Sind sich gerade nicht grün: Eintracht-Boss Axel Hellmann (links) und Oliver Mintzlaff, Manager von RB Leipzig.
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Sind sich gerade nicht grün: Eintracht-Boss Axel Hellmann (links) und Oliver Mintzlaff, Manager von RB Leipzig.

SGE

Freier Fall, weiche Landung: Corona und die Folgen

  • Ingo Durstewitz
    vonIngo Durstewitz
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RB Leipzigs Manager Oliver Mintzlaff ätzt öffentlich gegen Eintracht-Boss Axel Hellmann. Klar ist: Corona trifft Bundesliga-Mittelständler wie Eintracht Frankfurt härter als die Groß- und Werksklubs.

  • Eintracht Frankfurt trifft die Corona-Krise h��rter als andere Bundesliga-Klubs
  • Eintracht Frankfurt kündigt „Vollbremsung" auf allen Feldern an
  • Verpflichtung im großen Stil bei der SGE nicht geplant

Frankfurt - Der Leipziger Geschäftsführer Oliver Mintzlaff ist ein zäher Bursche. Muss man sein als ehemaliger Langstreckenläufer von internationalem Format, da muss man ausdauernd, zielstrebig, knorrig und eisenhart sein, auch gegen sich selbst. Eigenschaften, die im verdrehten und rücksichtslosen Fußballgeschäft von einiger Bedeutung sein können.

RB-Leipzig-Chef Mintzlaff ist zudem selbstbewusst und mitunter impulsiv, Angriffe gegen sich oder seinen Klub lässt er selten ins Leere laufen. Und so setzte er nun zur Gegenattacke auf den Frankfurter Vorstand Axel Hellmann an, der unlängst erklärt hatte, dass das RB-Geschäftsmodell „hochdefizitär und der sportliche Erfolg auf Pump errichtet“ sei.

Oliver Mintzlaff von RB Leipzig kontert Axel Hellmann von Eintracht Frankfurt

Mintzlaffs Konter: „Entgegen dieser tendenziösen Aussagen sind wir überhaupt nicht defizitär. Wir haben jedes Jahr einen Gewinn erwirtschaftet und hatten auch schon vorher ein positives Eigenkapital“, sagte der 44-Jährige im „Kicker“. „Herr Hellmann kann die Sommerpause ja nutzen, um sich im Frankfurter Bankenviertel die Zusammenhänge erklären zu lassen und seine Expertise aufzufrischen.“ Das wird Herr Hellmann erst mal nicht tun, er weilt derzeit im Urlaub und mochte die Replik aus Sachsen nicht weiter kommentieren.

Hintergrund des Streits ist der Schuldenerlass von 100 Millionen Euro des Leipziger Geldgebers Red Bull für das Geschäftsjahr 2018/2019, eine üppige Finanzspritze, schließlich wurde quasi Fremd- in Eigenkapital umgewandelt. Eine Praktik, die rechtlich nicht zu beanstanden ist, aber natürlich ein Geschmäckle hat.

Eintracht Frankfurt wird die Corona-Krise härter treffen als andere Vereine

Hellmann hatte sich vor drei Wochen so offensiv wie kein anderer Funktionär dazu geäußert, überraschend kam das sowieso, da öffentliche Kritik selbst zu diffusen und beinahe schon anrüchigen Geschäftspraktiken in der Branche eher selten geäußert wird. „Die gerne erzählte Geschichte, es handele sich bei den Zuwendungen des RB-Konzerns um eine Investition in ein sich tragendes Geschäftsmodell darf – Stand jetzt – als Gute-Nacht-Geschichte bezeichnet werden“, monierte der 48-Jährige also. „Ziel ist es offensichtlich, für die Zukunft Platz zu schaffen für weiteres Fremdkapital, um die eigene sportliche Wettbewerbsposition national und international auszubauen.“ Kann man so sehen.

Klar ist, und das zeigt die verworrene Corona-Situation noch einmal überdeutlich, dass alimentierte oder gewachsene Vereine die Krise besser werden bewältigen können als andere. „Die Schere wird so noch weiter auseinandergehen“, befürchtet Eintracht-Sportvorstand Fredi Bobic. „Die potenten Vereine fallen auch, aber sie fallen weicher. Wir Klubs des Mittelstands haben es schwerer.“ Die vor Corona boomende Eintracht wähnt sich gegenüber den Groß- und Werksklubs klar im Nachteil.

Bayer AG, VW, Red Bull oder Weghorst: Die zahlungskräftigen Mäzene der Bundesliga-Clubs

Ein Blick auf das Abschlussklassement der abgelaufenen Saison verdeutlicht, dass die Finanzkraft der Bundesligisten oft genug mit dem sportlichen Abschneiden korrespondiert (außer man versenkt sich, wie Schalke 04, selbst). Keine Überraschung ist, dass vier Vereine der ersten Sieben von externen Unternehmen oder Mäzenen gepampert werden. Ganz vorne indes liegen zwei Großkaliber, der Riese FC Bayern München und die nicht viel kleinere Borussia aus Dortmund. Beide sind der Konkurrenz enteilt, am ehesten wird dem Brauseklub Leipzig zugetraut, in diese Phalanx einzubrechen.

RB wurde, klaro, Dritter. Leverkusen mit der Bayer AG im Rücken lief auf Platz fünf ein, Hoffenheim mit Dietmar Hopp auf sechs, der VfL Wolfsburg auf sieben. Die Wolfsburger fuhren übrigens satte 45 Millionen Euro Miese ein, mal eben ausgeglichen von Mutterkonzern VW. Der nächste Klub begibt sich mit fremder Hilfe langsam auf die Überholspur, in der Hauptstadt pumpt Investor Lars Windhorst jetzt noch einmal 150 Millionen in Hertha BSC.

Eintracht Frankfurt kündigt „Vollbremsung" auf allen Feldern an

Der einzige Verein, der aus diesem Muster fällt, ist Mönchengladbacher Borussia, die vor fast zehn Jahren erst in der Relegation gegen den VfL Bochum die Klasse hielt und seitdem mit herausragender Personalpolitik und kluger Strategie in die Spitzengruppe vorstieß. Das war 2011, damals stieg Eintracht Frankfurt nach einer desaströsen Rückrunde ab.

Seit dem Wiederaufstieg ein Jahr später und der Rettung 2016 wächst auch Eintracht Frankfurt in bemerkenswertem Tempo, doch erst in der vergangenen Woche musste der Traditionsverein vom Main eine „Vollbremsung“ (Bobic) auf allen Feldern ankündigen und die Umsatzerwartung für die kommende Spielzeit auf 140 Millionen Euro herunterschrauben – das ist die Hälfte dessen, was Eintracht Frankfurt in dieser Saison bewegt hat und noch einmal weniger als die 300-Millionen-Marke, die die Hessen locker gerissen hätten, wenn nicht das ganze Land im März in einen kollektiven Lockdown geschickt worden wäre.

Das kommende Geschäftsjahr wird voller harter Einschnitte für Eintracht Frankfurt

Das kommende Geschäftsjahr wird eines voller harter Einschnitte, Risiken und Unwägbarkeiten. Pro Heimspiel ohne Zuschauer gehen dem Klub rund zwei Millionen Euro flöten, wann und in welcher Form das TV-Geld fließen wird, ist ebenfalls noch unklar. Die Verantwortlichen werden gegensteuern, indem sie Investitionen und Projekte stoppen werden, gerade internationale, was dem in die weite Welt strebenden Klub wehtut.

Zudem sollen die Lizenzspieler, das Trainerteam und die Sportliche Führung auch zukünftig auf ein Teil ihres Gehalts verzichten. Das sieht der Vorstand in schweren Zeiten wie diesen, da die Einnahmen brutal einbrechen, als selbstverständlich an.

Kader von Eintracht Frankfurt für normale Bundesligasaison zu groß

Sportchef Bobic glaubt mit einem Blick auf den Spielermarkt, dass viele Profis und ihre Berater noch gar nicht realisiert hätten, was auf sie zukommen werde und dass sie in Zukunft ihre Dienste für weniger Geld anbieten müssten. Glücklich kann sich der schätzen, der durch einen langfristigen Vertrag geschützt wird.

Eintracht Frankfurt hat das Problem, dass der Kader für eine normale Bundesligasaison zu groß ist, weshalb er „bereinigt“ werden solle, wie Bobic bekundete. Das wird nicht so leicht, es muss ja erst ein Markt da sein und es muss Interessenten geben, die die wirtschaftlichen Voraussetzungen erfüllen. Vieles könnte da über Leih- oder Tauschgeschäfte abgewickelt werden oder auch über Kompensationen, etwa eine anteilige Gehaltsübernahme.

Verpflichtung im großen Stil bei Eintracht Frankfurt nicht geplant

Eintracht Frankfurt würde ihr Aufgebot dennoch gerne mit frischen Kräften aufpeppen, was aber nur gelingt, wenn eben der Kader verschlankt wird oder Geld durch den Verkauf eines begehrten Profis reinkommt. Auf der Liste ganz oben steht Filip Kostic, den die Verantwortlichen andererseits gerne noch ein Jahr halten würden. Danach wird es schon vage. Einige Millionen ließen sich vielleicht noch für den jungen Verteidiger Evan Ndicka erzielen oder Torwart Kevin Trapp, der aber gar nicht abgegeben werden soll.

Eine Verpflichtung im großen Stil ist nicht geplant, wenn, dann sollen wieder unverbrauchte, junge Spieler angelockt werden, die Potenzial haben, weiterentwickelt werden und bestenfalls gewinnbringend verkauft werden können. Ein Modell, das schon funktioniert hat und in Krisenzeiten alternativlos erscheint.

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