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Rafael Borré: Der unterschätzte Dauerbrenner

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Von: Ingo Durstewitz

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Rafael Borré von Eintracht Frankfurt
Eintracht Frankfurts Rafael Santos Borré salutiert nach seinem Tor zum 1:0 gegen Olympiakos Piräus in der Europa League. (Archivfoto) © Arne Dedert/dpa

Der kolumbianische Stürmer schießt zwar keine Tore am Fließband, ist aber ein Fixpunkt im Spiel von Eintracht Frankfurt.

Frankfurt – Der kolumbianische Fußballprofi Rafael Santos Borré ist ein gewiefter, giftiger Stürmer, der sehr gerne dahin geht, wo es mal krachen und wehtun kann. Gefallen lässt er sich nichts, der Rafa, unlängst hat er sich sogar mit dem Wikinger Erling Haaland angelegt, der gut 20 Zentimeter größer ist als der 1,74 Meter hohe Eintracht-Angreifer, erst hat er den Dortmunder Koloss geschubst und ihm dann mehrfach fies in die Hacken getreten und ihn damit so in Rage gebracht, dass sich Haaland sogar Borrés Muttersprache bediente, um ihn zurechtzuweisen und ihn kurzerhand mit einem provozierenden Griff ans Gemächt zu einem Infight aufforderte. So ist er, Rafael Santos Borré Maury, 26 Jahre alt, in Barranquilla geboren, ein aufbrausender, galliger, furchtloser Typ. Und für Eintracht Frankfurt enorm wertvoll.

Der kolumbianische Nationalspieler geht in der öffentlichen Wahrnehmung so ein bisschen unter, was auf dem Platz oft genug nicht anders ist. Wenn es um die Eintracht-Offensive geht, wird die Bedeutung von Raumdeuter und Kreativkopf Daichi Kamada herausgestellt, die rasante Entwicklung von Frechdachs Jesper Lindström gelobt oder über die ungezügelte Power des Linksaußens Filip Kostic schwadroniert. Rafael Borré? Ach so, klar, ist ja auch noch da.

Eintracht Frankfurt: Borré mittlerweile unverzichtbar

Dabei ist der Südamerikaner für das Eintracht-Spiel ein absoluter Fixpunkt und tatsächlich unverzichtbar. Der vom argentinischen Topklub River Plate Buenos Aires ablösefrei gekommene Stürmer ist der einzige Frankfurter Spieler, der in allen 28 Pflichtpartien auf dem Platz stand, in der Bundesliga kommt er auf 1681 Minuten, nur Marathonmann Djibril Sow und Abwehrsouverän Evan Ndicka übertreffen diese Marke knapp (beide 1710 Minuten). Und das, obwohl Borré enormen Strapazen ausgesetzt ist und regelmäßig um die halbe Welt jettet, um die Farben seines Heimatlandes in Südamerika zu tragen. Ein, zwei Tage nach seiner Rückkehr steht er bei Trainer Oliver Glasner in der Startelf. Das sagt einiges.

Borré zeichnet Fleiß, Laufstärke und Willenskraft aus. Der 26-Jährige hat ganz schnell gemerkt, auf was es in der Bundesliga ankommt, auf Robustheit, Kampfkraft, Handlungsschnelligkeit und eine gewisse Schlitzohrigkeit. „Mir gefällt der Fußball hier, er ist schnell und aggressiv“, sagt er.

Der Angreifer hat auch deshalb kaum Zeit gebraucht, um sich zu akklimatisieren und die Liga zu adaptieren, weil er diese Art des Spiels aus Südamerika kennt, da musste er sich nicht selten gegen beinharte Verteidiger behaupten. Und er ist vom Typ her kein Freigeist, sondern eher Malocher mit einer guten Mentalität; aufgeben, wegducken, zurückziehen – kennt er nicht.

Borré ist im System von Trainer Oliver Glasner eine zentrale Figur, er ist der erste Verteidiger, der den Gegner früh attackiert, dem kein Weg zu weit ist und der sich, salopp formuliert, die Hacken abläuft. Das ist nicht immer schön, macht nicht viel Spaß und ist nicht unbedingt produktiv, aber es ist ungeheuer wichtig – gerade in einer Mannschaft, die sich nicht nur, aber auch über Pressing und frühe Ballgewinne definiert. „Ich werde nicht so schnell müde“, sagt er. „Das liegt wohl in meinen Genen.“

Kann auch feste schießen: Rafael Borré. Foto: Imago images
Kann auch feste schießen: Rafael Borré. © Eibner/Imago Images

Zudem schafft er es immer besser, trotz geringer Körpergröße die Bälle zu halten, was auch daran liegt, dass die Mannschaft mittlerweile vermehrt flach kombiniert. Doch selbst in den Luftduellen, in denen er eigentlich chancenlos scheint, gelingt es ihm oftmals, den Gegner zumindest an einer kontrollierten Abwehr zu hindern.

Rafael Borré bei Eintracht Frankfurt: lauf- und spielstark

Von diesen weichen Faktoren mal abgesehen: Borré schießt zwar nicht oft aufs Tor und manchmal geht er da vorne als Alleinunterhalter förmlich bis zur Unkenntlichkeit unter, aber er ist sehr wohl einer für die entscheidenden Momente: In den letzten acht Partien hat er vier Tore geschossen und genauso viele vorbereitet, insgesamt steht er bei sechs Treffern und fünf Vorlagen. Das ist keine Bilanz zum Niederknien, jedoch eine sehr passable, zumal sich sein Wert ja, wie beschrieben, auch an anderen Parametern ablesen lässt. Und: Zum vergleichbaren Zeitpunkt hatte sein Mittelstürmer-Vorgänger André Silva, der die Eintracht mit seinen famosen 28 Toren in der Vorsaison um ein Haar in die Champions League geballert hätte, eine klar schlechtere Quote. In seiner Premieren-Spielzeit stand der Portugiese nach 21 Spielen bei vier Toren und zwei Vorlagen.

Wie wichtig Borré ist, merkt man auch, wenn er irgendwann in der Endphase eines Spiels ausgepumpt vom Feld geholt wird. Zumeist sieht man erst dann, wie viel er geschuftet und wie viele Bälle er festgemacht hat. Das ist natürlich keine Auszeichnung für die Ersatzmänner. Zurzeit ist keiner in Sicht, der Borré auch nur annähernd ersetzen oder das Wasser reichen könnte, selbst ein System mit zwei Spitzen vermeidet Trainer Glasner, weil die übrigen Angreifer aktuell nicht auf dem Level performen, um eine ernsthafte Alternative zu sein.

Sam Lammers ist verunsichert bis ins Mark, schaffte es in Stuttgart nicht mal mehr in den 20-Mann-Kader. Ragnar Ache ist dauernd verletzt und wird generell von Selbstzweifeln gebremst und Goncalo Paciencia hat nach seinen Einwechslungen zuletzt äußerst dürftige Leistungen gezeigt. So bleibt es also bei Rafael Borré, dem unterschätzten Dauerbrenner der Frankfurter Eintracht. (Ingo Durstewitz)

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