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Gar nicht leicht, sich den Gegner vom Leib zu halten: Eintracht-Profi de Guzman im Duell mit Taison.

Eintracht Frankfurt - Schachtjor Donezk

WM-Feeling im Stadtwald

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Mit dem Stadion im Rücken will Eintracht Frankfurt gegen Schachtjor Donezk ins Achtelfinale einziehen.

Peter Fischer, der sehr umtriebige und in diesen turbulenten Tagen auch ein wenig aufgeregte Präsident von Eintracht Frankfurt, hat am gestrigen Mittwoch beim morgentlichen Anziehen nicht lange vor dem häuslichen Schuhschrank überlegen müssen. Zielsicher griff er nach den weiß-grauen Sportschuhen, die zwar nicht perfekt zum Anzug passten, aber unbedingt getragen werden mussten. „Es sind die Schuhe, die ich auch am Tag vor dem Pokalfinale in Berlin getragen habe“, erzählte Fischer. Er wird die Glückstreter auch heute Abend im Stadion tragen, wenn ab 18.55 Uhr (live RTL Nitro/DAZN) Eintracht Frankfurt den entscheidenden Schritt ins Achtelfinale tun und Schachtjor Donezk aus dem Wettbewerb katapultieren will.

Es ist, das ist kein Geheimnis, für Eintracht Frankfurt das bisher wichtigste Spiel der Saison, es wird vermutlich ein magisches Spiel werden unter Flutlicht, ein Spiel, an das man sich noch erinnern soll, vielleicht ein Spiel, das neue Weichen stellt. Die Vorfreude auf diese Partie mit „absolut hoher Bedeutung“, so Trainer Adi Hütter, jedenfalls ist riesengroß, die Spannung ist in der Stadt mit Händen zu greifen.

Fernandes fehlt, Abraham und Rode im Training

„WM-Feeling“ hat Fischer längst ausgemacht, „die ganze Stadt hat Fieber“. Und überall, sei es beim Metzger, sei es in der Kleinmarkthalle, sei es bei Bänkern, dort, wo Fischer am Dienstag einen Vortrag gehalten hat, gebe es nur ein Thema: „Wie wir Schachtjor schlagen“. Das Stadion ist mit 48 000 Zuschauern restlos ausverkauft, 80 000 Tickets hätte man locker loswerden könnte, sagte Vorstand Axel Hellmann, etwa 470 ukrainische Fans werden in Frankfurt erwartet, auch 39 Journalisten, es wird wieder eine grandiose Choreographie geben über alle vier Tribünen und mit Musik von AC/DC, die Vorbereitungen dazu laufen seit Tagen.

„Es wird Starkstrom im Stadion herrschen“, vermutet Fischer. Und der Präsident ist sich auch sicher: „Das Stadion wird das Spiel gewinnen“. Die Arena im Stadtwald soll zum Hexenkessel werden, ein Hexenkessel, der selbst den ausgebufften Profis aus Donezk, gespickt mit ukrainischen und brasilianischen Nationalspielern, kräftig einheizen soll. Alles ist angerichtet für eine zauberhafte Nacht. Man wolle alles dafür tun, damit „wir am Abend ein Fest feiern können“, sagt Trainer Hütter, der die Frankfurter Anhänger als „das Nonplusultra in Europa“ adelte.

Es ist ein Spiel, das auch Hütter einiges abverlangt. Der Fußballlehrer aus Österreich muss die richtige taktische Vorgabe ausgeben, muss die Balance finden. Denn so positiv ein 2:2 aus dem Hinspiel auf den ersten Blick aussieht, so gefährlich ist es. Wie soll Eintracht Frankfurt in dieses Spiel gehen? Alle Unentschieden unterhalb des Hinspielergebnisses würden den Hessen zum Einzug ins Achtelfinale reichen, dazu jeder Sieg. Gestern bei der obligatorischen Pressekonferenz sprach Hütter auffällig oft davon, das Ergebnis verteidigen zu wollen. „Alle gemeinsam wollen wir möglichst keine Torchance zulassen“, sagte Hütter. „Es geht nicht darum, ein wunderschönes Spiel abzuliefern. Es geht darum, in die nächste Runde einzuziehen“, so der Trainer erstaunlich pragmatisch. Für ein Weiterkommen zahlt die Uefa übrigens 1,1 Millionen Euro. Die Hessen hätten dann neun Millionen an Fernsehgeldern eingenommen, mit Zuschauereinnahmen kamen bis jetzt etwa zwölf Millionen Euro brutto zusammen.

Auf keinen Fall wolle man den flinken, technisch enorm starken Offensivkräften der Ukrainer ins offene Messer laufen. „Wenn man ihnen Räume anbietet, kann können sie einem wehtun.“ Das hat Eintracht Frankfurt im Hinspiel am eigenen Leib erfahren müssen, als Schachtjor sich – mit einem Mann weniger – zurückziehen konnte, den Hessen die Mühe des Spielaufbaus überließ, um dann bei Gelegenheit eminent gefährlich zu kontern. In diese Falle will Eintracht Frankfurt nicht tappen. Andererseits sind die Ukrainer gezwungen, selbst aktiv zu werden, denn sie müssen mindestens einen eigenen Treffer erzielen. Das wiederum gibt den Frankfurtern Möglichkeiten. „Wir wollen Nadelstiche setzen.“

Dass sie in Frankfurt übrigens mit bangem Blick auf das letzte Spiel im Sechzehntelfinale schauen, als der Eintracht im Februar 2014 ein 2:2 im ersten Spiel nicht zum Weiterkommen gegen den FC Porto reichte (siehe nebenstehenden Bericht), hat für Hütter keine Bewandtnis. „Ich habe mit der Vergangenheit nichts am Hut.“ Diese erstaunliche Parallele interessiere ihn nicht – ohnehin stehen lediglich noch drei Spieler aus jener Mannschaft, nämlich Kevin Trapp, Marco Russ und Sebastian Rode, im aktuellen Kader.

Was die ganze Angelegenheit heute Abend für den 49 Jahre alten Fußballlehrer noch komplizierter macht, ist die Besetzung des defensiven Mittelfelds. Der etatmäßige Sechser, Gelson Fernandes, kann nicht spielen, seine muskulären Probleme, die im Spiel gegen Mönchengladbach auftraten, sind nicht behoben, Sebastian Rode, der seit einer Wochen wegen einer nicht näher erklärten Blessur an der Wade kürzer treten muss, absolvierte zwar am Mittwoch das Abschlusstraining, ob er aber schon wieder im Vollbesitz seiner Kräfte ist, ist offen. Über seinen Einsatz wird erst kurz vor Spielbeginn entschieden. Auch David Abraham trainierte gestern mit. Der Kapitän hat aber zuletzt Ende Januar gegen Werder Bremen gespielt und seither wegen Wadenproblemen allenfalls individuell trainiert. Mit seiner Schnelligkeit freilich könnte er in diesem Spiel besonders wichtig werden.

Als ausgeschlossen gilt, dass Hütter seinen derzeit besten Mann ins defensive Mittelfeld rückt: Makoto Hasebe, seit Monaten in Top-Form, wird auch heute die Dreierkette organisieren. „Das Wichtigste ist“, sagt der Japaner, „dass wir gut verteidigen“. Er selbst versuche und das seit Wochen, einfach „nur konstant zu spielen“. Für das Abwehrbollwerk ist Hasebe derzeit unersetzlich. Manches spricht also dafür, dass die Eintracht mit zwei Spitzen agieren wird und Mijat Gacinovic, Jonathan de Guzman und, sofern er kann, Rode, das Mittelfeld eng machen sollen.

Eines hat Adi Hütter am Tag vor der Begegnung „mit dem riesen Stellenwert“ nicht getan: Speziell Elfmeter geübt. Es kann ja durchaus sein, dass nach einem 2:2 nach Verlängerung die Entscheidung vom Punkt gefunden werden muss. Hütter hält da nichts davon. „Das bringt nix. Wenn es dann um die Wurscht geht, denkst du nicht daran, was am Tag zuvor beim Training passierte.“ Und es geht um ein bisschen mehr als nur die Wurscht.

Voraussichtliche Aufstellungen

Frankfurt: Trapp - Hinteregger, Hasebe, Ndicka - da Costa, Kostic - Gacinovic, Rode, de Guzman - Haller, Rebic.

Donezk: Pjatow - Butko, Bondarenko, Chotscholawa, Ismaily – Kowalenko, Alan Patrick – Marlos, Malyschev, Taison – Junior Moraes.

Schiedsrichter: Antonio Mateu Lahoz (Spanien)

Es fehlen der Eintracht: Fernandes (Muskelprobleme), Torro, Chandler (Aufbautraining).

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