Zurzeit unersetzlich: Eintracht-Kreativkopf Daichi Kamada fehlt am Samstag in Köln.
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Zurzeit unersetzlich: Eintracht-Kreativkopf Daichi Kamada fehlt am Samstag in Köln.

SGE

Eintracht Frankfurt ist ein bisschen spät erwacht

  • Ingo Durstewitz
    vonIngo Durstewitz
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Eintracht Frankfurt kommt erst jetzt im Saisonendspurt ins Rollen und hat nur ein Fünkchen Hoffnung, sich erneut fürs internationale Geschäft zu qualifizieren.

  • Eintracht Frankfurt dominiert den FC Schalke 04 über 60 Minuten – dann geriet die SGE ins Schwimmen
  • Inkonstanz in der Saison wird wohl erneute Qualifikation für internationalen Wettbewerb verhindern
  • Führung sollte noch zwei Akteure holen, die Eintracht Frankfurt fußballerisch auf ein anderes Level heben

Frankfurt - Der Frankfurter Fußballsachverständige Adi Hütter ist zweifelsfrei ein Typ der Marke „Glas-halb-voll“, der 50 Jahre alte Österreicher wählt eher den bestärkenden, optimistischen Ansatz. „Für den Menschen ist wichtig, dass er positive Signale erhält“, sagt er. So gehe er auch mit seinen Spielern in der Analyse um. „Das Verhältnis ist zwei Drittel Lob, ein Drittel Kritik. Ich denke, so funktioniert ein Mensch.“

Adi Hütter ärgert sich über Punkte, die Eintracht Frankfurt liegengelassen hat

Insofern hat es den Eintracht-Coach dann doch ein wenig gewurmt, dass nach dem hochverdienten, aber knappen 2:1-Erfolg gegen den insgesamt erschreckend schwachen FC Schalke 04 die Fragen eher auf die letzten 30 Minuten der Partie zielten, in denen sein Team ein bisschen ins Schwimmen geriet, und nicht auf die erste Stunde, in der Eintracht Frankfurt ihren Kontrahenten nach Belieben dominierte. „Natürlich kann man jetzt wieder das Negative sehen“, hob Adi Hütter an und räumte ein, dass die letzte halbe Stunde „relativ schlecht“ gewesen sei. „Aber ich würde gerne über die ersten 60 Minuten sprechen.“ Da habe seine Mannschaft wie aus einem Guss gespielt, „unglaublich toll den Ball laufen lassen“, immer wieder „sehr gute Lösungen“ parat gehabt und „den Gegner kaum über die Mittellinie“ kommen lassen. „Das hat Spaß gemacht, zuzusehen.“ Und überhaupt: Der Trend sei erfreulich. „Ich bringe Fakten“, bekundet der Trainer und bringt sie umgehend: „13 Punkte aus den letzten sechs Spielen.“ Vermutlich ist die Eintracht aber ein bisschen zu spät aufgewacht.

Und so ärgert sich der Vorarlberger ein klein wenig über die Punkte, die Eintracht Frankfurt liegengelassen hat, auch über die zwischenzeitlichen Schwächephasen und die vielen Gegentore. Wer weiß, wo die Eintracht sonst stehen würde. Klar könne man darüber sinnieren, wirft er ein, aber die Tabelle lässt sich ja nur schwerlich der Unwahrheit überführen, deshalb sei die aktuelle Platzierung in Ordnung und gerechtfertigt.

Eintracht Frankfurt ist topfit – und an den hohen Rhythmus gewöhnt

Vielmehr sei es nun an der Zeit, „eine Lanze für die Mannschaft“ zu brechen, er sei „stolz“ auf das Geleistete und die Art und Weise, wie sie sich insgesamt präsentiert habe. Gerade, weil sie wieder einen Höllenritt mit vielen Begegnungen und Reisen hinter sich gebracht hat. Die Partie gegen den FC Schalke war die 52. in dieser Saison, das sind 16 mehr als der Kontrahent vom Mittwoch in den Knochen hat, binnen zwei Jahren wird sein Team auf stolze 104 Spiele kommen – nur der FC Chelsea und Manchester City mussten etwas häufiger ran.

Topfit ist Eintracht Frankfurt allemal und auch an den hohen Rhythmus gewöhnt, was im Schlussspurt nach der Corona-Pause mit den vielen Englischen Wochen gewiss ein Vorteil gegenüber anderen Teams darstellte. Die Eintracht kann immer zulegen, in der Rückrunde hat sie 23 ihrer 28 Tore nach dem Wechsel erzielt, auch die wenigen Verletzten sprechen für eine durchdachte Trainingssteuerung und bestens geschulte Athletiktrainer.

Inkonstanz wird wohl erneute Qualifikation für internationalen Wettbewerb bei Eintracht Frankfurt verhindern

Und auch die Anzahl der geschossenen Tore stimmen den Fußballlehrer zufrieden: 55 Treffer hat Eintracht Frankfurt bisher erzielt, das sind nur vier weniger als zum vergleichbaren Zeitpunkt der Vorsaison, als ja noch die drei Büffel da vorne auf Jagd gingen. „Das ist positiv zu bewerten.“ 15 Kopfballtore sind zudem Ligabestwert, allein in den vergangenen sieben Partien schlug die Eintracht siebenmal nach einem ruhenden Ball zu. Filip Kostic tut sich dabei besonders hervor, er ist der Topscorer, war an 30 Treffern direkt beteiligt (zwölf Tore, 18 Vorlagen), vom vorletzten Pass ganz zu schweigen. Eine Klasse für sich. Allerdings: Die 57 geschluckten Buden sind deutlich mehr als vor Jahresfrist: Damals schlug es 41-mal bei Kevin Trapp ein, jetzt schon 57-mal. „Das ist zu viel.“

Diese Schwäche und die generelle Inkonstanz wird es am Ende wohl verhindern, dass sich Eintracht Frankfurt erneut für eineninternationalen Wettbewerb qualifizieren wird. Ein Fünkchen Hoffnung ist vorhanden, doch selbst Mittelfeldspieler Sebastian Rode räumt ein, dass „nicht viel dafür spricht“. Der VfL Wolfsburg liegt mit 46 Punkten (plus drei Tore) auf Rang sechs, die TSG Hoffenheim punktgleich (minus acht Tore) dahinter, und auch der SC Freiburg auf Rang acht (45 Zähler, minus ein Tor) rangiert vier Punkte vor der Eintracht. Bei zwei ausstehenden Partien ist die Wahrscheinlichkeit gering, mindestens zwei dieser drei Teams abzufangen. „So lange ein Tor offen ist, versuchen wir reinzustoßen“, sagt Hütter. „Aber wir sind von anderen abhängig.“ Immerhin: Die Eintracht hat das leichteste Restprogramm, muss zu den kriselnden Kölnern (acht Spiele ohne Sieg, vier Niederlagen in den letzten fünf Partien) und erwartet den Absteiger SC Paderborn.

Eintracht Frankfurt: Trainer Adi Hütter lag mit seinen Personalentscheidungen nicht immer richtig

Einen Platz in der Spitzengruppe hat Eintracht Frankfurt nicht jetzt verspielt, sondern hat sich schlicht und einfach zu viele Schwächephasen erlaubt, in denen die Mannschaft nicht mehr so gefestigt war und auch Coach Hütter mit seinen Personalentscheidungen nicht immer richtig lag. Das kann passieren, wichtig ist, die richtigen Schlüsse zu ziehen. Etwa zu erkennen, dass die Mannschaft immer nur dann stark ist, wenn sie gut organisiert und widerborstig ist, sich aber nicht nur darauf beschränkt, zu verteidigen. Das liegt ihr nicht: Je passiver sie ist, desto anfälliger.

Und die Sportliche Führung sollte noch zwei Akteure holen, die das Team fußballerisch auf ein anderes Level hieven können. Solche wie Daichi Kamada, dessen Vertrag in einem Jahr ausläuft. Der Vorstand sollte alles daran setzen, mit dem dribbelstarken Japaner eine längerfristige Zusammenarbeit einzugehen. Die Offensivkraft wird Eintracht Frankfurt am Samstag in Köln fehlen, weil er gegen Schalke seine fünfte Gelbe Karte sah. Das ist ein herber Verlust, den die Frankfurter kaum auffangen können.

Als Alternative käme Mijat Gacinovic in Betracht, der aber am Mittwoch nach seiner Einwechslung mal wieder neben den Schuhen stand und quasi jeden Ball zum Gegner spielte. Der 25-Jährige, obzwar fleißig und laufstark, ist in seiner fußballerischen Entwicklung generell stehen geblieben. Da sind andere an ihm vorbeigezogen.

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