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Hängt zurzeit so ein bisschen in der Luft: Eintracht-Stürmer Goncalo Paciencia.

Eintracht Frankfurt

Eintracht Frankfurt und die Probleme im Sturm

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Eintracht Frankfurt muss im Sturm improvisieren, weil Bas Dost und André Silva unpässlich sind.

Vielleicht taugt der elegante Fußballer Daichi Kamada ganz gut als Sinnbild für die momentane Verfassung der Frankfurter Eintracht. Der Japaner, 23 Jahre jung, ist sehr wohl eine prägende Gestalt im Eintracht-Ensemble, der schmale Techniker hat ein gutes Auge für seine Kollegen und die zu bespielenden Räume; es ist kein Zufall, dass er die letzten vier Frankfurter Treffer vorbereitet hat, drei davon nach einem ruhenden Ball, einen, das 1:2 am Sonntag durch Danny da Costa, durch einen klugen Pass in den Rückraum. In Mönchengladbach war der Spielgestalter im Grunde an jedem gefährlichen Angriff seiner Mannschaft beteiligt, er hatte im zweiten Abschnitt drei gute Gelegenheiten binnen dreier Minuten, zweimal sausten seine Kopfbälle knapp am Aluminium vorbei, einen Schuss setzte er zu hoch an. Da konnte man ihm keinen großen Vorwurf machen.

Seine vielleicht beste Möglichkeit ließ er aber nach nicht mal zehn Minuten aus, als er eine gut getimte Flanke von Filip Kostic nicht mehr mit den Kopf erwischte und stattdessen merkwürdig uninspiriert zu Boden sank – die Kugel flog einfach über ihn hinweg ins Aus. Die große Chance war perdu. Den Ball hätte er erwischen können, vielleicht sogar müssen, das wirkte fast wie ein kleiner Blackout.

Eintracht Frankfurt muss im Sturm improvisieren 

Das Dilemma, in dem Daichi Kamada steckt: Der Nationalspieler Nippons erzielt bei allen guten bis sehr guten Ansätzen einfach zu wenige Tore, im Pokalspiel beim 5:3 in Mannheim netzte er mal ein, aber das war zu einer Zeit, als es noch schön heiß war und Ante Rebic, derzeit in Mailand kreuzunglücklich und Stammgast auf der Ersatzbank, mit einem Dreierpack das frühe Aus abwendete. Gegen Borussia Dortmund machte Kamada immerhin so einen halben Treffer, als er das Eigentor zum späten 2:2-Ausgleich durch Thomas Delaney quasi erzwang. Da dachten viele, dass der Knoten vielleicht geplatzt wäre oder sich zumindest gelockert hätte. Doch offenkundig ist, dass da noch ein paar Entwirrungskniffs gefragt sind.

Kamada wird seit eineinhalb Pflichtspielen als zweite Spitze aufgeboten, an der Seite von Goncalo Paciencia versucht er, Torgefahr heraufzubeschwören. Das klappt durch seine Assists, doch Kamada selbst müsste mehr Tore machen, einfach gefährlicher werden. Dieser sogenannte Killerinstinkt und diese Vollstreckerqualität fehlen ihm, zumindest auf diesem Niveau. In Belgien hat er in der Vorsaison immerhin 16 Treffer für St. Truiden erzielt. Dessen ungeachtet ist klar, dass es der spielfreudige Asiat ist, der den Unterschied machen, Kreativität und Finesse ins Spiel bringen kann – auch auf ungewohnter Position ganz vorne.

Eintracht Frankfurt: Missliche Situation für Trainer Adi Hütter – Dost und Silva angeschlagen

Für Trainer Adi Hütter ist die jetzige Situation eine durchaus missliche, er muss improvisieren, denn durch den Ausfall von André Silva (Achillessehne) und Bas Dost (Adduktoren) ist seine Angriffsreihe, die stets in veränderter Zusammensetzung spielte und regelmäßig traf, gesprengt worden. Seit drei (Silva) beziehungsweise zwei Pflichtpartien (Dost) sind sie unpässlich, was zur Folge hat, dass die Eintracht seither mit Paciencia, in der Vorsaison noch Stürmer Nummer vier hinter dem Trio Infernale, und Kamada, eigentlich ein klassischer Regisseur im Mittelfeld, im Sturm antritt. Das ist alles andere als die Idealbesetzung, und es ist augenscheinlich, dass diese Konstellation gerade dem Portugiesen Paciencia nicht so behagt. Gegen Standard Lüttich und in Mönchengladbach wurde der bemühte, aber glücklose Mittelstürmer im FR-Klassenbuch prompt zweimal in der Kategorie „schwächelnd“ geführt. Kein Zufall.

Coach Hütter jammert nicht über die prominenten Verletzten, auch wenn er nicht sagen kann, ob sie morgen im DFB-Pokalspiel beim Zweitligisten FC St. Pauli (20.45 Uhr/live bei Sky) einsatzfähig sind. Sehr wahrscheinlich ist das nicht. „Man muss von Tag zu Tag schauen, wie es den Jungs geht“, sagte Hütter und klang wenig optimistisch: „Sie sind schon noch ein Stückchen weg.“ Die Lage ist verzwickt: Der Niederländer Dost hat ohnehin noch Trainingsrückstand und wird diesen durch seine Blessur nicht aufholen können. Ganz im Gegenteil. Und bei Silva weiß niemand genau, wie schwer die Achillessehne überhaupt in Mitleidenschaft gezogen ist. „Genaue Angaben zur Verletzung möchte ich nicht machen“, sagte der Coach erst unlängst. Schon im Sommer sollen Sehnenprobleme einen Silva-Wechsel vom AC Mailand nach Monaco verhindert haben. Mit der Achillessehne, so viel steht fest, ist nicht zu spaßen.

Eintracht Frankfurt: Bas Dost und André Silva gewährleisten die nötige Durchschlagskraft

Die medizinische Abteilung wird mit Hochdruck daran arbeiten müssen, die beiden Angreifer so schnell wie möglich wieder spielfähig zu machen, um die nötige Durchschlagskraft zu gewährleisten. Dass sie es können, wenn sie fit sind, zeigten die drei Stürmer bereits: Sie haben elf von 16 Eintracht-Toren geschossen. Um die Quote zu erhöhen, müssten sie aber im Strafraum und nicht in der Reha ihr Unwesen treiben.

In Abwesenheit der Top-Angriffsreihe sind die Frankfurter natürlich zwingend darauf angewiesen, dass die anderen Mannschaftsteile funktionieren. Es fällt schon auf, wenn etwa Dauerbrenner Sebastian Rode mal einen etwas schlechteren Tag erwischt oder die Flügelzange mit Danny da Costa und Filip Kostic eher lahmt. Beide Spieler waren am Niederrhein nicht gerade in Topform und wurden von Hütter öffentlich kritisiert. Filip Kostic etwa habe dem rechten Gladbacher Läufer Stefan Lainer zu viel Raum gelassen.

„Er war zu wenig an Lainer dran“, monierte der Fußballlehrer. Hütter kennt seinen österreichischen Landsmann noch als kleinen Bub, er stammt aus der Nähe seines Heimatorts. Der 27-Jährige habe eine „Pferdelunge“ und sei eine „Maschine“. Da dürfe man nicht nur Geleitschutz geben. Auch Danny da Costa nahm er in die Pflicht, das Abwehrverhalten bei den ersten beiden Gegentoren war grenzwertig. Beim ersten Treffer etwa ist da Costa dem von der Mittellinie los sprintenden Marcus Thuram viel zu langsam hinterher gelaufen. „Erst waren es zwei Meter Abstand, dann sechs“, krittelte Hütter. „Und Danny ist ja nicht langsam.“ Vielleicht auch eine Kopfgeschichte.

PODCAST: Die Analyse des Spiels gegen Gladbach im "Rasenfunk"

Die Eintracht wird sich steigern müssen, um die kommenden Aufgaben meistern zu können. Das Pokalspiel morgen in Hamburg ist von einiger Bedeutung, die Eintracht will, nach zwei Finalteilnahmen, einem Pokalsieg und dem letztjährigen Aus in Runde eins, unbedingt im Pokal überwintern. In der hitzigen Atmosphäre am Millerntor wird sie aber eine konzentrierte Leistung mit einer tadellosen Einstellung abrufen müssen.

St. Pauli ist zwar nach einem Punkt und einem Tor aus den vergangenen drei Spielen in eine Schaffenskrise geschliddert, und Trainer Jos Luhukay ging auf seine Mannen mit einer ordentlichen Brandrede los („Uns fehlt Siegermentalität und Siegeswillen“), doch gegen einen Europa-League-Teilnehmer wird die Motivation entsprechend hoch sein, nicht nur, aber auch, weil die Chance zur Wiedergutmachung groß ist. Die Eintracht wird hellwach sein müssen. Denn am Samstag wartet schon die nächste hohe Hürde, dann kommt Bayern München nach Frankfurt. Es wird nicht einfacher - vor allem ohne etatmäßigen Sturm.

Können Silva und Dost am Mittwoch gegen St. Pauli im Pokalspiel auflaufen? Verfolgen Sie die Pressekonferenz mit Adi Hütter in unserem Live-Ticker. 

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