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Eintracht Frankfurt: Historischer Sieg in Marseille

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Von: Daniel Schmitt

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Erlösung pur: Jesper Lindström mit dem Golden Treffer von Marseille.
Erlösung pur: Jesper Lindström mit dem Golden Treffer von Marseille. © dpa

Während im Stadion zu Marseille eine fürchterliche Feindseligkeit zwischen den Fanlagern herrscht, fährt die Eintracht ihren ersten Champions-League-Sieg der Klubgeschichte ein.

Marseille – Einmal in diesen weit mehr als 90 Minuten herrschte dann wirklich für 30 Sekunden relative Ruhe in diesem Hexenkessel zu Marseille. Jesper Lindström, der Frankfurter Fußballer, brachte den überwiegenden Teil an Fans im Stade Vélodrome mit seinem Treffer tatsächlich zum Schweigen. Was zu diesem Zeitpunkt noch längst nicht klar war: Das 1:0 des dänischen Angreifers nach 43 Minuten sollte letztlich auch gleichbedeutend sein mit dem Endstand. Eintracht Frankfurt, gestartet mit einer 0:3-Niederlage in die erste Champions-League-Runde ihrer Vereinsgeschichte, ist damit wieder voll im Rennen um den Einzug ins Achtelfinale. Die Portugiesen, die mit 2:0 ihr Heimspiel gegen Tottenham Hotspur gewannen, führen die Gruppe mit sechs Punkten an, dahinter folgen die Eintracht sowie die Engländer mit deren drei Zählern. Olympique Marseille ist nach zwei Niederlagen hintendran. Eintracht-Sportvorstand Markus Krösche sagte: „Sportlich ist das ein großer Erfolg. Die Mannschaft hat sich nicht von den Umständen beeindrucken lassen.“

Olympique gegen Eintracht: Leuchtspuren aus beiden Fanblöcken

Bereits weit vor dem Anpfiff brandete im Stadion frenetischer wie abstoßender Jubel auf, immer dann nämlich, wenn eine aus dem Olympique-Fanblock abgeschossene Leuchtrakete in jenem der Frankfurter einschlug. Diese furchtbare Feindseligkeit auf den Tribünen freilich wurde auf beiden Seiten gelebt, auch der harte Kern der Eintracht-Anhängerschaft schoss das volle Repertoire an Pyrotechnik in den gegnerischen Block ab. Oh, Geisterspiel, man hört dich schon rufen …

Eintracht Frankfurt: Hitlergruß aus dem Fanblock

Negativer Höhepunkt: Im Frankfurt-Block zeigten mehrere Personen (mindestens zwei) den Hitlergruß in Richtung der französischen Anhangs, später tauchten davon auch Videos auf. Ein Vorfall, der gewiss ein Nachspiel haben wird und natürlich auch haben muss. Noch am Abend distanzierte sich die Eintracht „in aller Deutlichkeit“ von dieser Geste. Die verdächtige Person hatte sich noch in der ersten Halbzeit bei den Fanbeauftragten der Hessen gemeldet, er weist den Vorwurf einer antisemitischen Intention zurück. Zudem: Ein Fan trug durch die Vorfälle im Stadion schwere Verletzungen davon, immerhin soll die Person außer Lebensgefahr sein. Ein schwacher Trost.

Rein sportlich sollte sich tatsächlich das bewahrheiten, was Oliver Glasner am Vorabend der Partie bereits hatte durchblicken lassen. Der Frankfurter Trainer kehrte zurück zum alten Erfolgsrezept, zur Dreierabwehrkette. In deren Mitte durfte der im bisherigen Saisonverlauf meist außen vor gebliebene Makoto Hasebe dirigieren. Vorweg: Der 38-Jährige machte das umsichtig, abgeklärt, schlicht brillant, genauso eben wie ein Makoto Hasebe (fast) immer spielt, wenn er denn ran darf. „Hase war phänomenal“, sagte Manager Krösche.

Eintracht Frankfurt in Marseille: Ansgar Knauff auf links

Die rechte Mittelfeldseite beackerte derweil etwas überraschend Kristijan Jakic als Solist, er ließ sich entsprechend seines fußballerischen Naturells oft nach hinten zurückfallen. Auf links spielte erstmals Ansgar Knauff. Häufig formierte sich die Dreierabwehr dadurch zu einer Fünferreihe um. Gerade Jakic hatte vor allem in der ersten Hälfte sichtlich Probleme mit seiner doppelten Zuständigkeit, der Kroate wirkte hinten anfällig und tauchte vorne selten auf. Zudem erhielt Daichi Kamada im Mittelfeldzentrum den Vorzug vor dem noch nicht ganz fitten Kapitän Sebastian Rode.

Es entwickelte sich sodann ein umkämpftes Spiel, es ging ordentlich zur Sache, die lautstarke Kulisse schien die Akteure auf dem Rasen noch zusätzlich anzustacheln. Die Eintracht aber nahm die Partie sofort an, hielt dagegen. Zwar hatten die Franzosen ein spielerisches Übergewicht, was allenthalben auch erwartet worden war vom Tabellenzweiten der Ligue 1, zudem kamen sie vor allem über den starken Linksaußen Nuno Tavares häufig auf der Seite durch, bis zur Pause war mit Ausnahme eines Außennetzschusses von Mittelstürmer Alexis Sanchez aber wenig Gefährliches dabei (12.). Die Eintracht ihrerseits lauerte auf Fehler der Gastgeber und wollte selbst schnell umschalten.

Jesper Lindström zeigt Nervenstärke

Gerade Jesper Lindström und Randal Kolo Muani hatten bei diesem Plan zentrale Rollen inne. So war es denn auch nicht überraschend, dass eben jene beiden Offensivspieler an der Frankfurter Führung kurz vor dem Halbzeitpfiff entscheidend beteiligt waren (43.). Erst bugsierte Lindström einen Ball zu Kolo Muani, der kloppte die Kugel prompt rein in den Sechzehner, wo Marseille-Profi Valentin Rongier seine langen Gräten ungelenk hineinhielt und den Ball zurückflipperte zu Lindström. Etwas überraschend: Der sonst so nervenschwache Däne zeigte alleine vor dem gegnerischen Kasten Nervenstärke und schoss den Ball überlegt ins Eck ein. Das erste Champions-League-Tor in der langen Geschichte von Eintracht Frankfurt – lauter Jubel im Gäste-Eck brandete auf.

Überhaupt sorgte Lindström weiterhin für die gefährlichsten Angriffsaktionen der Hessen. In der 54. Minute schloss er einen Konter aus spitzem Winkel ab, Marseille-Keeper Pau Lopez lenkte den Versuch gerade eben noch mit den Fingerspitzen an die Querlatte. Die Eintracht war nun kurz davor, das Spiel zu ihren Gunsten zu entscheiden, sie hatte jedenfalls Möglichkeiten dazu. Kurz darauf fand ein Querpass von Ansgar Knauff in aussichtsreicher Position nicht den Mitspieler (57.). Da war mehr drin.

Olympique agierte dagegen fahrig in dieser kurzen Phase der Partie, das Heimpublikum zeigte sich entsprechend unzufrieden. Als Trainer Igor Tudor seinen Starstürmer Sanchez auswechselte, pfiff die gesamte Arena. Freilich bewirkte der Spielertausch das, was sich der Coach der Gastgeber gewünscht hatte. Die Eingewechselten brachten wieder Leben ins Spiel der Franzosen. Die Eintracht aber hielt bockstark dagegen, warf sich in alle Zweikämpfe, verteidigte dazu äußert konzentriert und geschickt in diesem Hexenkessel. Und waren die Verteidiger mal ausgespielt, parierte Kevin Trapp, der Torwart, stark – etwa mit dem Fuß gegen Luis Suarez (66.). Auf der anderen Seite vergaben Kolo Muani (75.) und Daichi Kamada (79.) beste Gelegenheiten für die Eintracht. Ein Abseitstor von Kamada wurde hauchzart zurückgepfiffen. Es reichte dennoch zum verdienten Auswärtssieg – dank des eiskalten Torschützen Jesper Lindström, dem Stadion-Beruhiger. Zumindest für 30 Sekunden. (Daniel Schmitt)

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