Wir müssen höllisch aufpassen.“

Von Thomas Kilchenstein

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