Sportvorstand Fredi Bobic steht wegen der Krise von Eintracht Frankfurt in der Kritik.
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Sportvorstand Fredi Bobic steht wegen der Krise von Eintracht Frankfurt in der Kritik.

Eintracht Frankfurt

Bobic äußert sich zur Krise bei der SGE: „Ab Januar wird wieder angegriffen“

  • Thomas Kilchenstein
    vonThomas Kilchenstein
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Eintracht Frankfurt muss nach einer enttäuschenden Hinrunde Wunden lecken. SGE-Chef Fredi Bobic analysiert die Lage – und hat einige klare Visionen.

Frankfurt – Es kommt nicht häufig vor, dass Fredi Bobic nach Spielen der Frankfurter Eintracht zu den Journalisten ans Flatterband strebt, das tut er selten. Der Sportvorstand zieht es vor, seine Eindrücke in den elektronischen Medien zu formulieren. Am Sonntagabend, die Eintracht hatte gerade einen weiteren sportlichen Tiefschlag erlitten, war das anders, da sprach der 48-Jährige mit den Vertretern der schreibenden Zunft. Man muss das verstehen: Nach der 1:2-Niederlage gegen den Tabellenletzten SC Paderborn und einer seit Wochen anhaltenden, fast schon dramatischen Talfahrt empfindet nicht nur der angeschlagene Trainer Adi Hütter die Lage als „sehr ernst“. Vorstand Bobic sagt: „Wie sind im unteren Drittel, da müssen wir uns rauskämpfen. Reden hilft nicht, nur Taten. Das haben die Jungs auch mitbekommen von uns.“

Der Rucksack ist schwer, mit dem die Mannschaft seit gestern in den knapp bemessenen Winterurlaub reist, acht Tage hat sie frei, dann geht es über den großen Teich ins Trainingslager nach Florida. „Die Phase der Regeneration soll jeder nutzen“, empfiehlt Fredi Bobic, und: „Ab Januar wird wieder angegriffen.“ Das ist dringend geboten angesichts eines 13. Tabellenplatzes (18 Punkte) und drei Zählern Vorsprung auf den Relegationsplatz, selbst wenn Bobic sehr wohl um die Komplexität der Aufgabe weiß: „Wenn der Trend gegen dich läuft, ist es schwer, den Bock umzustoßen.“

Eintracht Frankfurt: Der Trend ist kein Freund

Und der Trend läuft aktuell ganz gehörig gegen Eintracht Frankfurt: Der letzte Sieg in der Liga datiert vom 2. November, dem 5:1-Triumph über den FC Bayern, seitdem geht es im Kern nur noch bergab. Eine „hervorragende Ausgangsposition“ habe man sich in den folgenden Wochen „kaputt gemacht“, urteilt Bobic, teilweise aus eigener Schuld. „Wir haben uns selbst in Misskredit gebracht“ - sei es durch individuelle Fehler, Rotsperren (Fernandes, Abraham. Kohr), Verletzungen (in Paderborn fehlten die Stammkräfte Rode, Paciencia, Trapp, Rönnow, zudem die gesperrten Hinteregger, Abraham) oder falsche Entscheidungen, die getroffen wurden. Erstaunlich ist das völlige Versagen des kompletten Systems: Von den letzten neun Pflichtspielen setzte es sieben Niederlagen, in der Bundesliga verloren die Frankfurter sogar von sechs Partien fünf. Selbst wenn die Leistung nicht zum Sieg reichen sollte, so waren die Hessen nicht einmal in der Lage, sich über ein paar Unentschieden ins Ziel zu retten.

Natürlich hat die extreme Belastung mit 31 Pflichtspielen seit dem 25. Juli die Mannschaft mehr geschlaucht als gedacht, sie geht auf dem Zahnfleisch, ist vor allem gedanklich den frischeren Teams deutlich unterlegen. Kein Team der Liga hat so viele Spiele in den Beinen, selbst die Vielspieler des FC Bayern nicht. Diesen Fakt kann man nicht wegdiskutieren, auch wenn ihn die Eintracht, was sie ehrt, nicht als Ausrede gelten lassen will. Neben den körperlichen und geistigen Strapazen kommt hinzu, dass wegen der vielen Spiele und Reisen die Zeit für konstruktives Training fehlt.

Verbesserung im Laufe der Hinrunde? Nicht bei Eintracht Frankfurt

Trainer Hütter kann nur schwer an einer Änderung der taktischen Ausrichtung gezielt arbeiten. Klubs wie etwa Union Berlin, der FC Augsburg oder der 1. FC Köln, die extrem schlecht in die Runde gestartet sind, haben sich durch Trainingsarbeit im Laufe der Saison deutlich verbessert. 

Dazu kommt, dass es die Eintracht verpasst hat, sich mit einem Erfolg bei Standard Lüttich Anfang November frühzeitig für die K.o.-Runde zu qualifizieren, man hätte in den Spielen gegen Arsenal und Lüttich Kräfte sparen können. Eintracht Frankfurt spielt aber einen Fußball, der auf einer starken Physis fußt, der dominant ist, viel Laufarbeit erfordert, um eine gewisse Wucht zu entfalten. Eine Mannschaft, die diesen Fußball spielt, ist aber sehr anfällig bei auftretendem Substanzverlust.

Eintracht Frankfurts Trainer Adi Hütter: Zu wenig Rotation

Allerdings bleibt Trainer Hütter der Vorwurf nicht erspart, zu wenig rotiert zu haben. Lange Zeit spielten fast immer die selben Spieler; zuletzt, vielleicht ein Anflug von Panik, wechselte er ständig durch: In den letzten drei Spielen gab es insgesamt 16 Änderungen. Dass ein Spieler wie Simon Falette, der in 30 Pflichtspielen keine einzige Sekunde zum Einsatz kam, dann im letzten Spiel zum besten Mann (in einer sehr schwachen Elf) avancierte, ist bezeichnend.

Auch der doppelte Manager des Jahres Bobic muss sich die Frage gefallen lassen, ob die 65 Millionen Euro, die im Sommer in das neue Eintracht-Team investiert wurden, gut angelegt waren, man denke allein an die knapp 20 Millionen Euro, die das Mittelfeld-Duo Kohr/Sow kosteten. Zumal die wirklich schmerzhaften Abgänge Jovic, Rebic, Haller nicht annähernd ersetzt werden konnten - obwohl man spätestens im Frühjahr des vergangenen Jahres wusste, dass die Angreifer nicht zu halten sein würden.

Eintracht Frankfurt: Standards und Filip Kostic

Und es wird analysiert werden müssen, ob die Krise der Eintracht wirklich nur allein der mangelnden Frische und der hohen Belastung geschuldet ist. Oder ob es doch strukturelle Probleme sind, die den Klub in die Bredouille gebracht haben. Gezeigt hat sich in den letzten Monaten halt auch, dass diese Mannschaft über zu wenige Spieler verfügt, die Tempo gehen können. Bälle in die Spitze können mit Aussicht auf Erfolg allein auf Filip Kostic gespielt werden. Dieses Tempodefizit könnte man kompensieren, wenn man mit spielerischen Mitteln agierte, aber auch das funktioniert mangels Spielidee seit einiger Zeit nicht. Im Grunde besitzt Eintracht Frankfurt ausgangs der Hinserie zwei Stärken: Standards und Kostic. „Wir haben“, sagt Bobic, „unser Spiel nicht gezeigt“. Dass sie es besser können, haben sie allerdings schon unter Beweis gestellt - das Erreichen der dritten Pokal-Runde und der K.o.-Phase legt Zeugnis von Qualität ab. „Wir können auf drei Hochzeiten tanzen“, findet Hütter weiterhin.

Auf den Coach, der noch Rückendeckung genießt (Bobic: „Eine Trainerdiskussion braucht man bei uns gar nicht zu beginnen“), wird es ankommen, wiewohl er in seiner Trainerlaufbahn nicht oft derart „unangenehme Situationen“ lösen musste. Er ist gefordert, die Mannschaft zurück in die Spur zu hieven, er muss das Team neu aufstellen, womöglich mit neuem Personal, selbst wenn Bobic ankündigt, „nicht brutal aktionistisch“ auf dem Transfermarkt* agieren zu müssen. Die nächsten Wochen im sonnigen Florida und dann im kalten Deutschland werden zeigen, ob Eintracht Frankfurt den Turnaround schafft: Die ersten Aufgaben mit den Spielen in Hoffenheim und zu Hause gegen Leipzig haben es in sich. Und traditionellerweise brechen die Hessen in der Rückrunde gerne mal ein.

*fr.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

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