Abgang: Filip Kostic (Nr.10) sieht Rot und muss vom Platz, Ömer Toprak (liegend) wird behandelt.
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Abgang: Filip Kostic (Nr.10) sieht Rot und muss vom Platz, Ömer Toprak (liegend) wird behandelt.

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Eintracht Frankfurt im Pokal ohne den unersetzlichen Rotsünder Kostic

  • Thomas Kilchenstein
    vonThomas Kilchenstein
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  • Ingo Durstewitz
    Ingo Durstewitz
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Der Ausschluss von Filip Kostic trübt bei Eintracht Frankfurt die Freude über den Halbfinaleinzug kolossal - der 27 Jahre alte Serbe ist einfach unersetzlich.

Frankfurt - Der Sieg des Königs Pyrrhos I. von Epirus über die Römer im Jahr 279 v. Chr. in der Schlacht von Asculum war ein ziemlich teuer erkaufter. Die Armee des Diadochenkriegers war nach jenem Gefecht extrem geschwächt, fast schon aufgerieben. Der Legende nach soll König Pyrrhos einem Vertrauten zugerufen haben: „Noch so ein Sieg, und wir sind verloren.“ Daraus etablierte sich die Metapher vom Pyrrhussieg, eines (zu) teuer erkauften Erfolgs.

Mit ein wenig Spinnerei könnte man den Einzug der Frankfurter Eintracht ins DFB-Halbfinale ebenfalls als Pyrrhussieg bezeichnen. Der 2:0-Erfolg am Mittwochabend gegen den SV Werder Bremen wurde extrem teuer erkauft: Die absolut berechtigte Rote Karte für Filip Kostic in der ersten Minute der Nachspielzeit nach dessen zwar unbeabsichtigten, dennoch bösen Tritt in die Wade des Bremers Verteidigers Ömer Toprak ist mehr als „ein Wermutstropfen“, wie Trainer Adi Hütter sagte, viel mehr. Ohne Filip Kostic ist die Frankfurter Eintracht ihrer wirksamsten Waffe beraubt, ohne Filip Kostic geht im Grunde kaum noch Gefahr aus, ohne Filip Kostic ist diese Mannschaft mindestens um die Hälfte schwächer. „Kostic“, sagt Hütter treffend, „ist unser Schlüsselspieler.“

So wichtig ist Filip Kostic in dieser Saison für Eintracht Frankfurt

In dieser Saison hat der 27 Jahre alte Serbe in 38 Pflichtspielen allein zwölf Tore erzielt und 16 Vorlagen gegeben, er war also direkt an 28 der insgesamt 77 Frankfurter Toren beteiligt - und wenn man den vorletzten Pass hinzuzählt, dürfte seine Quote noch deutlich besser sein. Kostic ist für die Eintracht unersetzlich, keiner kommt auch nur im Entferntesten an seine Dynamik, an seine rasanten Soli, an sein Tempo, an seine Torgefahr heran. Und keiner in der gesamten Liga schaufelt mehr konstant gute Flanken in den Strafraum; auch im Pokal gegen Werder war er es, der die Flanke vor dem Handelfmeter schlug, er war es, der mit einer präzisen Hereingabe das 2:0 durch Daichi Kamada auflegte. Wenn etwas funktioniert hat im Frankfurter Spiel in dieser (und der Saison davor), dann war es der linke Flügel, war es der nie zu stoppende Filip Kostic. Er war es, der in schöner Regelmäßigkeit den Unterschied ausmachte. Jeder Feldspieler in dieser Frankfurter Mannschaft mag zu ersetzen sein, Filip Kostic ist es nicht.

Filip Kostic von Eintracht Frankfurt ist nicht als einer bekannt, der zulangt

Natürlich war seine Aktion überflüssig und dumm, aber auch ohne jeden Vorsatz. Kostic selbst entschuldigte sich noch am Abend in den Katakomben bei Bremens Trainer Florian Kohfeldt, anderntags sandte er via Instagram beste Genesungswünsche an den „lieben Ömer“, es tue ihm entsetzlich leid. „Es war nicht meine Absicht, dich zu verletzen. Gott sei Dank ist es nicht so schlimm wie zunächst befürchtet.“ Toprak erlitt entgegen ersten Vermutungen keinen Wadenbeinbruch, er kam mit einer Riss-Quetschwunde an der Wade davon, am Abend kehrte der Verteidiger ins Mannschaftshotel in Frankfurt zurück. Kostic ist nicht als einer bekannt, der zulangt - obwohl er selbst häufig gefoult wird. Seit er sein Heimatland vor acht Jahren verlassen hat, ist er nie des Feldes verwiesen worden. Gelb sieht der außerhalb des Feldes eher zurückhaltend daherkommende Mann nur wegen Meckerns oder Abwinkens.

Der Ausfall des besten Spielers, der sehr wahrscheinlich für zwei Spiele gesperrt wird und damit das Halbfinale (am 21. oder 22. April) und ein mögliches Finale in Berlin verpassen wird, hat enorm auf die Stimmung im Frankfurter Lage gedrückt. Der Ausschluss war allen auf die gute Laune geschlagen. „Das ist das Traurige an dem Spiel“, sagte Eintracht-Sportvorstand Fredi Bobic, dazu wünschte er sich eine Regeländerung: „Normalerweise müssen alle Karten nach einem Halbfinale gelöscht werden – ob Gelb oder Rot. Du nimmst den Jungs eine große Geschichte weg.“ Ohne Kostic, so viel steht fest, fehlt einem die Fantasie, dass es für Eintracht Frankfurt zu einem Happy End kommen könnte im DFB-Pokal.

Eintracht Frankfurt erreicht das dritte Mal in vier Jahren das Halbfinale des DFB-Pokals

Am Abend sagte Trainer Hütter fast trotzig, dass er sich trotzdem freue, das Halbfinale erreicht zu haben. Es ist für die Eintracht das dritte Mal in vier Jahren, dass sie in diesem Pokalwettbewerb unter die letzten Vier kommt, eine sehr erstaunliche Leistung, und sie festigte erneut ihren Ruf, eine Pokalmannschaft zu sein, ein Team, das K.o.-Spiele liebt. „Wenn ich mal die Uhr zurückdrehe, ist es auch für mich persönlich schön. Bei meinem Anfang hier in Frankfurt haben wir erst eine 0:5-Klatsche gegen Bayern bekommen und sind dann gegen Ulm im Pokal rausgeflogen. Das war nicht so prickelnd.“

Umso mehr freue er sich, nun im Halbfinale zu stehen (für das es nebenbei noch 2,8 Millionen Euro Prämie gibt). Dass der Erfolg gegen eine weitgehend matte Bremer Elf verdient war, darüber gab es keine zwei Meinungen, selbst wenn die Hessen bei der Entscheidung kurz vor der Pause per Videoassistent mit Fortuna im Bunde waren. „Der Elfmeter war die Schlüsselszene“, erläuterte Hütter, „es war eine glückliche Entscheidung für uns.“ Jetzt wünschen sich die Hessen ein Heimspiel, sollte die Eintracht den Viertligisten 1.FC Saarbrücken zugelost bekommen, müsste sie dort antreten, entweder in Völklingen oder in einer größeren Arena in Kaiserslautern oder Mainz. Das Stadion in Saarbrücken wird seit Jahren umgebaut. Die Auslosung ist am Sonntag ab 18 Uhr in der ARD-Sportschau.

Eintracht Frankfurt: Adi Hütter ist immer für eine Überraschung gut – Wer ersetzt Kostic?

Trainer Hütter wird einen Ersatz finden müssen für den eigentlich Unersetzlichen, das ist schwer genug. „Wir haben einen ordentlichen Kader“, sagt der 50 Jahre alte Fußballlehrer, nun müssten eben andere einspringen. „Filip hat uns so viel gegeben, jetzt muss die Mannschaft ihm helfen“, sagte etwa Mittelfeldspieler Djibril Sow, der eines seiner besseren Spiele machte. Erste Alternativen auf dem linken Flügel wären Mijat Gacinovic, Timothy Chandler oder Erik Durm, die aber auf dieser Position nicht zu Hause sind. Er werde vielleicht „einen rauszaubern“ müssen, sagte Hütter, grinste breit - und nannte einen Namen: „Martin Hinteregger.“ Einen gewissen Charme hätte diese ungewöhnliche Personalie auf Zeit allemal und so ganz abwegig, wie sie auf den ersten Blick erscheint, ist sie auch nicht: Hinteregger ist ein Linksfuß, hat eine gewisse Dynamik, kann flanken und schießen und torgefährlich ist er mit bislang sieben Pflichtspieltreffern auch. Und für eine Überraschung ist Adi Hütter immer gut.

Andererseits kann sich Eintracht Frankfurt dadurch schon mal darauf einstellen, wie es ist, wenn Filip Kostic nicht mehr dazu gehören wird. Sehr wahrscheinlich wird der Linksaußen am Saisonende nämlich nicht zu halten sein, 45 Millionen Euro könnten bei einem Verkauf erlöst werden, und insgeheim rechnet die Eintracht-Führung mit dem Abgang des Leistungsträgers. Der Trennungsschmerz wird groß sein. Sehr, sehr groß.

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