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Voll fokussiert: Almamy Touré.

Interview mit Almamy Touré

Der Eintracht-Bazillus infiziert auch die Freunde von Almamy Touré

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    Ingo Durstewitz
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Neuzugang Almamy Touré über gute Freunde, die ganz schnell Eintracht-Fans wurden und sein Leben in einer Fußballerfamilie.

Herr Touré, Ihre Kollegen haben am Donnerstag in Lissabon gespielt, 2:4 verloren, aber es war ein großes Match, und Sie mussten hier in Frankfurt trainieren. Ein komisches Gefühl?
Natürlich wäre ich gerne dabei gewesen, das ist ja keine Frage. Da ich aber nicht auf der Europa-League-Liste der Eintracht stehe, ging es ja sowieso nicht. Es hat aber sein Gutes, ich konnte hier trainieren und mich für das Spiel am Sonntag gegen Augsburg vorbereiten.

Was macht Ihre Oberschenkelverletzung und wie sieht so ein Training denn aus, wenn fast alle Spieler weg sind?
Die Oberschenkelverletzung ist ausgestanden, ich bin einsatzfähig. In dieser Woche haben wir mit Marco Pezzaiuoli (Technischer Direktor, zurzeit A-Jugendtrainer und für die Verzahnung zwischen Nachwuchs und Profis zuständig; Anm. d. Red.) trainiert. Er bringt dann noch einige Spieler aus dem Nachwuchsleistungszentrum mit, sodass wir ein gutes, körperbetontes Training absolvieren können, damit man weiter auf Ballhöhe bleibt.

Sind Sie traurig, dass Sie nicht für die Europa League nominiert wurden?
Klar hätte ich mich gefreut, auf dieser Abenteuerreise dabei zu sein. Aber es ist nur ein bisschen schade, ich habe da keine schlechten Gefühle oder Wut in mir. Es sind ja so viele Spiele, es warten noch große Herausforderungen in der Bundesliga, und es geht ja nahtlos weiter. Ich unterstütze die Mannschaft nach Kräften – ob ich europäisch dabei bin oder nicht.

Almamy Touré ist in Frankfurt heimisch geworden 

Wie haben Sie sich eingelebt in Frankfurt?
Es hat sich alles sehr, sehr gut angelassen. Ich habe mich in Frankfurt niedergelassen, bin in der Stadt heimisch geworden. Ich gehe ab und zu raus, schaue mir einige Flecken der Stadt an. Frankfurt erinnert mich an Paris.

Wieso denn das?
Das liegt zum einen am Wetter, das ist mal so und mal so, wie in Paris (lacht). Aber auch die Wolkenkratzer erinnern mich an meine Heimatstadt. Ich bin mit meinem Gesamtdebüt total zufrieden.

Als junger Mann in einem fremden Land, in einer fremden Stadt, einer anderen Kultur, einer anderen Sprache – ist das nicht schwierig?
Nein, für mich nicht. In der Stadt fehlt es einem an nichts. Ich gehe auch ab und an in Restaurants zum Essen, auch mit meinen französischen Mannschaftskollegen. Oder wir schauen zusammen Fußball. Sie haben mir den Einstieg hier natürlich erleichtert. Ich bin in keiner Weise isoliert, im Gegenteil. Auch die anderen Mitspieler sind alle total offen und hilfsbereit, sehr freundlich. Man fühlt sich direkt wie zu Hause. Jeder hilft dem anderen, auch abseits des Platzes. Und das wiederum sieht man dann auch auf dem Platz. Es ist schon eine sehr spezielle, besondere Kameradschaft.

Kann es auch daran liegen, dass fast 20 Nationen unter einem Dach leben?
Klar. So viele Nationalitäten erleichtern einem den Einstieg, weil jeder auf den anderen zugeht. Ich habe das so in etwa auch in Monaco erlebt, wo wir viele ausländische Spieler hatten. Da ist es auch gut gelaufen, hier sowieso. Es ist ein ähnlicher Stil, der funktioniert.

Sie kamen schon in jungen Jahren nach Monaco, da waren Sie gerade mal 14. Erzählen Sie doch mal.
Meine Familie ist in Paris geblieben, ich bin dann ins Nachwuchsleistungszentrum von Monaco gekommen. Dort waren aber viele Spieler aus dem Pariser Großraum, ich war nicht alleine, wir haben alle zusammengehalten. Wir haben also, wenn man so will, unsere eigene Familie gehabt.

Wenn man in so jungen Jahren von zu Hause fortgeht, lernt man da schon früh auf eigenen Beinen zu stehen?
Auf alle Fälle. Man lernt, als Mensch alleine zurechtzukommen. Die ersten beiden Jahre ist man dort im Internat, schon im dritten Jahr zieht man aus in eine eigene Wohnung. Das ist dort so vorgegeben. Wir hatten Betreuer, die uns im Alltag begleitet haben. Man wird auf den Profifußball mit all seinen Facetten vorbereitet, auch mental. Man lernt, sich allen Herausforderungen zu stellen, dass man immer an sich glaubt, hart arbeitet und niemals aufgibt. Das wird einem dort klar vermittelt.

Die französischen Fußballakademien bringen ja Talente ohne Ende hervor. Was ist das Erfolgsgeheimnis?
In Frankreich wird sehr großer Wert auf die Ausbildung gelegt, es gelten auch hohe Standards. Man entwickelt sich schnell und reift. Und man erhält das Vertrauen. Wenn man das, was einem beigebracht wurde, beherzigt und zeigt, was man kann, dann bekommt man auch bei den Profis eine Chance.

Was genau wird gelehrt, gibt es etwa einen Verhaltenskodex, also abseits des Fußballs?
Ja. Es wird sehr genau auf das Verhalten geachtet. Ich habe mit Spielern zusammengespielt, die waren richtig stark und hätten eine große Karriere vor sich gehabt, aber das Verhalten hat nicht gestimmt, und dann wurde es nichts. Es wird großer Wert auf Mentalität, Verhalten, Einstellung und Seriosität gelegt. Wenn man jung ist und schon viel bekommt, dann ist die Gefahr groß, abzuheben oder sich den Kopf verdrehen zu lassen. Dagegen wird angegangen. Das fängt mit Begrenzungen und Einschränkungen an, es war uns etwa nicht möglich, einfach rauszugehen, wenn wir es wollten. Es gibt klare Regeln, an die man sich zu halten hat. Und das wurde auch kontrolliert. 

Almamy Touré war immer ein ruhiger Typ

Hat Ihnen das geholfen?
Ich bin jetzt keiner, der für Turbulenzen gesorgt hätte, ich war immer eher ein ruhiger, besonnener, ernsthafter Typ. Aber ich habe schnell gelernt. Und natürlich prägt das einen, keine Frage.

Ihre ersten Schritte haben Sie beim FC Bourget in Paris gemacht.
Ja, ich kam durch meinen Bruder dorthin, war aber nur ein Jahr dort. Damals habe ich schon eine Altersklasse übersprungen, was mir geholfen hat, noch schneller Fortschritte zu machen. AS Monaco hat dort auch immer wieder Scouts hin entsendet, weil man in Frankreich weiß, dass dort gute Jugendspieler ausgebildet werden. So bin ich letztlich entdeckt worden. Ich habe dann in Monaco erst mal ein einwöchiges Probetraining gemacht, mir ist die Stadt gezeigt worden, der Hafen, die Schiffe, und dann war da noch das sehr angenehme Klima. Ich habe mir dann gedacht: ,Da mache ich nichts falsch.‘ Ich habe mich nicht zweimal bitten lassen (lacht).

Sie sind in Paris im Département 93, Seine-Saint-Denis, aufgewachsen. Ein Banlieue, da kann das Leben manchmal ziemlich hart sein. Wie war es denn bei Ihnen?
Das stimmt schon, es ist ein Pariser Vorort. Aber wenn du dich dort auskennst, dann läufst du auch in keine Gefahr hinein. Und der Fußball hilft uns dort, nicht abzuhängen und auf dumme Gedanken zu kommen. Bei mir war es so: Ich kam aus der Schule, bin in den Bus gestiegen und Richtung Le Bourget gefahren, um dort Fußball zu spielen. Wenn mal kein Training war, haben wir bei uns im Viertel auf einem Bolzplatz gekickt. Für mich gab es nur Fußball.

Sie sind als Kind, mit fünf Jahren, aus Mali nach Frankreich gekommen, Ihr Vater Idrissa war in Mali ein bekannter Fußballer, auch Ihre Brüder spielen Fußball. Klingt nach einer reinen Fußballerfamilie.
Das kann man so sagen, wir sind eine absolute Fußballerfamilie. Mein Vater war malischer Nationalspieler, der auch sehr erfolgreich als Trainer gearbeitet hat, er war der erste, der eine malische Jugendnationalmannschaft zur WM geführt hat. Er war sehr anerkannt und wurde geschätzt. 

Und Ihre insgesamt sieben Brüder?
Alle haben gespielt: Einer war malischer Nationalspieler, ein anderer hat in Spanien und Griechenland gespielt. Aktuell spielt noch einer meiner Brüder in der vierten französischen Liga. Wir sind, wie gesagt, Fußballer durch und durch.

Tourè macht sich keine Druck

Sind Sie deshalb so ruhig und abgeklärt? Wir denken an Ihr erstes Spiel in Hannover, da haben Sie gespielt wie ein alter Hase, von Nervosität keine Spur. Das hat uns schon ein bisschen überrascht.
Es wurde mir leicht gemacht, deshalb hatte ich nicht so viel Druck. Das ist ohnehin meine Stärke: Ich mache mir nicht so viel Druck, spiele eher frei auf. Ich bin ruhig und gelassen. Der Coach hat mich gefragt, ob ich bereit bin. Und das war ich. Es war der richtige Moment.

Haben Sie sich vorher über die Eintracht informiert?
Ja, als das Interesse aufkam, habe ich mir viele Spiele angesehen. Ich habe schnell gemerkt, dass der Spielstil zu mir passt. Außerdem habe ich dann noch mit Abdou Diallo gesprochen, der ja jetzt in Dortmund ist und mit dem ich zusammen in Monaco gespielt habe. Er hat mir nur Gutes über die Bundesliga berichtet. Er hat mir geraten, nach Deutschland zu kommen. 

Sie haben für einen Verteidiger eine erstaunlich gute Technik haben. Durch die vielen Jahre auf dem Bolzplatz?
Mag sein. Als junger Spieler war ich kein Fan davon, Verteidiger zu spielen. Ich habe weiter vorne im Mittelfeld gespielt, ich hatte großen Spaß daran, Tore zu schießen oder welche vorzubereiten. Ich bin dann im Laufe der Zeit immer weiter nach hinten versetzt worden – obwohl ich das eigentlich gar nicht wollte (lacht). Als ich dann nach Monaco kam, also mit 14, wurde ich nur noch als Verteidiger aufgeboten und auch ausgebildet. Meine Trainer waren der Meinung, dass es mir mehr liegt, wenn ich das Spielfeld vor mir habe. Wahrscheinlich hatten sie Recht (lacht). Aber klar kommt es mir jetzt zugute, dass ich ein ganz gutes Aufbauspiel habe und technisch recht beschlagen bin.

Eintracht Frankfurt - eine verschworene Einheit 

Aber bei den Profis in Monaco haben Sie auch Rechtsverteidiger gespielt. Wie kam denn das zustande?
Ja, das lag daran, dass die Innenverteidigung sehr erfahren und gut war, da hat beispielsweise noch Ricardo Carvalho gespielt. Deshalb hat mich der Trainer nach rechts gestellt. Das war für mich auch okay, obwohl ich als Innenverteidiger ausgebildet wurde und ich auch lieber im Zentrum spiele. Aber ich wollte mich bei den Profis beweisen, da ist es egal, wo man aufgestellt wird. 

Was ist in dieser Saison möglich mit Eintracht Frankfurt, die Champions League?
Das wird man sehen. Ich möchte gar nicht so weit vorausblicken, wir sollten bescheiden und konzentriert bleiben. Darum geht es. Einfach jedes Spiel gesondert angehen. Wir sind nicht besessen vom Ziel Champions League, aber wir haben es selbst in der Hand.

Waren Sie über das Niveau der Frankfurter Mannschaft überrascht?
Nein, anfangs wusste ich natürlich noch nicht genau, was auf mich zukommt. Aber ich habe schon als Zuschauer gemerkt, dass das eine sehr starke, geschlossene und verschworene Einheit ist. Das spürt man förmlich. Als ich dann selbst dabei war, habe ich mich bestätigt gefühlt. Diese besondere Mentalität spürst du in jedem Training und in jedem Spiel. Deshalb war ich von der Stärke des Teams nicht überrascht. Meine Freunde aber wussten ja gar nicht Bescheid, und sie waren total überrascht davon, was hier abgeht. Sie sagen mir immer: ,Ihr seid ja eine absolute Wahnsinnstruppe, das ist ja unglaublich.’ Sie sind alle mit dem Eintracht-Bazillus infiziert, sie sind alle Frankfurt-Fans geworden.

Übersetzung: Stephane Gödde

Gut drauf

Almamy Touré, der Franzose mit malischen Wurzeln, der am 28. April 23 Jahre alt wird, hat sich viel Zeit genommen für das Gespräch mit der FR. Er hat einiges zu erzählen, der neue Verteidiger der Eintracht, er ist mitteilsam, lacht häufig, ist aufgeschlossen und lebensfroh. Um ein Haar wäre er sogar zu spät zum Deutschkurs gekommen, da hat aber Dolmetscher Stephane Gödde aufgepasst.

Touré hat sich in Frankfurt prima eingefunden, er fühlt sich wohl in der Stadt und im Verein. Der Abwehrspieler hat auch schon Spuren hinterlassen, sein großes Potenzial angedeutet. Er ist schneller als gedacht zu einer ernsthaften Alternative geworden, stand schon viermal in der Startelf, ehe ihn eine Oberschenkelverletzung stoppte. „Er spielt so, als wäre er schon ewig bei uns“, lobt Manager Bruno Hübner. „Abgeklärt und ruhig. An ihm werden wir noch viel Spaß haben“

Touré, der im Januar für weniger als eine Million Euro aus Monaco kam, ist auch schon recht erfahren, hatte bereits im Februar 2015 einen Einsatz in der Champions League zu verbuchen, beim 3:1-Sieg gegen den FC Arsenal durfte er ran. 2017 wurde er mit Monaco Meister und erreichte das Halbfinale der Champions League.

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