Bewegender Abschied: Alex Meier 2018 grüßt die Fans nach seinem letzten Einsatz für Eintracht Frankfurt.
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Bewegender Abschied: Alex Meier 2018 grüßt die Fans nach seinem letzten Einsatz für Eintracht Frankfurt.

Alex Meier

„Ich bin kein Star, ich bin Alex“ - Der Fußballgott beendet seine Karriere

  • Ingo Durstewitz
    vonIngo Durstewitz
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Alex Meier beendete vor wenigen Monaten seine Karriere. Im ausführlichen Interview spricht er nun über seinen Status als Fußballgott in Frankfurt, frühere Beschimpfungen vor dem Fanblock, seine Lieblingstrainer und weshalb es ihm vor allem Sergej Barbarez angetan hat.

Alexander Meier, 35, hat einen ungemein langen Weg zurückgelegt, bis er in Frankfurt in den Olymp gehoben und zum Fußballgott erkoren wurde.

Herr Meier, Corona hat die Welt fest im Griff, wie verbringen Sie ihre freie Zeit?

Ich bin in meiner Heimat, oben in Buchholz bei meinem Vater. Ich gehe täglich joggen, manchmal sogar zweimal am Tag, abends mit meinem Vater. Normalerweise begleitet mich Alf (sein Golden Retriever; Anm. d. Red.) immer, aber er ist leider verletzt, hat etwas am rechten Bein. Alf muss erst mal pausieren und zum Physio (lacht). Mehr kann man ja nicht machen, Tennis oder Fußball ist ja nicht erlaubt.

Fehlt Ihnen der Fußball generell, nachdem Sie ja vor wenigen Monaten in Australien Ihre lange Karriere offiziell beendet haben.

Der Zeitpunkt, Schluss zu machen, war einfach gekommen. Das habe ich in Australien gemerkt. Es wurde für mich immer schwieriger, die Witterung, die Hitze hat mir zu schaffen gemacht. Und wenn es dir körperlich schwerer fällt, dann lässt auch die Motivation, die Leidenschaft und die Lust nach. Das war bei mir der Fall. Und ich habe ja immer gesagt, ich höre auf, wenn es körperlich nicht mehr geht und ich den Spaß verliere. Ich bin froh, dass in Sydney beides zusammenkam. So war es dann doch ein perfekter Zeitpunkt, der Abschied vom Fußball ist mir am Ende also relativ leicht gefallen.

Das war in Frankfurt noch anders, als Sie 2018 keinen Vertrag mehr bekommen haben.

Weil ich unbedingt noch spielen wollte und mich gut gefühlt hatte. Wenn ich damals aufgehört hätte, hätte ich das wahrscheinlich lange mit mir herumgetragen und immer gedacht; ,Alex, du hättest noch zwei Jahre spielen können.‘ So war das alles in Ordnung, Australien war noch mal ein Abenteuer zum Abschluss, und die Zeit bei St. Pauli vorher war auch cool, das hat gepasst, es war super und hat Spaß gemacht.

Ihre lange Karriere hat bei der Eintracht damals so richtig begonnen und Fahrt aufgenommen, das war 2004. Können Sie sich noch an die Anfangstage erinnern?

Natürlich, auch an das erste Spiel, das war auf dem Aachener Tivoli.

Erzählen Sie mal.

Wir hatten eine neue, junge Mannschaft zusammen, mussten uns erst finden. Die Alemannia war uns total überlegen, zur Halbzeit dachte ich, wir kriegen hier fünf Dinger. Aber dann kam es anders, ich habe mein erstes Tor gemacht, wir lagen 1:0 in Führung, aber kurz vor Schluss hat Aachen noch ausgeglichen.

Können Sie sich an das Tor noch erinnern?

Klar, Ochsi (Mitspieler Patrick Ochs; Anm. d. Red.) hat den Ball zurückgelegt, und ich habe ihn mit der Innenseite reingemacht.

Mit der Innenseite, was für eine Überraschung.

(lacht) Aber der Ball wäre gar nicht reingegangen, ein Spieler hat ihn noch abgefälscht. War Glück dabei.

Dabei hätten Sie gar nicht zur Eintracht gehen sollen. Ihre Mutter soll gar nicht glücklich darüber gewesen sein, weil es so viele Kriminalität in Frankfurt gebe.

Diese Geschichte hat Herri (der ehemalige Vorstandsvorsitzende Heribert Bruchhagen; Anm. d. Red.) immer erzählt. Also, ich war zwar bei diesem Gespräch nicht dabei, aber ich bin mir sehr sicher, dass meine Mutter das so gar nicht gesagt hat (lacht). Im Ernst: Das war wirklich nie ein Thema, und für mich war es auch kein Problem, das erste Mal weit von zu Hause weg zu sein.

Es hat sich ja relativ schnell eine Freundschaft zu Benjamin Köhler entwickelt.

Ja, wir waren gleich zusammen auf einem Zimmer, was sich auch nie mehr geändert hat. Daraus ist eine tiefe Freundschaft entstanden. Aber die Mannschaft damals war sowieso super, es gab einen guten Mix aus jungen und alten Spieler, da waren richtig coole Typen dabei: Markus Weissenberger, Stefan Lexa oder Alex Schur. Schui hat sowieso den ganzen Laden zusammengehalten.

Und als Trainer der ewige Friedhelm Funkel. Was ist er für ein Typ?

Friedhelm ist einfach ein super Mensch, total auf dem Boden. Und sein Training war auch klasse, gute alte Schule. Er hat in den fünf Jahren mehr als das beste aus den jeweiligen Mannschaften herausgeholt. Aber das war ja eh eine ganz andere Zeit, damals gab es keine Videositzungen, Gegneranalysen oder so was.

Friedhelm Funkel hat Sie auch immer verteidigt, es lief für Sie ja nicht immer so rund wie in den letzten Eintracht-Jahren.

Friedhelm hat halt Ahnung von Fußball (lacht). Ihr von der Rundschau habt mich ja auch oft genug kritisiert, wir hatten häufiger mal Zoff. Als junger Spieler ist man da halt auch empfindlicher, später prallt das an einem ab. Es ist aber wichtig für junge Spieler, einen Trainer hinter sich zu wissen, bei dem man sich mal ein schlechtes Spiel erlauben kann, ohne gleich draußen zu sitzen. Dieses Vertrauen ist am Anfang wichtig.

Weshalb wurden Sie anfangs eher kritisch gesehen?

Das weiß ich nicht. Bei mir kommt vielleicht auch die Größe dazu, das sah ja immer etwas schlaksig aus.

Mit Ihrem Kumpel Benny Köhler sind Sie am Fanzaun nicht nur einmal beschimpft worden.

Das hat einen abgehärtet, erwachsen und reifer werden lassen. Das gehört im Fußball halt auch dazu.

Wann begann denn Ihr persönlicher Aufstieg in den Rang des Fußballgottes?

Ich glaube, da spielte der Abstieg 2011 eine Rolle. Danach habe ich gleich gesagt: ,Ich mache mich hier nicht vom Acker, sondern bleibe da und versuche, den Karren wieder aus dem Dreck zu ziehen.‘ Ich glaube schon, dass die Menschen das honoriert haben.

Sie haben dann aber auch ein paar Tore geschossen, waren Torschützenkönig der zweiten Liga.

Das kam noch hinzu, ja.

Zur Person

2004 kam Alex Meier zur Eintracht, er, der Leisetreter, der Lulatsch, der so schüchtern und verschlossen wirkte. Niemand ahnte damals, dass dieser Bursche 14 Jahre später als Publikumsliebling, Identifikationsfigur und Klubikone den Verein vorübergehend verlassen sollte. Alex Meier, der Mann mit dem Zopf, ist in die Fußstapfen der großen Eintracht- Idole getreten. Meier, Torschützenkönig in Liga eins und zwei, wird nach Corona zur Eintracht zurückkehren und im Jugendbereich am Riederwald seine Sporen verdienen. Er soll Individualtrainer für die Stürmer werden.

Und Armin Veh hat Ihnen Vertrauen geschenkt. Welche Rolle spielte er?

Unter Armin Veh habe ich definitiv den größten Sprung gemacht, als Fußballer, aber auch als Mensch. Er hat mir Verantwortung gegeben, mich gestärkt, und als sich Pirmin (Spielführer Schwegler; Anm. d. Red.) im Trainingslager den Zeh gebrochen hat, hat Veh mich zum Kapitän gemacht. Das hat mir einen großen Schub und Selbstvertrauen gegeben. Ich wurde von einem Jugendspieler zum Erwachsenen, zu einem richtigen Profi. Armin Veh war ein super Trainer, ich habe ihm sehr viel zu verdanken.

Unter Veh ist die Eintracht als Aufsteiger in die Europa League gestürmt. Es war, wenn man so will, der Startschuss zu diesen europäischen Glanzlichtern, die bis heute andauern.

Wir hatten damals eine richtig gute Truppe: Rode, Schwegler, Inui, Aigner, hinten Jung, Zambrano, Bamba Anderson, Trapp im Tor – es war kein Zufall, dass wir lange Zeit ganz weit oben standen.

Am Ende hat es für die Europa League gereicht, welche Erinnerung haben Sie daran?

Vor allem an die Reise nach Baku, das war neu und aufregend für uns, etwas ganz Spezielles.

Was der Tiefpunkt Ihrer Eintracht-Zeit?

Der Abstieg 2011. Ganz klar.

Unter Christoph Daum.

Ach, Christoph Daum konnte damals nichts mehr retten, als er kam. Wir waren da schon völlig am Boden, dem Abstieg geweiht. Er hat alles probiert, gemeinsames Frühstück, was damals noch nicht üblich war, viele Videoanalysen, Motivationsreden. Aber da ging nichts mehr bei uns.

Sie sagten interessanterweise mal, dass Sie die Zeit unter Thomas Schaaf sehr genossen haben.

Ich kann nur sagen, dass er immer ein offenes Ohr hatte, man immer mit ihm reden konnte. Wir sind super klargekommen. Und sein Training fand ich echt klasse, fast alles mit dem Ball, immer voll auf Offensive ausgelegt, viele Torschüsse. Hat richtig Spaß gemacht. Es gab immer spektakuläre Heimspiele, und ich bin unter ihm Torschützenkönig geworden.

Welche Bedeutung hatte der Titel des Torschützenkönigs für Sie?

Das war etwas ganz Besonderes, auch wenn es damals komisch war, weil die drei Führenden die letzten acht Spiele gar nicht mehr gemacht haben, Arjen Robben, Robert Lewandowski und ich waren alle verletzt. Aber ich denke in zehn Jahren, wenn man anders auf seine Karriere zurückblickt, wird der Stellenwert wohl noch mal steigen.

Worin lag Ihre Popularität begründet? Es wurde ja sogar ein Lied für Sie geschrieben.

Ich weiß es nicht, mir war das manchmal sogar ein bisschen unangenehm. Ich bin ja einfach so geblieben, wie ich immer war. Ich habe mich nie als etwas Besonderes gesehen. Ich bin kein Star, ich bin Alex. Ich freue mich, wenn ich nach Frankfurt komme und die Leute sich freuen, mich zu sehen, sie sind nett zu mir. Ganz so blind war ich dann vielleicht doch nicht (lacht).

Ihr Abschied, der unter Niko Kovac eingeleitet wurde, hat Sie geschmerzt. Sind die Wunden verheilt?

Natürlich war ich ein bisschen traurig und enttäuscht, das ist aber nach 14 Jahren ganz normal. Jetzt ist alles gut, und ich freue mich sehr, wieder zur Eintracht zurückzukehren. Wir waren unter Niko Kovac sehr erfolgreich. Ich hatte persönlich nie ein Problem mit ihm. Er ist ein guter Trainer. Da ist gar nichts hängengeblieben.

Und dann gab es ja noch diesen magischen Moment, als Sie, gerade eingewechselt nach langer Verletzung, gegen den HSV ihr letztes Tor für die Eintracht geschossen haben und erwachsene Menschen auf der Tribüne hemmungslos geweint haben.

Das werde ich niemals in meinem Leben vergessen. Ich haue den Ball rein, und auf einmal fühlte es sich an, als würde das Stadion explodieren, die Menschen lagen sich in den Armen, es war so unglaublich laut. Das war der blanke Wahnsinn. Im Nachhinein gibt es eigentlich keinen schöneren Abschied als diesen.

Der Ball war gar nicht so leicht zu nehmen.

Nein, das war nicht leicht, ich bin volles Risiko gegangen. Rein oder nicht halt. War zum Glück drin.

Ein Tor mit der Innenseite, so wie Ihre Karriere in Frankfurt begonnen hat. Da schließt sich der Kreis.

Ich kann mit Spann ja gar nicht schießen (lacht).

Eine Woche später saßen Sie beim Pokalfinale nur auf der Tribüne. Wie bitter war das?

Natürlich war ich enttäuscht, das wäre noch mal ein Highlight gewesen. Aber andererseits war es so okay, die Jungs, die sich bis ins Finale gekämpft hatten, sollten da auch dabei sein. Von daher war das in Ordnung. Den Tag danach mit dem wahnsinnigen Empfang in Frankfurt werden wir aber alle sowieso nicht vergessen, das erlebt man nur einmal in seinem Leben.

Wenn Sie zurückblicken: Welchen Spieler würden Sie als den besten bezeichnen, mit dem Sie zusammengespielt haben?

Sergej Barbarez damals beim HSV. Er war in der Blüte, ich noch ganz jung. Zu ihm habe ich aufgeschaut, er war raffiniert, ein Schlitzohr, technisch stark, fußballerisch brillant, torgefährlich. Das war ganz großes Kino. Bei der Eintracht gibt es auch eine einige, Seppl Rode, Schwegler, Jermaine Jones, Chris war auch überragend. Als Stürmer sicher Luka Jovic, das Potenzial habe ich sofort erkannt, der Junge hat ein Torabschluss rechts wie links, einen Instinkt, unglaublich.

Interview: Ingo Durstewitz

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