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Eiszeit: Jos Luhukay (rechts) klatscht Ryo Miyaichi ab nach dem 0:1 in Heidenheim.

DFB-Pokal

Eintracht-Gegner St. Pauli: Dicke Luft auf dem Kiez

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St.-Pauli-Trainer Jos Luhukay zerlegt vor dem Pokalspiel gegen Eintracht Frankfurt seinen eigenen Klub – nicht zum ersten Mal.

Nach der wenig erquicklichen 0:1-Niederlage beim nicht gerade überlebensgroßen 1. FC Heidenheim platzte dem öffentlich so besonnen wirkenden Jos Luhukay der Kragen. Nicht zum ersten Mal. Der 56 Jahre alte Trainer des Zweitligisten FC St. Pauli hob zu einer Generalabrechnung an und nagelte seine Mannschaft schonungslos an die Wand. Und das klang so: „Ich schäme mich.“ Oder: „Es ist zu schnell Zufriedenheit da, und mit Zufriedenheit kommt kein Erfolg.“ Und: „Das Problem ist schon viele Jahre da, das ist kein Zufall mehr.“ Auch das noch: „Es fehlt die Siegermentalität.“ Hört, hört.

Wer nun denkt, mit dem Niederländer seien halt einfach mal die Gäule durchgegangen, kann ja mal passieren, nein, der irrt. In einer denkwürdigen Pressekonferenz hatte er seinem Team und dem ganzen Verein schon einen Tag vor dem Saisonauftakt ein miserables Zeugnis ausgestellt. „Bei St. Pauli gibt es zu viel Bequemlichkeit, zu viel Komfortzone, alle sind zu nett zueinander“, lederte er. „Das gilt für alle Bereiche in diesem Verein. Das sollte man in den Müll werfen. Dieser Klub benötigt eine Mentalitätsveränderung, eine höhere Intensität – im Scouting, im Nachwuchs, überall.“

St.Pauli will sich gegen die SGE Rückenwind für die Liga holen

Die Aufstiegsträumerei sollte man schnell beenden. „Es ist für St. Pauli unmöglich, unter die ersten vier zu stoßen in dieser Saison. Alles über Platz neun wäre ein großer Erfolg.“ Bemerkenswerte, aufrüttelnde Sätze, wie gesagt: Ehe die Spielzeit überhaupt angepfiffen wurde. Luhukay hatte aber gewiss nicht Unrecht. Nach einem Zwischenhoch und dem aktuellen Tief im Norden rangieren die Hanseaten auf Platz zwölf der Tabelle, haben aus den zurückliegenden drei Partien einen Punkt geholt und ein Tor geschossen. Sie haben genau vier Zähler mehr gesammelt als Wehen Wiesbaden auf dem letzten Tabellenplatz.

Diese laxe Haltung ist schon häufiger angemahnt worden. Auch in der vergangenen Saison, als der mögliche Aufstieg noch leichtfertig verspielt wurde, klagten einige Spieler intern, dass zu viele Profis viel zu phlegmatisch, gemütlich und zu schnell zufrieden seien. Das steht im krassen Widerspruch zu den heißblütigen Fans auf dem Kiez, die ihre Mannschaft in erster Linie malochen und rennen sehen wollen. Und es passt auch nicht zu den Ansprüchen des Vereins, der in absehbarer Zeit wieder in der Beletage der Balltreterei beheimatet sein will. Der Aufstieg wird in dieser Spielzeit indes eher nur eine Illusion bleiben. 

Ein Highlight ist aber gewiss das heutige Pokalspiel gegen Eintracht Frankfurt (20.45 Uhr), da kann man vieles wieder geradebiegen und einen Versöhnungskurs einschlagen, sich Rückenwind für die Liga holen. Auf die Eintracht wird ganz sicher eine heißblütige Pauli-Mannschaft warten, die alles in die Waagschale werfen wird. „Wenn das Flutlicht am Millerntor angeht, ist es jedes Mal etwas Besonderes“, sagt Mittelfeldspieler Johannes Flum. „Es kommt darauf an, was wir aus der Atmosphäre machen.“

Fußballgott Alex Meier richtet mahnende Worte an Eintracht Frankfurt

Der frühere Eintracht-Spieler steht bei Luhukay nicht sehr hoch im Kurs, wurde zeitweise gar zur zweiten Mannschaft verbannt und hat bei den Profis nur bei der 0:1-Heimniederlage gegen Darmstadt für 18 Minuten spielen dürfen, in der folgenden Begegnung in Heidenheim wurde er schon wieder aus dem Kader gestrichen. In der Stadt fühlt sich der Familienvater dennoch pudelwohl.

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Und auch ein anderer Fußballer, der beide Klubs kennt, richtet mahnende Worte an die Eintracht. Alex Meier, der Frankfurter Fußballgott, der zurzeit im australischen Sydney erfolgreich ist und die Zeit Down Under in vollen Zügen genießt, warnt davor, die Paulianer auf die leichte Schulter zu nehmen. „Wenn die Eintracht mit der nötigen Ernsthaftigkeit antritt, müsste sie das Spiel gewinnen.“ Doch wenn nicht, könnte das Ganze auch in einer Pokalsensation enden. „Am Millerntor“, sagt der 36-Jährige, der in der letzten Rückserie für St. Pauli anfangs sehr erfolgreich spielte, „ist vieles möglich.“

Von Ingo Durstewitz

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