Frankfurter Jubel.
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Frankfurter Jubel.

Sieg in Wolfsburg

Eintracht Frankfurt fährt die Krallen aus

  • Ingo Durstewitz
    vonIngo Durstewitz
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Mit einem auf Borstigkeit basierenden Auftritt ziehen die Frankfurter den Wölfen den Zahn und landen vor dem wichtigen Nachholspiel beim SV Werder Bremen einen Befreiungsschlag.

Am Tag nach dem so bedeutenden Schuss ins Glück hatte sich Daichi Kamada wieder ganz gut erholt. Stadionsprecher Bartosz Niedzwiedzki hatte den Japaner gemeinsam mit seinem Landsmann und väterlichen Freund, Makoto Hasebe, vor die Kamera von Eintracht-TV geholt, und da erzählte der Matchwinner von Wolfsburg ganz freimütig, dass er in der Schlussphase der intensiven, aber insgesamt durchwachsenen Bundesligapartie am Mittellandkanal nicht mehr wirklich auf der Höhe war. „Ich war am Ende total platt“, berichtete der 23-Jährige, aber nach der Flanke von Filip Kostic auf Bas Dost sei er „ein letztes Mal zum Tor gesprintet“. Eigentlich habe er nicht damit gerechnet, dass der Ball zu ihm gelangen würde, doch das ist ja genau das, was die Fußballlehrer von ihren Spielern verlangen, auch die Meter zu machen, die wehtun, sich überwinden, selbst dann, wenn man 49-mal umsonst gelaufen ist. Denn vielleicht macht genau der 50. Spurt den Unterschied, eben solche Kleinigkeiten entscheiden auf diesem Niveau letztlich die Spiele. Wie am Samstagnachmittag.

Kamada also schleppte sich nach vorne, Stürmer Dost legte sehr überlegt per Kopf vor, und der Kreativkopf schloss mit links ab – 2:1, fünf Minuten vor Schluss, der Siegtreffer, die Erlösung. „Der Weg“, analysierte der feingliedrige Techniker trocken, „hat sich gelohnt.“ Aber hallo.

Eintracht Frankfurt mit eminent wichtigem Sieg

Der Mann aus Nippon hat mit seinem späten Volltreffer eine ganze Ladung voller Sorgen, Zweifel und Bedenken von den Schultern der Frankfurter Verantwortlichen genommen. Der hart erschuftete Dreier in Wolfsburg war eminent wichtig, der wichtigste Erfolg in den vergangenen Monaten, womöglich gar der wichtigste der gesamten Saison. Man kann sich leicht ausmalen, mit welch schlotternden Knien und verzwergtem Selbstvertrauen die Hessen am Mittwoch zum Nachholspiel (20.30 Uhr/live bei Sky) bei den aufmüpfigen Bremern gereist wären. Der freie Fall hätte die um sich greifende Abstiegsangst um ein Vielfaches beschleunigt und verstärkt.

Selbst Trainer Adi Hütter räumte ein, dass es im Falle einer Schlappe in der Autostadt unangenehm geworden wäre, „weil dann auch die Nerven ins Spiel gekommen wären“. So aber durfte die Eintracht einen Erfolg bejubeln, den der starke Torwart Kevin Trapp wahlweise als „brutal“ oder „extrem“ wichtig einstufte. Sein Coach fand, dass sein zuvor so wankelmütiges und wankendes Team ein „starkes Lebenszeichen“ abgegeben habe. „Uns ist ein Befreiungsschlag gelungen“

Der Österreicher hob völlig zu Recht den Mannschaftsgeist hervor. Seine Akteure hätten nach dem ersten Bundesligasieg seit dem 7. Februar (5:0 gegen den FC Augsburg) ein „geiles Gefühl“ gehabt, weil sie sehr genau spürten, dass keiner zurückgesteckt und jeder bedingungslos für den anderen gerackert habe. „Alle haben zusammen gefightet, jeder ist an die Grenze gegangen und hat sich in den Dienst der Mannschaft gestellt. Die Mannschaft lebt, sie hat einen guten Spirit und Zusammenhalt“, urteilte Coach Hütter.

Eintracht Frankfurt mit Disziplin

Dass sein Ensemble Attribute wie Leidenschaft, Willen, Borstigkeit und Widerstandsfähigkeit in die Waagschale warf, sind gerade im Abstiegskampf wichtige Signale. Denn wenn es innerhalb eines Gefüges nicht mehr stimmt, wenn die Spieler nicht mehr in dem Maße mitziehen, wie es sein müsste, oder die Chemie generell gestört ist, sind die zerbröselnden Gemeinschaften nicht selten dem Abstieg geweiht. Insofern ist der gallige Gesamtauftritt in Niedersachsen für die Verantwortlichen fast noch wichtiger als die Punkte als solche, die natürlich ebenfalls von hohem Wert sind. Der Abstand zu Fortuna Düsseldorf auf dem Relegationsrang ist erst einmal wieder auf fünf Zähler angewachsen. „Wir sind noch nicht raus, wir sind immer noch in Gefilden, in denen es gefährlich werden kann“, warnt Hütter pflichtgemäß.

Zu den Primärtugenden gesellte sich auch eine lange nicht gesehene taktische Disziplin, man habe intern sehr klar miteinander besprochen, dass man diese heftige Gegentorflut (21 Treffer in sechs Partien) dringend eindämmen müsse, befand Keeper Trapp. „Wir mussten die Defensive stabilisieren“, erkannte Trainer Hütter. Auch deshalb hatte er sich dazu entschieden, einen harten Abräumer wie Dominik Kohr zu nominieren, der spielerisch zwar fast alles schuldig blieb, die Wolfsburger aber mit vielen kleinen, taktischen Fouls nervte und den Spielfluss unterband.

Eintracht Frankfurt: Schlüsselspiel gegen den SV Werder Bremen

Zudem, sehr viel wichtiger, baute Hütter erneut auf eine Dreierkette mit Makoto Hasebe als deren Chef und David Abraham sowie Martin Hinteregger als knorrige Kettenhunde. Eine Erfolgsformel aus der Vergangenheit, die auch jetzt wieder aufging. Warum nur weigerte sich der Fußballlehrer so lange, zu dieser Variante zurückzukehren? Und überhaupt war es nicht nachvollziehbar, so häufig auf den klügsten Fußballer, Hasebe, verzichtet zu haben. Mit ihm bekommt das Spiel Struktur, er erkennt und erahnt einfach mehr als „normale“ Fußballprofis. Auch mit 36 noch.

Fußballerisch, darüber muss man nicht streiten, war die Vorstellung der Eintracht dünn, aber zurzeit geht es eben nur darum, den Worst case zu vermeiden, und da sind andere Eigenschaften gefragt. Ob man am Ende 15. oder Elfter wird, spielt nicht die allergrößte Rolle. Dennoch muss Hütter seine Mannschaft darin bestärken, mutig und offensiv zu sein. Viele Torschüsse, wie gegen Freiburg, werden auch mal wieder zu einem Sieg reichen. Vielleicht kehrt ja mit einer gewissen Beruhigung auch die Leichtigkeit zurück. Am Mittwoch in Bremen möchte sich die Eintracht aus dem gröbsten Schlamassel befreien. „Verlieren“, sagt Hütter daher, „ist verboten.“

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