Wehrhaft: Filip Kostic beschützt den Ball gegen die Bremer Theodor Gebre Selassie (Mitte) und Maximilian Eggestein (rechts).
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Wehrhaft: Filip Kostic beschützt den Ball gegen die Bremer Theodor Gebre Selassie (Mitte) und Maximilian Eggestein (rechts).

Eintracht siegt in Bremen

Doppelter Brustlöser für Eintracht Frankfurt

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
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In der Krise hat Frankfurts Trainer Adi Hütter sich ans alte System und altverdiente Spieler erinnert: Lohn ist nach dem reifen Auftritt in Bremen der gefühlte Frankfurter Klassenerhalt.

Es ist ein ziemlich seltsames Schauspiel, das da im Nachgang eines Bundesligaspiels im Notbetrieb zur Aufführung kommt. Kaum war die erfolgreiche Nachholpartie von Eintracht Frankfurt bei Werder Bremen (3:0) abgepfiffen, legte sich eine gespenstische Stille über den verwaisten Spielort am Flussufer. Wie ein herannahender Nebelschleier in einer kalten Novembernacht. „Tschüss“ stand als virtuelle Abschiedsbotschaft an nicht vorhandene Zuschauer auf den Videowänden des Weserstadions, als Adi Hütter auf dem Rasen schnell einige Gratulationen im vertrauten Kreis anbrachte. Mehr Freude ging nicht. Mitgereiste Fans, vor denen die Mannschaft ansonsten in die Westkurve zum Feiern gegangen wäre, waren ja auch keine da.

Also spazierte Hütter in seinem eleganten Mantel Richtung Kabine. Später kam er wieder heraus, redete mit viel Sicherheitsabstand vor den Mikrofonen der Fernsehsender, dann setzte sich der Frankfurter Fußballlehrer auf einen grünen Sitzhocker vor eine halbrunde Werbewand, zehn noch auf ihren Plätzen verharrende Journalisten waren per Zoom-App zugeschaltet, um Fragen zu stellen. „Ich finde, dass wir in der zweiten Halbzeit eine sehr abgeklärte Leistung gezeigt haben und hier absolut als verdienter Sieger vom Platz gehen“, stellte Hütter gleich mal fest.

Nur gut, dass der Kollege Florian Kohfeldt später dran war, der ja behauptete, dass Frankfurt „auf keinen Fall drei Tore besser war“. Womöglich hätte sich die beiden auf einer gemeinsamen Pressekonferenz gleich das nächste Verbalgefecht geliefert. Am Spielfeldrand hatte sich ja fortwährend die Anspannung entladen, gerade die Werder-Bank, speziell Torwarttrainer Christian Vander und Co-Trainer Tim Borowski, verhielten sich nach Hütters Dafürhalten nicht korrekt. „Die Grenze wird dann überschritten, wenn die so aufmüpfig sind, dann habe ich kein Verständnis dafür. Irgendwann war es zu viel der Scharmützel.“ Aber als Sieger konnte er doch locker drüber hinwegsehen.

Lieber erklärte der 50-Jährige, wie er es geschafft habe, die ziemlich zerfahrene Partie noch auf seine Seite zu ziehen. „Ein paar Sachen“ habe er zur Pause korrigiert, dann habe man „sehr geduldig und sehr abgeklärt“ gespielt. In allen relevanten Statistiken – Torschüssen, Laufleistung, Ballbesitz, Zweikämpfen, Ecken – lagen die Teams fast gleichauf, aber unter dem Strich gewann nicht nur die reifere, robustere, sondern auch taktisch bessere Mannschaft.

Ein kritischer Geist wie Kevin Trapp wollte sich nach der Mini-Serie in der Corona-Krise keine Scheuklappen anlegen. Der mausgrau gekleidete Keeper mit der Kurzhaarfrisur fand es erste Halbzeit nämlich „teilweise grausam, weil wir nicht das gemacht haben, was wir können.“

Der 29-Jährige: „Wir sind nur getrabt, wir sind nicht gelaufen, kamen nicht aggressiv in die Zweikämpfe, waren immer zu spät, haben den Bremern den Raum gelassen, den wir eigentlich zumachen wollten.“ Insofern kam die Steigerung aus seiner Sicht fast zwangsläufig zustande.

Zudem beschäftigt die Eintracht mit Filip Kostic und André Silva zwei Individualisten, die mit einer Klasseaktion alles verändern – ihre Koproduktion zum 1:0 war der Brustlöser nach einer Stunde. „In der Pause haben wir uns zusammengerauft und waren in der zweiten Hälfte die bessere und giftigere Mannschaft“, sagte Mittelfeldarbeiter Dominik Kohr, der beobachtet hat, dass das eigene Tor „wieder mit allen Mann verteidigt wird“.

Schon auf dem nächtlichen Rückflug im Learjet nach Mannheim legte sich die Gewissheit: Zehn Punkte Vorsprung auf den Vorletzten wird diese Mannschaft nicht mehr verspielen. Kaum jemand im Umfeld zweifelt mehr am Klassenerhalt. Im Heimspiel gegen den FSV Mainz 05 (Samstag 15.30 Uhr) kann das Abstiegsgespenst endgültig aus dem Frankfurter Stadtwald vertrieben werden. Makoto Hasebe hat sogar mutig angekündigt, dann nach oben schauen zu wollen. Verboten ist es gewiss nicht. Zwei Auswärtssiege im Norden – Wolfsburg und Bremen – haben eben das Selbstvertrauen gesteigert und die Stimmungslage aufgehellt, auch wenn Hütter naturgemäß die Bremse trat: „Sieben Punkte in drei Spielen waren ungeheuer wichtig, aber wir sind erst durch, wenn es rechnerisch perfekt ist.“

Der Österreicher musste solche Sätze sagen, aber er weiß natürlich, dass seine Spieler in dieser stabilen Verfassung nicht mehr von den Kellerkindern einzufangen sind. Es war der entscheidende Schachzug, sich vor dem Heimspiel gegen den SC Freiburg (3:3) an die Taktik zu erinnern, die bis weit in die Hinrunde zu vielen ansehnlichen Auftritten führte: mit der Systemumstellung auf Dreierkette und einem spielintelligenten Mittelmann Hasebe, der intuitiv weiß, wann er auf- oder einrücken muss. Noch immer kann der 36-Jährige das Herz und Hirn des Teams geben. Der unverwüstliche Japaner hielt im Verbund mit den kampfstarken Haudegen Martin Hinteregger und David Abraham – der Glück hatte, dass sein per Videobeweis überprüftes Handspiel wegen einer hauchzarten Abseitsstellung ohne Folgen blieb – das Zentrum dicht und steuerte das Aufbauspiel.

„Unser Weg stimmt auf alle Fälle. Nach dem Restart haben wir uns mittlerweile stabilisiert, sind wieder gut in Schuss, überzeugen läuferisch und kämpferisch und sind unangenehm zu bespielen“, sagte Hütter. Dass sein Landsmann Stefan Ilsanker seine ersten beiden Bundesliga-Treffer zum 2:0 und 3:0 beisteuerte, machte den Abend aus Hütters Sicht perfekt.

Die Trainerwünsche bei Transfers haben in den Gremien nicht alle im Nachhinein gut gefunden, nun hat einer seiner Musterschüler und Lieblingsspieler gezeigt, dass er nicht nur zielsichere Grätschen, sondern auch wichtige Tore erzielen kann, die Frankfurt tabellarisch wie atmosphärisch weit nach vorne gebracht haben. Ein weiteres Erfolgserlebnis gegen Mainz könnte sogar Rückenwind für das DFB-Pokalhalbfinale beim FC Bayern am nächsten Mittwoch geben.

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