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Eintracht Frankfurt in Europa: Als der Mythos geboren wurde

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Von: Thomas Kilchenstein

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Mit der Eintracht unterwegs in Europa. Die Trainer Friedhelm Funkel, Armin Veh und Adi Hütter erinnern sich.

Frankfurt - Immer, wenn Armin Veh aufs Laufband tritt oder ein paar Gewichte stemmt, hat er Eintracht Frankfurt vor Augen. Oder besser: sich und eine blaue Fahne. In seinem Fitnessraum zu Hause in Bonstetten bei Augsburg hängt nämlich, groß und im Rahmen, jenes Bild, das wie kaum ein anderes einen ersten magischen Moment eingefangen hat im Zusammenspiel zwischen Mannschaft und Fans: Es war in Bordeaux, Eintracht Frankfurt hatte gerade nach einem 1:0-Erfolg (durch ein spätes Tor von Martin Lanig) vorzeitig die Gruppenphase der Europa League als Tabellenerster abgeschlossen, als Armin Veh vor der Eintracht-Kurze spontan zum riesigen Banner griff („Eintracht Frankfurt, schieß uns nach Europa“) und sie minutenlang vor dem Eintracht-Block schwenkte.

Eintracht-Block war jetzt ein bisschen untertrieben, es war eher eine Eintracht-Mauer. Gut 12.000 Anhänger ganz in Orange gekleidete hatten die Mannschaft an jenem 28. November 2013 nach Bordeaux bekleidet, ins Stade Chaban-Delmas, so viel wie noch nie. Es war ein Moment, den der Coach, der ein Jahr zuvor die Hessen aus der zweiten Liga nach oben und anschließend auf den sechsten Platz geführt hatte, sein Leben lang nicht vergessen wird.

Eintracht Frankfurt: Die magische Nacht von Bordeaux

Und es war der Moment, da der ansonsten so „arschcool“ (Ex-Spieler Heiko Butscher) wirkende Veh ein Stück seiner sonstigen Coolness verloren hatte. Immer wieder war Armin Veh von den Anhängern gefeiert, immer wieder sein Name skandiert worden in einem ansonsten menschenleeren Stadion. Die orangene Menge feierte den Mann aus Augsburg gebührend. So sehr, dass der Fußballlehrer, der schon so viel erlebt hat in seiner viele Jahre währenden Trainerkarriere, arg schlucken musste. Selbst später, bei der Pressekonferenz, eine von einem Fan gereichte orange Mütze in der Hand knetend, war die Ergriffenheit des Trainers zu spüren. „Ich muss aufpassen, dass es nicht regnet in den Augen.“

Denn eigentlich ist es gar nicht die Art des mittlerweile 61-Jährigen, sich derart vor Fans zu präsentieren. Aber da spürte er eine Verbindung, „das war total emotional, das hat mich sehr bewegt“, sagt er jetzt in der Rückschau.

Gerührt in Bordeaux: Ex-Trainer Armin Veh.
Gerührt in Bordeaux: Ex-Trainer Armin Veh. © Jan Hübner/Imago

In diesem ganz besonderen Moment, „gut für die Seele“, wie Vorstand Axel Hellmann damals sagte, wurde ein neues, ein engeres Band geknüpft zwischen Mannschaft, Verein und Fans. Die Reise in den Südwesten Frankreichs war quasi die Mutter aller Auswärtsspiele auf europäischer Bühne. Das war der Impuls, der seitdem Tausende und Abertausende von Eintracht-Fans in ihren Bann gezogen hat. Dort entstand dieses wundersame Gefühl, mit der Mannschaft verwoben zu sein, da in Bordeaux wurde der Geist aus der Flasche gelassen, der Geist, der Kräfte freisetzte, dort in Bordeaux wurde der Zauber entwickelt, der den Klub in den entscheidenden Spielen seitdem über sich hinauswachsen lässt. Ihren Ursprung hat all das Folgende, die Reisen nach Porto, nach Tallin, Nikosia, Mailand, ins eiskalte Charkiew, ins verschlossene Marseille, ins beschauliche Guimaraes, nach Piräus und Barcelona. Die freundliche Übernahme des Camp Nou von 30.000 weiß gekleideten Frankfurtern wäre ohne Bordeaux nicht möglich gewesen.

Eintracht Frankfurt: Nur eine Niederlage

Der Durchmarsch durch die Gruppe - es gab nur eine Niederlage, 2:4 bei Maccabi Tel Aviv - begann im Grunde schon vorher, Qarabag Agdam FK, musste in einem Qualifikationsspiel bezwungen werden, 2:0 gewannen die Hessen in Aserbaidschan, nach zwei Toren von Alex Meier, und auf einem Platz, den sie laut Veh „mit grüner Farbe angemalt“ hätten, ein echter Rasenplatz sei das nicht gewesen. Zum Team zählten da schon Kevin Trapp und Sebastian Rode, natürlich Alex Meier, Johannes Flum, der dieser Tag beim SC Freiburg II seine Karriere beendet hat, Bastian Oczipka, Marco Russ oder Carlos Zambrano.

Die Reise durch Europa endete 2014 allerdings in der 86. Minute, „diese verflixte, vermaledeite 86. Minute“, lacht Veh sein Armin-Veh-Lachen ins Telefon. Seinerzeit kassierten die Hessen seltsamerweise ziemlich viele Gegentire in der viertletzten Minute, zeitweise hatten die Spieler fast schon bangend auf die Stadionuhr geschaut - um prompt in der 86. ein Tor zu fangen.Wie jenes von Nabil Ghilas in diesem faszinierenden K.o.-Spiel gegen den FC Porto, ein 2:2 hatte sich die Eintracht in Porto erkämpft, 2:0 und 3:2 führte sie im Rückspiel. Dann platzte der Traum gegen den Champions-League-Absteiger. Und doch war es eines der besten Spiele der Frankfurter.

Eintracht Frankfurt: Auch damals in der Liga nur mau

In der Liga tat sich die Eintracht, welche Parallele zu heute, schwer. Vor dem 1:0-Sieg in Bordeaux gab es in der Bundesliga eine Negativserie von neun Spielen ohne Sieg. Und doch gehörte die Zeit in Frankfurt für Veh zu einer der schönsten seiner 30 Jahre währenden Trainer-Karriere. „Wir haben richtig gut zusammengearbeitet, da ist Zwischenmenschliches entstanden, das ist nicht überall der Fall“, sagt Veh, der sehr angetan davon war, zum Halbfinalrückspiel gegen West Ham ins Stadion eingeladen worden zu sein. Das zeige die Größe des Klubs, sagte Armin Veh.

Auch Friedhelm Funkel, der Bundesliga-Dino unter den Trainern, drückt seinem alten Klub (2004 bis 2009) für den 18. Mai die Daumen. „Das gibt ein geiles Finale“, sagt er. Auch er hat ja schon mit der Eintracht europäisch gespielt. „Ich muss sagen, ich habe das damals schon genossen. Ich fand es toll, schon die Anreise mit dem Flugzeug in eine fremde Stadt, das Abschlusstraining am Austragungsort, das ganze Drumherum.“

Eintracht Frankfurt: Gelb-Rot für Alex Meier

Damals, das war 2006, nach dem gegen Bayern München verlorenen Pokalfinale (0:1) nahm die Eintracht am Uefa-Cup teil (und einer gewonnenen Quali gegen Bröndby, 4:0, drei Thurk-Tore, und 2:2, zwei Vasoski-Tore), seinerzeit gab es lediglich vier Partien und keine Rückspiele. Die Hessen starteten mit einem Heimspiel gegen USC Palermo, das sie prompt 1:2 verloren. Es sollte die einzige Niederlage bleiben, ein Sieg gelang aber nicht. Bei Celta Vigo reichte es nur zu einem 1:1, das Alex Huber mit einem seiner ganz seltenen Treffer ermöglichte, Meier sah in dieser Begegnung eine seiner ganz seltenen Gelb-Roten Karten. Gegen Newcastle zu Hause verhinderte ein alle überragender Shay Given im Tor einen Sieg, bei Fenerbahce Istanbul hätten die Hessen fürs Weiterkommen gewinnen müssen.

Und tatsächlich stand es nach 51 Minuten 2:0 für die Eintracht, Naohiro Takahara hatte beide Treffer erzielt und Benjamin Köhler die große Chance zum 3:0. An dieser Szene kann sich Funkel noch haargenau erinnern, ein Pass in den freien Raum, Köhler allein vor Torhüter Volkan, „aber den Benny ist mit jedem Schritt langsamer geworden“, da ging dem schmächtigen Köhler der Stift vor dem Koloss Volkan. Chance verpasst. Im Endspurt schafften die vom brasilianischen Weltstar Zico trainierten Türken noch das 2:2. „Das Wunder von Kadeköy blieb aus“, titelte die FR seinerzeit. Aber schon in 2006, sagt Funkel heute, waren diese internationalen Spiele „etwas Besonderes, vor allem für die, die es nicht so häufig erleben durften“.

Eintracht Frankfurt: „Wir hatten viele tolle Momente“

Die meisten europäische Spiele mit der Eintracht hat allerdings Adi Hütter absolvieren können, 28 inklusive Qualifikationsspielen. Auch Hütter, im Sommer im Unfrieden geschieden, trägt die Eintracht, wie er jetzt sagte, noch im Herzen. Am Sonntag beim Spiel seiner neuen Gladbacher Mannschaft drückte und herzte er seine alten Spieler auffällig oft. Hüter hat Spuren hinterlassen, man könne auf „drei erfolgreiche Jahre zurückblicken“ und zwar mit Stolz, sagte der Österreicher. Welche Entwicklung dieser Verein seit 2016, seit dem Relegationsfinale gegen Nürnberg, genommen habe, sei aller Ehren wert. „Wir hatten viele tolle Momente“, sagte der Gladbacher Hütter und wechselte in die vertraute „Wir“-Form.

Der Sieg in Mailand zum Beispiel, die Aufholjagd gegen Benfica Lissabon, das 2:2 in Charkiew gegen Schachtor Donezk und der anschließende 4:1-Erfolg im Stadtwald, der punktverlustfreie Durchmarsch durch die Gruppenphase, die Siege in Marseille, oder Rom, und natürlich das tränenreiche unglückliche Aus an der Stamford Bridge gegen FC Chelsea nach Elfmeterschießen, inklusive des Trost suchenden und bei Fans findenden Pechvogels Martin Hinteregger. Viele sagen: Wäre die Eintracht 2019 ins Finale eingezogen mit der ganzen Büffelherde, sie hätten den Pott geholt gegen den FC Arenal.

Die Europapokal-Saison danach war nicht ganz so erfolgreich, wenngleich das Qualispiel gegen Racing Straßburg (0:1, 3:0) einen feinen Vorgeschmack gab. Vieles an Atmosphäre ist dann, nach einem souveränen Weiterkommen gegen RB Salzburg, dem Virus zum Opfer gefallen. Gegen den FC Basel war dann viel zu früh Feierabend.

Setzt sich die Eintracht unter dem Trainer Oliver Glasner nun die Europa-Krone auf? Adi Hütter glaubt, wie alle anderen, fest daran her. Aber er warnt auch. „Aufpassen vor den Rangers. Die haben Mentalität und Qualität.“ So wie die Eintracht auch. Könnte spannend werden. (Thomas Kilchenstein)

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