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Eintracht Frankfurt: Vom Gipfel in die Niederungen

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Von: Ingo Durstewitz

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Applaus für die Unterlegenen: Real-Trainer Carlo Ancelotti und die Champions aus Madrid zollen der Eintracht Respekt.
Applaus für die Unterlegenen: Real-Trainer Carlo Ancelotti und die Champions aus Madrid zollen der Eintracht Respekt. © IMAGO/HMB-Media

Eintracht Frankfurt hakt die Supercup-Pleite gegen Real Madrid schnell ab und fokussiert sich voll auf Hertha BSC.

Der dürre Fakt zuerst: Eintracht Frankfurt ist nicht Europas beste Mannschaft. Das ist Real Madrid, spanischer Meister, Champions-League-Sieger und seit Mittwochabend Supercup-Gewinner. Mehr geht nicht. Okay, dass die Eintracht so rein fußballerisch nicht die Größte und Tollste ist, das hat manch einer vielleicht schon dunkel erahnt, sie hat Europa gerockt in der Vorsaison, sie war aufregend, weil sie gegen das Establishment rebelliert und dem Fußball etwas von seiner Ursprünglichkeit, seinem Grundgedanken zurückgegeben hat: Ein willensstarker, aufmüpfiger Underdog holt einen ganz großen Titel. Schön. Aber Europas beste Mannschaft, wie so oft besungen, nein, natürlich nicht.

„Real Madrid“, sagte Sportvorstand Markus Krösche nach der 0:2-Pleite im Supercup gegen die Spanier, „ist nicht unser Maßstab. Unser Maßstab ist Hertha BSC, daran lassen wir uns messen.“ Ein ganz schöner Absturz, gefühlt: Gestern noch auf du und du mit den Schillerndsten des Planeten, heute schon in den Niederrungen der nationalen Liga. So ist das im Fußball, so schnell geht’s.

Eintracht Frankfurt hat sich in Helsinki teuer verkauft, eben so gut es ging, die Hessen haben alles herausgeholt, was derzeit in ihnen drinsteckt und sich deutlich gesteigert im Vergleich zur 1:6-Blamage gegen Bayern München, noch so ein exklusives Topteam von europäischem Format. Das war auch nicht schwer. Die Eintracht hatte sogar die Chance, durch Daichi Kamada ein Tor zu erzielen – eine Chance, das Spiel zu gewinnen, hatte sie aber nie. Dass das nicht genug sein würde, um Real Madrid in die Knie zu zwingen, ist keine Überraschung. Zwischen beiden Klubs liegt mehr als eine Klasse. „Das ist nicht schlimm“, findet Manager Krösche. „Das ist ein anderes Level.“ Die Bundesliga sei das Kerngeschäft, „das ist die Basis für alles andere, darauf liegt unser Fokus.“

Und deshalb hat die Sportliche Führung die Terminierung des kommenden Spieltags mit einigem Zähneknirschen akzeptiert, denn dass die Eintracht nur 63 Stunden nach ihrem Gastspiel in Skandinavien schon wieder in Berlin bei der Hertha antreten muss, Samstag (15.30 Uhr/Sky), schmeckt den Verantwortlichen gar nicht. „Ich hoffe, dass wir nicht so müde sind“, wirft Coach Glasner ein. „Wir hätten uns eine Ansetzung am Sonntag gewünscht, wir haben hier ja immerhin die deutsche Bundesliga vertreten. So müssen wir jetzt am Samstag bei über 30 Grad ran.“ Nicht optimal, aber auch nicht mehr zu ändern.

Genauso wie der Start in die neue Spielzeit, der mit einem 4:0 im Pokal in Magdeburg ordentlich begann, dann aber mit zwei Pleiten gegen absolute Topteams fortgesetzt wurde und also eher als suboptimal zu bewerten ist. Trainer Glasner ist zwar Realist und sieht die Unterschiede zu den Spitzenvereinen, „doch es fällt mir schwer, das zu akzeptieren, das nagt an mir“. Klar könne er sagen: „Okay, ja, das ist so, das ist ein anderes Level, dafür reicht es noch nicht, aber das ist nicht meine Herangehensweise.“

Jeder Einzelne im Verein müssen den Ehrgeiz entwickeln und die Ambitionen haben, sich stetig zu verbessern und näher ans Maximum zu rücken. „Wir haben an unserem oberen Limit gespielt“, führt der Österreicher aus. Aber die Frage sei: „Wie weit können wir unser Level noch nach oben schieben?“ Glasner ist zuversichtlich, dass sich die Mannschaft und der Verein sukzessive in diese Richtung entwickeln werden: „Wir werden unsere Grenzen immer weiter nach oben schieben und eine tolle Saison spielen.“ Was zu beweisen wäre.

Klar ist, dass auch die Spieler ein bisschen was wegstecken mussten in den vergangenen Monaten, gerade mental. Oliver Glasner nennt da exemplarisch den Frechdachs Ansgar Knauff, gerade mal 20 und am Mittwoch als Rookie der Europa League ausgezeichnet. „Er hat vor ein paar Monaten noch in der dritten Liga gespielt“, gibt der Trainer zu bedenken. „Da passiert auch was im Kopf. Es geht nicht so kometenhaft weiter, sonst würde er bei Real Madrid spielen.“ Insgesamt aber, und dabei bleibt Glasner: „Wir haben super Jungs mit einer super Mentalität.“

Die aber ohne Filip Kostic, ihren Besten, auskommen müssen. Wie schmerzvoll dieser Verlust ist, zeigte schon die Partie gegen Real. Die linke Seite könnte schnell zur Problemzone werden. Obwohl die Eintracht den Italiener Luica Pellegrini von Juventus Turin ausleiht. Selbst dem Gegner schwant nichts Gutes: „Ich glaube, dass der Abgang von Kostic sehr schwer wiegt“, sagte Reals Mittelfeldspieler Toni Kroos. „Er war der beste Spieler im letzten Jahr.“ Für die Eintracht komme es in der Champions League „ein bisschen auf die Auslosung an“. Sonst wird das wohl nix.

Auffällig ist, dass der Trainer in den bisherigen drei Pflichtspielen bis auf eine Position immer der Mannschaft vertraute, die in der Vorsaison in Europa reüssierte. Er begründet das nicht mit einem generellen Bonus der etablierten Kräfte, sondern mit dem Anpassungsprozess der Neuen. „Sie sind noch nicht da, wo die anderen Jungs sind.“ Gerade was die Automatismen, auch beim Anlaufen und der Arbeit gegen den Ball angehe, hätten die Zugänge noch „Aufholbedarf“, und überhaupt: „Ich werde nicht alles über den Haufen werfen.“

Und doch würde der Mannschaft ein bisschen frisches Blut gut tun, vorne etwa ist Rafael Borré die Torgefährlichkeit abhanden gekommen, da könnten Randal Kolo Muani oder auch Lucas Alario eine Alternative sein. Und die bisherigen Partien haben gezeigt, dass Spiele, in denen der Gegner dominant auftritt und mit viel Tempo kommt, nicht prädestiniert für Mario Götze sind. Der einstige Nationalspieler wirkt im Wirbel dieses Hochgeschwindigkeitsfußball irgendwie verloren. Der 30-Jährige ist aber auch geholt worden, um Lösungen gegen tiefstehende Gegner zu finden. So wie die Hertha am Samstag. „Das wird eine ganz andere Partie, so ähnlich wie gegen Magdeburg“, orakelt Sportchef Krösche. Ein bisschen was steht schon auf dem Spiel.

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