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Die größte Chance für die Eintracht: Martin Hinteregger (Nummer 13) köpft, aber nicht ins Tor, sondern vorbei – den kann man auch mal reinmachen.

Europa League

Die zweite Hälfte macht Mut

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  • Ingo Durstewitz
    Ingo Durstewitz
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Eintracht Frankfurt saugt aus der imponierenden zweiten Hälfte Selbstvertrauen für den Showdown im Rückspiel in Mailand.

Der sonst eher hinter den Kulissen werkelnde Axel Hellmann hat die Gabe, auf öffentlicher Bühne präzise und gleichzeitig bilderreich zu formulieren, und so fasste der Eintracht-Vorstand den festlichen Abend im Herzen von Europa punktgenau zusammen. „Das Gesamtkunstwerk war sehr beeindruckend“, fand der 47-Jährige nach dem 0:0 im Achtelfinalhinspiel gegen Inter Mailand. „Das war Europa auf einem anderen Niveau.“

Hellmann meinte die Anmutung im Stadion, die Choreographie, die knisternde Atmosphäre und die Ansammlung an Stars und Sternchen auf der Tribüne, aber vor allem auch das, was auf dem Platz passierte. Da ist Eintracht Frankfurt schwer gefordert worden, musste erst mal die Ehrfurcht und Scheu ablegen, um dem großen Klub Inter Mailand einen packenden Fight liefern und ihn in Bedrängnis bringen zu können. „Das ist eine richtig gute Mannschaft“, bekundete Hellmann anerkennend. Der Jurist fiebert schon jetzt dem Rückspiel entgegen, dann wird ein Team auf die Bretter geschickt werden und aus dem Wettbewerb ausscheiden – egal, wie. „Das ist ein 100-Prozent-Spiel, es kommt zum Showdown“, so Hellmann. „Jetzt gibt es ein Endspiel, und wir haben gezeigt, dass wir Endspiele können.“ Gemeint ist der Pokaltriumph im Finale gegen die Bayern im Mai 2018, der ja erst den Weg aufs internationale Parkett ebnete. Der Marketingchef der Eintracht ist der Überzeugung: „Wir haben die Mentalität, gegen jeden Gegner mithalten zu können.“

Eintracht-Spieler in der Einzelkritik: Das Klassenbuch 

Auf die Einstellung und die Bereitschaft wird es am kommenden Donnerstag sicherlich ankommen im Giuseppe-Meazza-Stadion, aber es geht auch um eine fußballerische Grundqualität, die die Italiener zu Genüge mitbringen, wie sie in Frankfurt zumindest 45 Minuten lang zeigten. Der zweite Abschnitt demonstrierte aber genauso sichtbar, dass die Mailänder sehr wohl verwundbar und bezwingbar sind, da kamen sie nur noch selten aus der eigenen Hälfte, eine eigene Möglichkeit kreierten sie nicht. Zudem schien es so, als könne Inter körperlich nicht mehr nachlegen. Diesen Eindruck hatte auch Eintracht-Torwart Kevin Trapp: „Die Mailänder waren am Ende müde, die konnten fast nicht mehr.“ Die Hessen hingegen, fand Trainer Adi Hütter, seien „physisch in sehr guter Verfassung.“ Auch deshalb und zur besseren Regeneration vor dem Bundesligaspiel am Montagabend bei Fortuna Düsseldorf (20.30 Uhr/live Eurosport) gab er der Mannschaft am Samstag frei.

Die zweite Hälfte dient der Eintracht als Mutmacher, da hat sie gesehen, dass sie auch ein europäisches Topteam in die Bredouille bringen kann, wenn sie sich an ihre Urtugenden erinnert, den Respekt vor dem Kontrahenten und die Fesseln ablegt. „Die zweite Halbzeit hat mir imponiert. Das macht Mut für das Rückspiel“, sagte Hütter. Die ganz großen Gelegenheiten blieben dennoch aus, die vielversprechendste hatte Verteidiger Martin Hinteregger, der einen Kopfball freistehend vorbei setzte und sich darüber mächtig ärgerte: „Das muss zu 100 Prozent ein Tor sein.“ War es aber nicht. „Martin hätte seine wieder großartige Leistung damit krönen können“, bedauerte der Coach.

Eintracht reicht Remis - wenn sie mindestens ein Tor erzielt

Trotzdem waren sie im Frankfurter Lager sehr einverstanden mit dem Resultat, auch mit der Leistung. „Wir haben in der zweiten Hälfte extrem offensiv und mutig verteidigt“, sagte Hinteregger, das Risiko sei man bewusst eingegangen, „obwohl man immer im Hinterkopf hat, wie wichtig es ist, zu Null zu spielen.“

Die Ausgangslage hat sich nun ein wenig verschoben, der Eintracht reicht durch die Auswärtsregel ein Remis mit Toren, um ins Viertelfinale einzuziehen, Inter hingegen muss gewinnen. „Sie sind unter Zugzwang“, betonte Trainer Hütter, der die Favoritenrolle dennoch den Italienern zuschusterte. „Wir werden unsere Chancen aber zu 100 Prozent bekommen“, relativierte der Österreicher. Der umtriebige und fußballerisch stark verbesserte Sebastian Rode flankierte: „Wir sind überall in der Lage ein Tor zu schießen.“ Auch wenn es gegen die beiden Abwehrkanten Milan Skriniar (Marktwert 60 Millionen) und Stefan de Vrij (45 Millionen) nicht so leicht fällt – kein Wunder, dass beide einen solch üppigen Marktwert haben. „Das sind Top-Innenverteidiger, das ist nicht so einfach, gegen die ein Tor zu machen“, findet Hütter.

Inter wird die Begegnung in der kommenden Woche allerdings nicht sorgenfrei angehen können, der Wirbel um den bockigen und angeblich angeschlagenen Stürmerstar Mauro Icardi ebbt nicht ab, und ob das verletzte Mittelfeld-Ass Radja Nainggolan wird mittun können, ist ebenso fraglich. Die Mailänder müssen in jedem Fall zwei weitere Akteure ersetzen, Angreifer Lautaro Martinez und Linksverteidiger Kwadwo Asamoah sind fürs Rückspiel gelbgesperrt. Inter gehen damit langsam die Stürmer aus.

Der Eintracht würde es ganz gut passen, wenn der am Knie malade Ante Rebic wieder würde mitmischen können, mit seiner Wucht und Dynamik bringt er eine andere Note ins Spiel, der Eintracht-Auftritt würde unberechenbarer und ungestümer. Der 25-Jährige kommt erst am Dienstag von seinem Vertrauensarzt in Belgrad zurück. „Wäre schön, wenn er eine Option für Mailand wäre“, sagte Hütter.

Zurzeit lebt das Eintracht-Spiel vor allen Dingen über die schnellen Außen, die immer wieder versuchen, die Abwehr des Gegners aufzureißen, gerade Filip Kostic tut sich da besonders hervor. Er ist längst zu einem Spieler von internationalem Format gereift, sein Pensum, seine Dribblings und seine Wucht suchen momentan ihresgleichen. Im altehrwürdigen San Siro wird es auf die Tagesform ankommen, auf Nuancen, „auf Kleinigkeiten“, wie Hellmann sagt. „Wer macht weniger Fehler, wer hat das nötige Spielglück.“ An Unterstützung wird es der Eintracht nicht mangeln, rund 15 000 Frankfurter Fans werden im Stadion sein. Das sollte zusätzlichen Schub geben.

Eintracht-Trainer Hütter für die Partie in Mailand gesperrt

Allerdings hatte die Partie am Donnerstag ein juristisches Nachspiel für Adi Hütter. Der 49-Jährige war vom schottischen Schiedsrichter William Collum nach einem Tritt gegen eine Wasserflasche aus Wut über einen nicht gegebenen Strafstoß auf die Tribüne geschickt worden. Dieses Fehlverhalten, selbst aus der Emotion heraus, zieht laut Uefa-Regularien eine automatische Sperre von einem Spiel nach sich. Adi Hütter wird also im wichtigsten Spiel dieses Jahres in Mailand nicht auf der Trainerbank sitzen dürfen. Für seinen kurzen Ausraster entschuldigte sich der ansonsten so zurückhaltende Trainer umgehend. „Diese Bilder haben mir nicht gefallen, das macht man nicht, das gehört sich nicht. Aber ich habe niemanden verletzt und niemanden beleidigt.“ Zuletzt war Hütter vor acht Jahren, damals noch in Altach tätig, auf die Tribüne verbannt worden.

Die Flasche ist übrigens nicht schnöde entsorgt worden, Justiziar Philipp Reschke sammelte sie ein und übergab sie noch am Abend Matthias Thoma. Das ist der Museumsdirektor und Hüter der Eintracht-Schätze – zu ihnen gehört nun auch Adis zerlegte Trinkpulle aus dem Inter-Spiel.

Pressestimmen aus Italien

„Gazzetta dello Sport“: „Die Frankfurter Mauer hält. Die Nerazzurri schaffen keinen Treffer, auch wenn sie wesentlich stärker sind. Danach halten sie den deutschen Furien Stand. Die Frankfurter jagen bis zur letzten Sekunde das Tor, aber ohne Klarheit im Kopf. Inter kann nur hoffen, dass sich dieser Zustand im Rückspiel nicht ändern wird.“

„Corriere dello Sport“: „Inter hält in der Hölle von Frankfurt den Gegnern Stand. Das Spiel hinterlässt bei Trainer Spalletti aber mehr Reue als Zufriedenheit. Inter verschießt in einer ersten Halbzeit, die mit Persönlichkeit und Mut gespielt wurde, einen Elfmeter, der das Match hätte ändern können.“

„Tuttosport“: „Inter leidet weniger unter dem Druck der Eintracht, sondern unter seinen eigenen Problemen. Die Verbitterung über Brozovics vergebenen Elfmeter ist groß.“ (sid)

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