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Eintracht Frankfurt reist in die Vergangenheit

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Von: Ingo Durstewitz

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So wars vor vielen Jahren: Yeboah (re.) läuft dem Neapolitaner Tarantino davon.
So wars vor vielen Jahren: Yeboah (re.) läuft dem Neapolitaner Tarantino davon. Foto: A.Harder © Imago

Eintracht Frankfurt trifft im Champions League-Achtelfinale auf den SSC Neapel, dennoch rechnen sich die Hessen gute Chancen aus. Warum auch nicht?

Als die Eintracht das letzte Mal in die süditalienische Hafenstadt am Golf von Neapel reiste, hatten die meisten aktuellen Frankfurter Spieler noch nicht einmal das Licht der Welt erblickt. Selbst Sportvorstand Markus Krösche, heute 42 Jahre alt, war damals, 1994, geschmeidige 14 und pflügte für die Sportfreunde Ricklingen aus Hannover durchs Mittelfeld. Lange her.

Seinerzeit traf die Eintracht zum ersten und einzigen Mal auf den SSC Neapel, die Gli Azzurri, die Blauen, Uefa-Cup-Achtelfinale. In Frankfurt siegten die Hessen durch ein Eigentor mit 1:0, auch im Rückspiel behielten sie die Oberhand, Ralf Falkenmayer schoss die Eintracht eine Runde weiter (wo Juve dann Endstation war). Das war am 6. Dezember 1994, wenige Tage zuvor, zwischen Hin- und Rückspiel, war es aber zum großen Knall am Riederwald gekommen, ein gewisser Jupp Heynckes hatte das famose Dreigestirn um Jay-Jay Okocha, Tony Yeboah und Maurizio Gaudino suspendiert. Im ersten Duell mit Napoli standen alle Drei in der Startelf, dann war Sense. Bis heute glauben nicht wenige, dass dieser Rauswurf der Anfang vom Ende für die große Eintracht war, dass dort eine Zäsur stattfand und viele Jahre des Misserfolgs mit vier Abstiegen eingeläutet wurde. Es hat zweieinhalb Jahrzehnte gedauert, ehe der Klub wieder in etwa dort positioniert ist, wo er damals stand.

Insofern ist es ein Trip in die Vergangenheit, wenn der Frankfurter Bundesligist im neuen Jahr zum zweiten Mal in seiner Geschichte nach Kampanien reisen wird, zum zweiten internationalen Aufeinandertreffen mit dem SSC Neapel. Dieses Mal noch eine Nummer größer, Champions League, Achtelfinale. Ein schwieriger Gegner, den Ex-Profi Hamit Altintop im schweizerischen Nyon den Frankfurtern zuloste, Napoli hat die Gruppe vor dem FC Liverpool abgeschlossen, steht souverän an der Tabellenspitze der Serie A, 13 Spiele, elf Siege, zwei Remis, sechs Punkte vor dem AC Mailand. Das ist ein dickes Brett.

Sportvorstand Krösche aber zuckt nur mit den Schultern. „Es war doch klar, dass wir jetzt im Achtelfinale einen Brocken bekommen. Es ist eine richtig gute Mannschaft, die viel Erfahrung hat, stabil ist und eine sehr gute Saison spielt“, sagt er und gibt sich dennoch selbstbewusst. „Wir werden sehen, dass wir unseren Fußball auf den Platz bekommen. Wir müssen eine Topleistung bringen, an die 100 Prozent und an unsere Leistungsgrenze kommen, dann haben wir eine sehr gute Chance weiterzukommen. Unser Ziel ist ganz klar: Wir wollen ins Viertelfinale.“

Trotzdem hätte es in Nyon besser laufen können, auch Benfica Lissabon oder der FC Porto waren mögliche Kontrahenten, allerdings sind sie auch den fast unbezwingbaren Opponenten Manchester City und Real Madrid aus dem Weg gegangen, und ändern kann man es ja sowieso nicht.

Ganz lustig: Schon vor der Zeremonie galt der SSC Neapel aufgrund der Konstellation der Töpfe und nicht möglicher Paarungen (gleiches Herkunftsland, bereits Gegner in der Gruppenphase) mit 22,22 Prozent als wahrscheinlichster Widerpart. So kam es denn auch.

Ausgespielt wird die Runde des letzten 16 zwischen dem 14. Februar und 15. März. Fest steht, dass die Eintracht als Tabellenzweiter zunächst Heimrecht hat und dann im Stadio Diego Armando Maradona antreten wird, der Arena, die nach der unerreichten und in Neapel vergötterten Ikone benannt ist. Nach Italien werden mindestens 10 000 Eintracht-Fans reisen. Da wird es auf das Verhandlungsgeschick von Vorstand Philipp Reschke ankommen, ob die SSC-Verantwortlichen womöglich mehr Karten als das übliche und offiziell zustehende Kontingent zur Verfügung stellen werden.

Sportlich gesehen ist Gegner Napoli, wie Trainer Luciano Spalletti sagte, zunächst einmal froh, nicht auf Paris St. Germain zu treffen. Der Coach warnt dennoch pflichtgemäß vor dem deutschen Starter. „Sie sind Titelverteidiger der Europa League, und sie sind als Mannschaft im Aufwind. Das wird eine schwierige Aufgabe.“

Natürlich geht die Eintracht, wie so oft auf diesem Niveau, als Außenseiter in die beiden K.o.-Duellen, aber sie ist gewiss nicht chancenlos. Wenn sie ihre ganz spezielle Haltung und ihre innere Kraft beschwören kann, kann sie es mittlerweile mit fast jedem Gegner aufnehmen. „Ich denke nicht, dass Neapel super happy ist, auf uns zu treffen“, sagt denn auch Manager Krösche.

Der Sportchef kehrt die eigene Stärke nach außen, Kleinmachen gibt es nicht mehr. „Wir haben eine richtig gute Mannschaft, wir haben uns gefunden, eine Überzeugung und werden uns noch weiterentwickeln. Wir haben in der Gruppenphase gezeigt, was wir zu leisten im Stande sind.“

Unwägbarkeiten bleiben natürlich, niemand kann jetzt ernsthaft einschätzen, wie die Mannschaften Mitte Februar aussehen, in welcher Verfassung und Form sie sich befinden. Dazwischen liegen drei Monate und eine Weltmeisterschaft in der Wüste. Daher ist Neapel noch weit weg.

Vorher muss die Eintracht noch die Mühen des Alltags bewältigen, aber was heißt das schon, Mühen des Alltags? Sie macht derzeit nicht den Eindruck, als fiele es ihr besonders schwer, in allen Wettbewerben zu bestehen und zu reüssieren. Unterschiede zwischen Glanzlichtern in der Königsklasse und Auftritten in der Bundesliga sind kaum zu erkennen. Seriös nimmt die Mannschaft jedes Spiel an.

Selbst in Augsburg jetzt, als nicht wenige auf einen Ausrutscher wetteten, setzten sich die Frankfurter mit einem coolen Vortrag mit 2:1 durch. Sie haben durch die vielen Erfolge ein neues Selbstverständnis in ihrem Spiel, Selbstvertrauen bis zum Anschlag. Zweifel lässt auch der Trainer nicht zu. „Am Ende, das habe ich den Jungs gesagt, entscheiden wir, wie das Spiel ausgeht“, berichtet Oliver Glasner von der Besprechung vor dem Augsburg-Spiel. „Und sie haben sich dafür entschieden, das Spiel zu gewinnen.“ So einfach kann es manchmal sein, wenn man die Welle reitet.

Am Mittwoch (20.30 Uhr) geht es in der Liga weiter, dann kommt die TSG Hoffenheim nach Frankfurt, am Sonntag steht das letzte Spiel in diesem Jahr in Mainz an. Die Eintracht hat sich mit 23 Punkten auf die Lauer gelegt, mehr Zähler (25) hatte sie zuletzt vor sechs Jahren unter Niko Kovac. Am Ende kam sie nach einem kolossalen Einbruch freilich nur als Elfter ins Ziel. Wie in der letzten Saison. Das ist nun ganz sicher nicht mehr der Anspruch von Eintracht Frankfurt.

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