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Lauter Frankfurter Matchwinner

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Von: Thomas Kilchenstein, Ingo Durstewitz

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Auf ihre geballte Offensivkraft kann sich Eintracht Frankfurt blind verlassen – Stürmer Kolo Muani wie einst Tony Yoboah.

Frankfurt - Um das Außergewöhnliche dieses altruistischen Abspiels kurz vor dem 5:1 im rechten Licht zu sehen, bedarf es eines Blicks auf die sportliche Situation des Eintracht-Stürmers Rafael Borré. Der kleine Kolumbianer galt noch vor fünf Monaten wegen seiner beiden entscheidenden Treffer im Europapokal-Finale als Held von Sevilla, inzwischen hat er seinen Stammplatz im Team verloren. Er ist, hinter Shootingstar Randal Kolo Muani, längst nur noch Ersatz, zudem sitzt neben ihm auf der Bank in Lucas Alario ein weiterer potenzieller Konkurrent. Borré ist in dieser Saison bislang auf ein paar Kurzeinsätze gekommen, zuletzt, in Tottenham, ist er eher lustlos aufgetreten, seine Degradierung nagt ganz offensichtlich an dem 27-jährigen, seinen Frust kann er kaum verbergen.

Trainer Oliver Glasner hat Verständnis für dessen vertrackte Lage, er hat Borré aber zu verstehen gegeben, dass bei allem Ärger „nicht die Mannschaft in Mitleidenschaft“ gezogen werden dürfe.

Und dann hat er doch noch sein Tor gemacht: Randal Kolo Muani schreit seine Erleichterung raus, Jesper Lindström freut sich mit. dpa
Und dann hat er doch noch sein Tor gemacht: Randal Kolo Muani schreit seine Erleichterung raus, Jesper Lindström freut sich mit. dpa © dpa

Tor zum 5:1 ist Sahnestückchen eines wunderbaren Nachmittags

Und dann kommt, kurz vor Schluss, dieser feine Pass von Mario Götze auf Borré, völlig allein vor dem Tor. Es ist die Gelegenheit, wie gemalt für einen Stürmer, der Tore erzielen will, viele Tore, weil Stürmer an ihren Toren gemessen werden. Und jedes Tor einen wichtiger werden lässt. Doch Borré spielt quer - auf den noch besser postierten Lucas Alario, auch einer, der nicht besonders glücklich ist über seine Reservistenrollen in Frankfurt. Natürlich schiebt der Argentinier die Kugel ins Tor, das hätte auch jeder Zuschauende im Stadion geschafft. Es ist sein erstes Bundesligator im Dress von Eintracht Frankfurt, sein Jubel danach sagt aus, wie sehr er dieses Tor herbeigesehnt hatte.

Für den Frankfurter Trainer war dieses 5:1 das Sahnestückchen eines wunderbaren Nachmittags, „das schönste Tor“ von allen. Es freute den Coach deswegen „wahnsinnig“, weil man genau diesen Zusammenhalt in der Mannschaft benötige: „Jeder gönnt dem anderen ein Tor.“ Vor allem zeigte Borrés Abspiel dessen Charakter, er sieht das Team, stellt Egoismen hinten an. Schon in Tottenham hatte Glasner den Spieler als „überragenden Kerl“ geadelt, ohnehin hält er große Stücke auf ihn, weil er die gegnerische Abwehr intensiv anläuft.

Dieses 5:1 war die Krönung eines bärenstarken Auftritts der gesamten Offensivabteilung, aus der Daichi Kamada, Kolo Muani und Jesper Lindström, nicht rein zufällig auch die weiteren Torschützen, ein Stück herausragten. Gerade Kolo Muani und Lindström waren wegen ihre enormen Schnelligkeit gegen die teilnahmslose Leverkusener Abwehr nie zu halten, logisch, dass beide Angreifer auch die beiden Elfmeter herausholten, die Daichi Kamada jeweils glasklar verwandelte. Dabei schien Kolo Muani eine Halbzeit lang auf dem besten Weg zum Unglücksraben, er ließ vier gute bis beste Gelegenheiten aus, scheiterte gar aus elf Metern. Da hatte die Eintracht Glück, dass der VAR das kleine Vergehen von Bayer-Schlussmann Lukas Hradecky ahndete, der, statt vorgeschrieben auf der Linie, vielleicht zehn, 15 Zentimeter davor den Schuss parierte. Eine Regel, die sein Frankfurter Kollege Kevin Trapp nicht besonders gut findet. „Für die Torhüter wird es nicht einfacher. Schützen dürfen abstoppen, wie sie wollen. Ich habe noch nie einen Torhüter gesehen, der so weit nach vorne gegangen wäre, dass es den Schützen irritiert hätte.“ Die Wiederholung setzte Kamada in den Winkel - zum Glück für Kolo Muani, der später alles Lob abwehrte: „Wir sind alle Matchwinner.“

In der Halbzeitpause hatte er viel Zuspruch von den Kollegen erhalten, er werde schon noch sein Tor machen. Kurz darauf war es so weit, er markierte das 2:1, seine Erleichterung darüber war mit Händen zu greifen. „Das wichtigste als Stürmer ist, nach einer verpassten Chance abzuhaken und zu wissen, dass die nächste Chance kommt“, sagte Glasner. Aus diesem Spiel könne der frisch gebackene französische Nationalspieler „sehr viel mitnehmen“.

Die Eintracht-Spieler in der Einzelkritik: Kamada eiskalt, Kolo Muani nicht zu halten

Wie der junge Yeboah

Sicher ist, dass Eintracht Frankfurt, anders etwa als die DFB-Auswahl, eine echte Sturmspitze hat, eine, die eine enorme Wucht und Dynamik ausstrahlt und die in der Liga kaum zu verteidigen ist. Diese Urgewalt, mit der der 23-Jährige auf und davon zieht, ist bemerkenswert, erinnert zeitweise an den jungen Anthony Yeboah. Sicher, manchmal will er noch zu sehr mit dem Kopf durch die Wand, und in der Champions League gegen Tottenham ist er an Grenzen gestoßen, aber für Eintracht Frankfurt ist der Mann aus Paris (drei Tore, sechs Vorlagen) Gold wert - zumal er sich bestens mit dem schmächtigen, deutlich filigraneren Lindström ergänzt. Statt des Säbels nutzt der Däne das Florett, leichtfüßig und gewitzt, etwa bei seinem Traumlupfer zum 3:1, bei dem der gute Hradecky bis heute nicht weiß, wie dieser Ball in sein Tor hatte gehen können. (Thomas Kilchenstein und Ingo Durstewitz)

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