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Auch der Knipser muss sich steigern, um gegen Chelsea bestehen zu können: Luka Jovic (rechts) im Zweikampf mit Ljubomir Fejsa von Benfica Lissabon.

Europa-League-Halbfinale

Eintracht Frankfurt hat Chelsea im Kopf

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  • Ingo Durstewitz
    Ingo Durstewitz
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Eintracht Frankfurt hakt das miserable Spiel gegen Hertha BSC ab und fiebert schon jetzt dem großen Halbfinalhinspiel in der Europa League entgegen.

Ob den Frankfurter Spielern am Samstag nicht nur die geistige und körperliche Müdigkeit ein Streich gespielt hat, sondern vielleicht gar das Unbewusste? Fredi Bobic, der frühere Nationalstürmer und heutige Sportvorstand der Eintracht, will das nicht gänzlich ausschließen. Die alles in den Schatten stellende Begegnung im Halbfinale der Europa League gegen den großen FC Chelsea am kommenden Donnerstag in Frankfurt könne sehr wohl irgendwo in den Hinterköpfen festgesessen haben, bedeutete der 47-Jährige nach dem ernüchternden 0:0 gegen Hertha Berlin. Die Mannschaft habe ja „keine Routine“ mit solchen Konstellationen, dem Pendeln zwischen drögen Alltag und rauschender Ballnacht. „Klar kann Chelsea eine kleine Rolle gespielt haben.“

Chelsea London also, sechsfacher englischer Meister, Champions-League-Sieger 2012, Europa-League-Gewinner 2013, zweifacher Triumphator im Europapokal der Pokalsieger. Ein Name mit Klang, ein Klub mit Glanz und Glorie, der seit der Übernahme von Roman Abramowitsch im Jahr 2003 knapp zwei Milliarden Euro in neue Spieler steckte. „Die Blauen“ von der Stamford Bridge kommen tatsächlich zu einem Pflichtspiel nach Frankfurt, und eine ganze Stadt wird mal wieder Kopf stehen. Da kann so ein schnödes Bundesligaspiel gegen ein nicht gerade als aufregend geltendes Berliner Ensemble natürlich etwas in den Hintergrund und aus dem Fokus rutschen.

Eintracht Frankfurt ist enttäuscht über die eigene schwache Leistung

Hinzu, auch das begründet die matte Vorstellung, kommen eine generelle Abgeschlagenheit, der Formverfall einiger Spieler und einige Ausfälle. Die Enttäuschung und Fassungslosigkeit über die eigene schwache Leistung überwog bei den Fußballern am Wochenende klar, von Vorfreude auf das bevorstehende Glanzlicht war wenig bis gar nichts zu erkennen. Das wird ab sofort anders sein.

Viele fragten sich nach dem dünnen Auftritt vom Samstag dennoch, wie die Eintracht auf internationalem Terrain gegen den englischen Topklub bestehen oder zumindest ansatzweise mithalten will. Mit einer solchen Leistung, da macht sich Trainer Adi Hütter nichts vor, „schaut es gegen Chelsea nicht so gut aus“. Das ist ein wenig euphemistisch ausgedrückt, so würde es gegen das Team von der Insel eine saftige Abreibung geben. Keine Frage.

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Doch im Frankfurter Lager weiß jeder, dass diese beiden Wettbewerbe zwei Paar Schuhe sind. Am Donnerstag, wenn in Frankfurt das Flutlicht angeknipst und sich das Stadion erneut in ein Tollhaus verwandeln wird, werden die müden Beine wieder fast von alleine laufen, da wird der Schweinhund, der gegen Berlin nicht mal gesichtet wurde, gewiss mehr als einmal überwunden. Es ist dieses ganz spezielle Fluidum und dieser Kitzel, der die Eintracht tragen wird, die Fans werden abermals für eine Gänsehautatmosphäre und auch einen Hexenkessel sorgen. Darauf werden die Hessen angewiesen sein, nur mit der Kraft von den Rängen werden sie überhaupt eine Chance haben, den FC Chelsea in die Bredouille zu bringen. „In der Europa League haben wir noch nie enttäuscht“, sagte Hütter.

Eintracht Frankfurt hat sich international gut geschlagen

Die Frankfurter Spieler gehen das Europapokalspiel in dem Wissen an, sich international herausragend gut, ja bravourös geschlagen zu haben und das eine oder andere Mal über sich hinausgewachsen zu sein. Einen kausalen Zusammenhang zwischen den zuletzt eher dürftigen Leistungen in der Liga und den internationalen Festspielen sehen sie nicht, und die Befürchtung, dass der allgemeine Abwärtstrend auf nationaler Ebene auch auf europäischem Terrain anhalten könne, teilen sie nicht. „Am Donnerstag haben wir ein ganz anderes Spiel“, sagt Torwart Kevin Trapp. „Gegen eine Mannschaft wie Chelsea spielen wir ja nicht so oft, da müssen wir voll da sein und alles ausblenden.“

Kollege Martin Hinteregger assistiert: „Das ist ein riesengroßer Gegner mit einem ganz anderen Gewicht, aber wir haben bewiesen, dass wir mit Champions-League-Teams mithalten können. Das wird ein Riesenfest.“

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Von dem Brimborium rund um das erste Halbfinale und dem nicht zu unterschätzenden Rückenwind von den Rängen mal abgesehen, wird die Eintracht aber, wie schon im Rückspiel gegen Benfica Lissabon, auch fußballerische Lösungen finden müssen, um den klar favorisierten Rivalen in Bedrängnis bringen zu können. Sie braucht einen cleveren Masterplan. Da trifft es sich gut, dass Mijat Gacinovic wohl wird spielen können. Der Serbe wurde gegen Berlin geschont, weil er über muskuläre Beschwerden klagte. „Das Risiko war mir zu groß“, begründete Hütter. Auch im Hinblick auf den Donnerstag. Dem Mittelfeldspieler geht es mittlerweile wieder besser, sein Einsatz wäre, trotz einer gewissen Naivität im Offensivspiel, eminent wichtig, weil er den Gegner in hohem Tempo attackiert und unter Druck setzt. Das ging der Eintracht gegen den Hauptstadtklub völlig ab.

Eintracht-Trainer Hütter muss auf Rebic und Haller verzichten

Zumal Trainer Hütter auf den gesperrten Ante Rebic und den langzeitverletzten Sebastien Haller verzichten muss. Wie wichtig Haller für das Spiel ist, wurde zuletzt überdeutlich. Gerade wenn die Mannschaft, wie gegen Berlin, vermehrt auf Langholz zurückgreift, ist der Franzose nicht zu ersetzen. Dass der 24-Jährige in dieser Saison noch mal spielt, ist allerdings mehr als zweifelhaft.

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Trainer Hütter bezeichnet Rebic und Haller zwar als „Schlüsselspieler“, will sich aber nicht weiter mit ihrem Fehlen beschäftigen. „Das interessiert mich nicht, mich interessieren nur die Spieler, die da sind.“ Die müssen es, so oder so, richten, und Leitfigur Trapp gibt schon mal die Richtung vor: „Es geht nur über die Mannschaft, jeder muss für den anderen rennen, kämpfen, verteidigen – so wie gegen Benfica.“ Und: „Wir müssen daran glauben, dass alles machbar ist.“

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