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Bleibt er doch über den Sommer hinaus in Frankfurt? Filip Kostic

SGE

Eintracht und die Corona-Krise: Dynamischer Stillstand

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Der Transfersommer wird nicht so sein, wie er zuvor einmal war - das hat völlig ungewisse Folgen für Eintracht Frankfurt, Filip Kostic und sowieso den ganzen Profifußball

Nach dem letztlich ungefährdeten Erfolg gegen den SV Werder Bremen und dem damit verbundenen Einzug ins Halbfinale des DFB-Pokals herrschte dennoch eine latente Katerstimmung im Lager der Frankfurter Eintracht. Filip Kostic, man erinnert sich dunkel, war vom Platz geflogen wegen eines rüden Tritts in die Wade des Kontrahenten Ömer Toprak, er würde darob natürlich gesperrt werden und länger fehlen, weshalb die FR keine guten Zeiten auf die Hessen zukommen sah und von einem Pyrrhussieg schrieb. Denn: „Ohne Filip Kostic ist die Eintracht ihrer wirksamsten Waffe beraubt, ohne Filip Kostic geht im Grunde kaum noch Gefahr aus, ohne Filip Kostic ist diese Mannschaft mindestens um die Hälfte schwächer.“ Und: „Jeder Spieler in dieser Frankfurter Mannschaft mag zu ersetzen sein, Filip Kostic ist es nicht.“ Guter Mann offenbar, dieser Filip Kostic.

Damals wusste niemand, wer der Gegner im Halbfinale sein würde, die Bayern auswärts (ach herrje), und natürlich ahnte kaum jemand, dass selbst das nur ein paar Tage später keinen Menschen mehr wirklich interessieren würde, weil die Partie sehr wahrscheinlich niemals stattfinden wird und selbst wenn, dann unter merkwürdigen Umständen, und weil sowieso nichts mehr ist, wie es einmal war.

Diese Episode liegt, man glaubt es kaum und das ist das eigentlich Unvorstellbare, erst zweieinhalb Wochen zurück.

Fußball, Pokal, Sieg, Halbfinale, Kostic – das fühlt sich in diesen Tagen nicht an, als sei es Anfang März 2020 gewesen, vielleicht Anfang März 2018 oder so, die Relevanz ist dahin. So schnell ist der Sport vom Leben wohl noch nie überrollt und aus dem Bewusstsein gespült worden.

Und was macht Filip Kostic, dieser Teufelskerl? Er jongliert mit Klopapier, daheim in seiner Wohnung. Raus darf er ja nicht mehr in Zeiten des Virus.

Vor einigen Tagen noch, nicht mal Wochen, wurde eifrig darüber spekuliert, wo es den furiosen Serben im Sommer hinziehen würde, 45 Millionen Euro würde er der Eintracht bringen, unter 40 Millionen würde der Verein dankend abwinken. Kostic war das beste Pferd im Stall, und er bleibt es. Doch die Situation hat sich massiv verändert.

Keiner weiß mehr, wann, in welcher Form und ob weitergespielt wird. Das hat logischerweise Auswirkungen auf den Sommer, in dem die Spieler wechseln, in dem ganz viele Millionen in den immer schneller werdenden Kreislauf hineingepumpt werden. Das war zumindest immer so. Wird dieses Mal jedoch gewiss anders sein. Wie genau? Auch das weiß niemand. Bringt, um bei Filip Kostic zu bleiben, der 27-Jährige nur noch 20 Millionen oder 15, will ihn überhaupt noch jemand, weil auch die Topklubs ganz schön bluten müssen in dieser verrückten Zeit. Und: Warum sollte ihn die Eintracht für eine vergleichsweise läppische Summe überhaupt verkaufen? Oder ist der Linksaußen sogar ganz froh, noch einen Vertrag bei der Eintracht zu besitzen? In Frankfurt hat er sich unweit des Stadions ein Eigenheim gekauft, hier fühlt er sich wohl und sicher, so sicher wie man sich inmitten der Corona-Krise eben fühlen kann. Aber dieser Wohlfühlaspekt ist in Zeiten der kollektiven Ungewissheit ein nicht zu unterschätzender Faktor. Die Chancen, dass der Powermann auch in Zukunft in Frankfurt sein Unwesen auf links treiben wird, sind, so bizarr es sich anhören mag, ganz sicher nicht gesunken. Im Gegenteil.

Ehrlicherweise muss man sagen, dass niemand einschätzen kann, was in ein paar Monaten sein wird. Der Profifußball hat ein verständliches Interesse, die Saison irgendwie zu beenden, realistisch erscheint das kaum mehr.

Und wie wird sich die geballte Mixtur aus Angst, Stillstand, Isolation und Millionenverlusten auf das Gebahren auf dem Spielermarkt auswirken? „Keiner weiß, wie so ein Transfersommer aussehen wird“, räumt Eintracht-Sportvorstand Fredi Bobic ein. Man müsse irgendwie sehen, „dass wir wieder zum Kicken kommen, wenn wir nicht zum Fußballspielen zurückkommen, brauchen wir über einen Transfersommer gar nicht reden.“

Nahezu absurd muten daher Meldungen aus England an, wonach Verteidiger Evan Ndicka auf der Liste des FC Arsenal und, natürlich, des FC Liverpool stünde. Auch der FC Sevilla, der FC Valencia, AC und Inter Mailand seien interessiert – wahrscheinlich auch noch Barcelona, Real, die Bayern, Manchester City und eine bisher geheime Weltauswahl. Der Marktwert des Franzosen: 25 Millionen Euro. Was auch immer das jetzt noch zu bedeuten hat.

Interessant wird auch sein, ob so manche Eintracht-Ära für verdiente Spieler endet. Kapitän David Abraham hat Heimweh und liebäugelt mit eine Rückkehr nach Argentinien. Die Verträge der Routiniers Marco Russ, Gelson Fernandes und Makoto Hasebe laufen aus. Vielleicht werden sie ihre Karriere beenden, ohne noch mal richtig für ihren Klub gespielt zu haben.

Der langzeitverletzte Russ, 34, stand in dieser Saison nur einmal auf dem Feld, in der Europa-League-Quali gegen den FC Vaduz; der ebenfalls unpässliche Fernandes, 33, kurz vor Weihnachten beim 1:2 in Paderborn und Hasebe, 36, bei der 0:3-Heimniederlage im Geisterspiel gegen den FC Basel – vor zwölf Tagen. Auch dieses Duell wirkt in der Rückschau wie eine Begegnung aus einer anderen Welt.

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